Stationentheater in Rietenau Reichlich Stoff für Theater

Von Annette Clauß 

„Heimat – Sommer – Gärten“ heißt das neue Stück der Rietenauer Theatergruppe 25/1. Die Zeitreise führt von Station zu Station quer durch das Dorf – und zurück in ein Jahrzehnt des Umbruchs, die 1920er-Jahre.

Rietenau, 1922: bei der Enthüllung des Kriegerdenkmals  wird heiß diskutiert und politisiert Foto: Gottfried Stoppel
Rietenau, 1922: bei der Enthüllung des Kriegerdenkmals wird heiß diskutiert und politisiert Foto: Gottfried Stoppel

Aspach - Sechsundzwanzig Männer aus dem Dorf sind an der Front gefallen. Vier Jahre nach Kriegsende, im Jahr 1922, haben sich die Menschen auf dem Kirchplatz in Rietenau versammelt: Das neue Kriegerdenkmal mit einem knienden Soldaten obenauf wird enthüllt. August Brändle, der Vorsitzende des Christlichen Kunstvereins, trägt einen schwarzen Frack und Zylinder und spricht in seiner Rede davon, wie „süß und ehrenvoll“ es sei, für das Vaterland zu sterben. Schon diskutieren und politisieren die Umstehenden – über den Krieg und die vielen Opfer, über die Kommunisten und die Sozis, die nach der Meinung mancher schuld sind am verlorenen Krieg. „Der Dolchstoß“, schreit ein Mann.

Was für ein Theater! Ja, es ist wieder so weit – die Schauspieler des Amateurtheaters 25/1 sind in Rietenau unterwegs. Wie schon in den vergangenen fünf Jahren bespielt die rund 25-köpfige Truppe um das Theaterpädagogen-Ehepaar Lea und Rolf Butsch den idyllischen Flecken, der dank seines Mineralwassers bereits im 15. Jahrhundert ein Kur- und Badeort war, in dem sich immer auch Fremde erholten.

Erholungssuchende Städter in der Dorfidylle

In den 1920er Jahren waren das vor allem Mitarbeiter der 1906 in Stuttgart gegründeten Zigarettenfabrik Waldorf-Astoria. „Die Firma hat das Rietenauer Bad damals als Betriebskurort übernommen“, erzählt Lea Butsch, die das Theaterstück mit dem Titel „Heimat – Sommer – Gärten“ geschrieben hat (siehe „Theater in Rietenau und anderswo“).

„Mein Text ist die Hülle, welche die Spieler füllen. Es ist schon gewünscht, dass die Schauspieler eigene Dinge einbringen. Das ist ein Prozess“, sagt die Theaterpädagogin und Sozialarbeiterin. Und so ist in der Endfassung des Stücks nun manches anders als ursprünglich gedacht. Zum Beispiel wird fleißig musiziert und so viel gesungen wie noch nie. Acht Bläser des örtlichen Posaunenchors wirken bei den Vorstellungen mit, außerdem, so versprechen die Butschs, „eine begnadete Akkordeonspielerin“. Das „Ännchen von Tharau“ erklingt, und das Schauspielerensemble versucht sich an etlichen kessen Gassenhauern, wie sie die Comedian Harmonists berühmt gemacht haben.

Um die Lebensfreude und die große Freiheit, aber auch die immense Verunsicherung und Haltlosigkeit der Menschen in den 1920er Jahren dreht sich das knapp zweistündige Stück der Theaterleute. „Das war eine interessante Zeit“, sagt Rolf Butsch – auch in Rietenau. Da prallten Dorfbewohner und Städter, der Hunger nach Leben und die pietistische Enge aufeinander. „Nach dem Krieg herrschte akuter Männermangel, auch in Rietenau“, sagt Lea Butsch, „und jetzt kommen Männer aus der Großstadt – das ist doch Stoff für Theater.“

Eine Liebesgeschichte? Muss sein!

Eine gute Portion Volksglauben sei damals ebenfalls noch gegenwärtig gewesen, weiß Rolf Butsch – viele hätten etwa an die Existenz von Hexen geglaubt. „Wenn man ein bisschen am Firnis kratzt, kommt so einiges zum Vorschein“, sagt seine Frau, die wie immer eine Liebesgeschichte mit eingearbeitet hat: „Das muss sein.“

Dieses Mal entwickelt sie sich zwischen Frieder, einem armen Schlucker, der bei den Schweinen arbeitet, und der Witwe Rikele, deren Mann an der Front gefallen ist. Für Frieder ist die Zeit des Umbruchs eine große Chance – er schafft den Aufstieg aus dem Saustall in einen Job als Hilfsfahrer bei der Firma Kaelble in Backnang.

Die Theaterbesucher erleben Rikeles und Frieders Hochzeit, außerdem sind sie bei einem Schlachtfest mit von der Partie. Allerdings muss dort kein Tier sein Leben lassen. Gemeinsam mit den Schauspielern wandern sie von Station zu Station durch das Dorf – zur Kirche und der Dorfkastanie, sogar einige Privatgärten dürfen die Theaterleute als Spielort nutzen. Im Heimatmuseum stellen die Theaterleute eine pietistische „Stunde“ nach – samt Harmonium, einem damals häufig genutzten Instrument, das als „Hallelujapumpe“ oder „Psalmenquetsche“ verspottet wurde. Die Inszenierung im Heimatmuseum werde eine Gratwanderung, auf der das ein oder andere Näpfchen lauere, vermuten die Theaterleute. Sie riskieren es dennoch, denn: „Wir wollen zwar unterhalten, aber bei uns muss man auch immer eine Kröte schlucken.“