Standortsuche für Atomendlager Die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick

Nach dem Zwischenbericht über mögliche Endlager-Standorte weisen 90 Gebiete entsprechende Voraussetzungen auf. Foto: dpa/Jochen Lübke
Nach dem Zwischenbericht über mögliche Endlager-Standorte weisen 90 Gebiete entsprechende Voraussetzungen auf. Foto: dpa/Jochen Lübke

Irgendwo in Deutschland muss der radioaktive Abfall aus den deutschen Atomkraftwerken gelagert werden. Nach dem ersten Zwischenbericht über mögliche Standorte nimmt der politische Streit aber sofort Fahrt auf.

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Berlin/Hannover/München - Es ist die erste Etappe in einer langen Suche, nichts ist entschieden. Dennoch dürften sich nun viele Menschen in Deutschland fragen: Kommt bald ein Atomklo in meine Nachbarschaft? Denn insgesamt weisen nach einem Zwischenbericht 90 Gebiete günstige geologische Voraussetzungen auf, die nun genauer unter die Lupe genommen werden sollen.

Lesen Sie hier: Baden-Württemberg möglicher Endlagerstandort

Gesucht wird der beste Ort, um hoch radioaktiven Atommüll eine Million Jahre lang möglichst sicher zu lagern. Nicht dabei ist der Salzstock Gorleben, der wie kein zweiter Ort als Symbol für die Anti-Atomkraftbewegung steht. Fragen und Antworten rund um ein heikles Thema.

Warum wird überhaupt ein Endlager gesucht?

Spätestens Ende 2022 geht in Deutschland der letzte Atomreaktor vom Netz. Was übrig bleibt, sind unter anderem hochgefährliche Abfälle, die noch viele tausend Jahre strahlen - und zwar etwa 1900 Behälter oder 27 000 Kubikmeter. Wo dieser Müll hin soll, ist offen. Es braucht ein Endlager, und es soll in Deutschland unterirdisch entstehen, 500 Jahre lang soll der Atommüll wieder geborgen werden können, falls das notwendig oder sinnvoll ist. Weltweit suchen viele Länder nach Standorten und verfolgen Endlager-Projekte, fertig ist noch keines damit.

Wie läuft die Suche ab?

Der Zeitplan klingt großzügig, ist aber eng. 2031 soll der Standort gefunden sein und 2050 soll das Endlager in Betrieb gehen. Ausgehend von einer „weißen Landkarte“, auf der erst mal jeder Ort grundsätzlich in Frage kommt, wird nach und nach eingegrenzt. Es gibt Ausschlusskriterien, notwendige Bedingungen und Abwägungskriterien. So will man sich langsam ran tasten - wissenschaftsbasiert und transparent. Am Ende soll der Bundestag die endgültige Entscheidung für einen Standort treffen. Teilgebiete festzulegen ist der erste Schritt. Aus diesen werden Standortregionen ausgewählt. Sie werden übertägig erkundet, einige davon dann untertägig in Bergwerken.

Welche Regionen kommen in Frage, wie soll es da aussehen?

Wirtsgesteine können Salz, Ton und Kristallin wie etwa Granit sein. 300 Meter Gestein sollen es sein zwischen Erdoberfläche und Endlager. Gibt es da Bergwerke, Erdbeben-Risiken, vulkanische Aktivitäten, junges Grundwasser? Dann ist der Standort ungeeignet. Aber auch die Besiedlung und andere Kriterien an der Oberfläche spielen eine Rolle. In der ersten Phase wurden nur Daten ausgewertet, die man schon hat. In der zweiten Phase wird an möglichen Standorten dann auch gebohrt und gemessen - dabei werden weitere Regionen ausgeschlossen. In einer dritten Phase werden dann Erkundungsbergwerke gebaut, um noch gründlicher zu prüfen, welches der beste Ort sein könnte.

Was steht in dem Zwischenbericht?

Nach Erkenntnissen der Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE) weisen 90 Gebiete in Deutschland günstige geologische Voraussetzungen auf. Ein Anteil von 54 Prozent der Landesfläche ist als Teilgebiet ausgewiesen, darin ist die Überlagerung einiger Gebiete berücksichtigt. Teilgebiete sind laut BGE Gebiete, die eine günstige geologische Gesamtsituation für die Lagerung hoch radioaktiver Abfälle erwarten lassen. Die Teilgebiete verteilen sich auf alle Bundesländer mit Ausnahme des Saarlands. Laut Bericht gibt es sehr kleine Teilgebiete, beispielsweise Salzstöcke - aber auch sehr große Teilgebiete, etwa große Tonformationen. Diese können sich auch über Bundesländergrenzen hinweg erstrecken.

Die BGE ist operativ für die Suche verantwortlich. Das neue Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung (BASE) hat die Aufsicht und ist dafür verantwortlich, dass es gesetzeskonform zugeht. Das Amt bindet auch die Öffentlichkeit ein. Die Oberaufsicht liegt beim Bundesumweltministerium.

Warum hat man mit der Suche noch mal von vorn angefangen?

In den 70er Jahren hatte die Politik die Entscheidung getroffen, im Salzstock Gorleben in Niedersachsen ein Endlager einzurichten. Wie es zu dieser Entscheidung kam, wurde nie so ganz geklärt. Sicher ist, dass die Anwohner - und nicht nur sie - sich jahrzehntelang wehrten. Gorleben wurde zu einem Symbol der Anti-Atomkraft-Bewegung, man denke etwa an die „Republik Freies Wendland“. Um diesen tiefen gesellschaftlichen Konflikt zu befrieden, wurde die Endlager-Suche neu gestartet, das Gesetz dazu gibt es seit 2013. Diesmal soll es streng wissenschaftlich und transparent zugehen. Die Bürger sollen genau wissen, warum welche Region am Ende ausgewählt wird.

Warum ist der Salzstock Gorleben raus?

Geologische Mängel haben den Salzstock Gorleben ausgeschlossen. Unter anderem weist der Salzstock ein nicht intaktes Deckgebirge vor, auch die Gewässerchemie spricht laut BGE-Zwischenbericht gegen den Standort. Die Entscheidung, Gorleben schon in einem frühen Stadium aus dem Suchverfahren zu nehmen, sei rein wissenschaftlich erfolgt, es habe keinen politischen Druck gegeben. Gorleben weise keine „günstige Gesamtsituation“ auf.

Warum kommt Kritik vor allem aus Bayern?

Praktisch über Nacht wurden fast 42 000 Quadratkilometer des Freistaats zum zumindest geologisch geeigneten Standort eines Atommüllendlagers ausgewählt. Kein anderes Bundesland geht damit mit mehr Fläche in die weitere Endlagersuche. Obwohl man in Bayern durchaus wusste, dass die gesuchten Wirtsgesteine - Granit, Salz und Ton - auch hier vielerorts vorkommen, war sich die Staatsregierung immer sicher, dass die Geologie dennoch nicht ausreicht, um den strahlenden Müll für eine Million Jahre zu verstecken. Nachdem aber laut BGE auch eine Barriere aus Gestein und technischen Maßnahmen, also etwa Betonbunker, und spezielle Container, als ausreichend angesehen werden, sieht Bayern einen Grundsatz der Endlagersuche beschädigt. Hinzu kommt, dass CSU und Freie Wähler das Gefühl haben, das Verfahren sei nicht wissenschaftlich geführt, also fair, sondern politisch motiviert.

Können die Bürger diesmal mitreden?

Ja. Es wurde ein Nationales Begleitgremium eingesetzt, das den Behörden auf die Finger schaut - es darf auch Daten einsehen, die zunächst nicht veröffentlicht werden. Die Fachkonferenz Teilgebiete startet am 17./18. Oktober in Kassel. Bis Juni 2021 gibt es dann noch drei Beratungstermine. Sind die Standortregionen ausgewählt, gibt es dort Regionalkonferenzen, die etwa eine Überprüfung der bisherigen Such-Ergebnisse fordern können. Vertreter dieser Konferenzen bilden wiederum den Rat der Regionen. Klagen sind immer wieder möglich.

Was ist mit den Atommüll-Zwischenlagern?

An mehreren Orten in Deutschland lagern hoch radioaktive Abfälle in Zwischenlagern. Sie sind mit Sicherheitspersonal, Mauern und Stacheldraht gesichert - aber längst nicht so sicher wie das geplante Endlager in der Tiefe. Die Genehmigungen für diese Zwischenlager laufen ab der zweiten Hälfte der 2030er-Jahre aus. Das wird wegen des Neustarts der Endlager-Suche nicht ausreichen. Über Verlängerungen wird schon beraten. Zentrale Zwischenlager gibt es in Gorleben und Ahaus, dazu kommen zahlreiche dezentrale Zwischenlager an Atomkraftwerken sowie Lager in Jülich und Lubmin.




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