Stars der Manege Die Kaiserdisziplin

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Kamele, die durch die Stadt schlendern, ein Rind, das einen Autounfall verursacht, ein Känguru, das über Bahngleise hüpft: Mit seinen ungeplanten Tiernummern erregt der traditionsreiche Familienbetrieb Circus Kaiser mehr Aufsehen als mit seinen geprobten Aufführungen.

Loredana und Luciano sind die jüngsten Stars dieser Manege. Foto: Andreas Reiner
Loredana und Luciano sind die jüngsten Stars dieser Manege. Foto: Andreas Reiner

Blaustein - Sehr geehrte Damen und Herren! Herzlich willkommen im Circus Kaiser! Freuen Sie sich auf unsere exotischen Tiere. Lassen Sie sich entführen von unseren mutigen Artisten. Vergessen Sie den grauen Alltag, tauchen Sie ein in die bunte Zirkuswelt!“ Der Showdirektor Artur Kaiser, der im Laufe der Veranstaltung auch Akrobat und Dompteur sein wird, steht in einem blauen Frack mit goldenen Epauletten in der mit Sägespänen bestreuten Manege und strahlt. Knapp 40 Zuschauer sitzen in dem Zelt, das Raum für 900 bietet. Der Direktor ist froh. Fast 40 Zuschauer! Das sind ungefähr 40 mehr, als er erwartet hat.

Draußen strahlt der Himmel blauer als der Direktorenfrack. Und die Sonne glänzt güldener als die Epauletten auf den Schultern. Bestes Freibadwetter. Schlechtestes Zirkuswetter. Man kann sich auf der hölzernen Bank unter dem blauroten Zelthimmel sitzend schon die Frage stellen, wer hier wen entführt aus dem grauen Alltag.

Das riesige Zelt steht auf einer Wiese am Ortsausgang von Blaustein. 1300 Euro Miete ist dem Circus Kaiser der Standort für sein viertägiges Gastspiel wert. Es ist in den Augen des formalen Zirkusdirektors André Kaiser ein 1-a-Standort. Von der viel befahrenen B 28 muss das Zelt jedem Autofahrer ins Auge springen. Und die Kamele und Lamas, die neben dem Zelt rumstehen, ziehen die Blicke der Passagiere in den vorbeibummelnden Zügen gewiss auch automatisch an. Der Circus Kaiser ist auch bekannt als „Der mit den vielen Tieren!“. Ein ungarisches Steppenrind gehört zu ihm, ein Shetty, ein Wasserbüffel, ein Bison, zwei Zwergzebus, ein Yak, ein Watussirind, vier Esel, acht Miniponys, sieben Lamas, acht Pferde, vier Ziegen, vier Schafe, fünf Antilopen, vier Kängurus, zwei Sträuße, neun Hunde, zwei Dromedare, neun Kamele, zwei Gänse und drei Hühner. Macht 79 Tiere. Wobei die drei Hühner nur als Vorsorgeeinheit zur Truppe gehören: Geht es ihnen schlecht, stimmt auch mit den Gänsen Bruce und Lee was nicht, die als „weiße Schnabelgiraffen“ auftreten.

Kängurus hüpfen über die Felder von Harthausen

In den vergangenen Monaten ist der Circus Kaiser eher als der Zirkus bekannt geworden, dem die vielen Tiere ausbüxen. Bei seinem Aufenthalt in Weil der Stadt im März verlassen zehn Kamele und ein Schaf ihre Gehege. In Holzgerlingen spaziert im April ein junger Bulle davon. Im Mai hüpfen vier Kängurus über die Felder von Harthausen, im Juni schlendert in Süßen ein Rind über die Straße und verursacht einen Autounfall. Und in Blaustein macht sich an diesem frühen Julimorgen ein Känguru auf den Weg nach Ulm. Weil es über die Gleise wandert, werden alle Züge angehalten.

Wie bei jeder dieser ungeplanten Tiernummern gibt es auch hier zwei Versionen. Der Zirkuschef André Kaiser sagt, das Känguru sei gar nicht abgehauen gewesen. Wahrscheinlich habe jemand das Tier beim Grasen gesehen, nicht aber den Zaun drum herum. Den Bahnverkehr habe man wohl prophylaktisch angehalten. Die Polizei hingegen hat bei ihrem Einsatz nicht nur das Känguru „auf dem Gleiskörper in Richtung Ulm“ gesichtet, sondern auch festgestellt, dass sein Gehege offen stand.

Am Mittag kommen zwei Journalistinnen vom Lokalradio auf die große Wiese am Ortsausgang. Nicht wegen der Premiere. Wegen des Kängurus. Womöglich ist es überhaupt nicht relevant, ob André Kaiser versucht, mit den Tatsachen zu jonglieren. Die Probleme sind so oder so da.

André Kaisers nackter Oberkörper glänzt, seine lockigen Haare sind nass. Es ist noch nicht mal Mittag, und das Thermometer zeigt schon seit Stunden mehr als 30 Grad an. Der Zirkuschef schleppt einen Sack voller Brotlaibe und Brötchen an. Er schüttet das Futter in die Gehege. Dann eilt André Kaiser ins Zelt zu seinem Bruder Artur, wo es noch heißer ist. Die Scheinwerfer müssen installiert und die Boxen für die Musikanlage angeschlossen werden. Das Dach ist auch noch nicht so straff, wie es sein soll. Und ist die Tribüne stabil? Irgendwann sollten die Sägespäne in der Manege verteilt, die Pferde gestriegelt und die Kamele herausgeputzt werden. Die Zeit bis zur Aufführung um 16 Uhr läuft ab.