Stefan Marhoun ist Ballistiker beim LKA Spuren im Pistolenlauf
Mit welcher Waffe wurde ein Verbrechen begangen? Wo genau stand der Schütze? Stefan Marhoun entschlüsselt die Sprache von Gewehren und Pistolen.
Mit welcher Waffe wurde ein Verbrechen begangen? Wo genau stand der Schütze? Stefan Marhoun entschlüsselt die Sprache von Gewehren und Pistolen.
Auf dem Tisch liegt eine Glock 17, Kaliber 9 mm. Kollegen haben sie bei einer Hausdurchsuchung sichergestellt. Die Waffennummer ist abgeschliffen, was schon mal einen ziemlich halbseidenen Eindruck macht. Wurde damit eine Straftat begangen? Womöglich ein Mord? Stefan Marhoun soll es herausfinden.
Eine Pistole ist nicht verbrecherisch. Sie hat keine üble Absicht, kein Gewissen. Und doch haftet vielen Schusswaffen, die hier im Landeskriminalamt landen, etwas Komplizenhaftes an. Sie sind da in was reingeraten. Sie sind irgendwie zu Mittätern geworden, als Werkzeuge von Männern im heißen Wahn oder mit eiskaltem Kalkül.
Die Glocks, Sig Sauers, Berettas bilden ein imaginäres Band zwischen Tätern und Opfern. Zwischen dem kaum volljährigen Mann und der 23-jährigen Frau, die er Anfang des Jahres in der Heidelberger Universität erschoss, bevor er sich selbst richtete. Sie waren sich nie zuvor begegnet. Erst mit dem Repetiergewehr, das der Täter legal in Österreich erworben hatte, schuf er eine grauenhaft-unauflösliche Verknüpfung.
Marhoun darf so nicht denken. Er kennt die Fälle hinter seinen Untersuchungsobjekten nur in Grundzügen. Mehr soll gar nicht sein. Mag in der Welt draußen auch Böses geschehen. Er überführt im schmucklos gehaltenen LKA-Bau die Taten in technische Einzelheiten und eine neue Sachlichkeit.
Marhoun, 47, ist Ballistiker beim Landeskriminalamt. Er begann als Schutzpolizist in der Stuttgarter Innenstadt, studierte an der Polizeihochschule, wurde Gruppenführer einer Einsatzhundertschaft, wechselte zum Ermittlungsdienst Prostitution in Cannstatt, dann zum Kriminaldauerdienst in Schwäbisch Gmünd.
Da hatte er mal zu tun mit einem Suizid durch eine selbst gebaute Waffe und der Frage: Kann es wirklich sein, dass sich der Mann damit getötet hat? Damals bekam er mit, wie die Ballistiker an den Fall rangingen. Das fand er interessant. Als eine Stelle frei wurde, bewarb er sich. Drei Jahre wurde er im LKA und beim Bundeskriminalamt ausgebildet. Jetzt ist er Experte für Schusswaffen und Schusswaffenspuren aller Art. Gut 150 Gutachten erstellt er im Jahr. Ihm gefällt der Job. Und dass er keinen Schichtdienst mehr hat.
Marhoun arbeitet keine Gefühle oder Motive heraus, er hält sich an physikalische Fakten. Ein Kurzwaffengeschoss fliegt bis zu drei Kilometer weit, bei Langwaffen sind es fünf Kilometer – abhängig von Variablen wie Lufttemperatur, Wind, Kaliber. Trifft ein Vollmantelrundkopf-Projektil auf einen Muskel, geht es sauber durch. Bei Knochen sind erhebliche Abweichungen zu erwarten. Ein Flachkopfgeschoss hat eine größere Auftrittsfläche und verursacht einen größeren Wundkanal. Hohlspitzgeschosse pilzen sich im Körper auf und fügen wüste Verletzungen zu, der Experte spricht von hoher Mann-stoppwirkung. Stefan Marhoun hat noch nie auf einen Menschen schießen müssen. „Und darüber“, sagt er, „bin ich sehr froh.“
Bei akuten Fällen gehen er und seine sechs Kollegen auch raus an den noch heißen, mit allen Spuren behafteten Tatort. In Boxberg schoss im April ein mutmaßlicher Reichsbürger auf einen SEK-Polizisten und verletzte ihn schwer. Das Haus war ein einziges Waffenlager. Die LKA-Ballistiker fanden zahlreiche Kriegswaffen, im Wohnzimmer stand ein Maschinengewehr.
In Rot am See löschte vor zwei Jahren ein junger Mann seine Familie aus. 30 Schüsse, sechs Tote. Die Spezialisten aus Stuttgart befassten sich auch mit der Frage: Gab es einen Schusswechsel oder feuerte nur der Täter?
In Göppingen wurde im Mai ein Mann offenbar aus einem Auto heraus beschossen und schwer verletzt. Wenn Marhoun dann der Schussrichtung und Schussentfernung nachgeht, erinnert er mit seinem Laser-Apparat an einen Vermessungsingenieur.
Nicht hinter jedem Geschoss muss kriminelle Energie stecken. Ein Backnanger Bürger saß friedlich am Frühstückstisch, als ein Projektil dahergeflogen kam, an der Balkonbrüstung abprallte und sich auf seinem Wohnzimmerteppich zur Ruhe legte. Marhouns Schusswinkelberechnung passte perfekt, sie führte ziemlich genau zu einem Hochsitz in vier Kilometer Entfernung. Zwei Jäger kamen in Frage. Keiner der beiden wollte geschossen haben. Marhoun fand den Lügner. Dessen Irrläufer war natürlich ein Versehen und verletzte auch niemanden. Darf aber trotzdem nicht passieren.
Andere Landeskriminalämter haben Hundert-Meter-Schießbahnen. In der Stuttgarter Taubenheimstraße muss Stefan Marhoun aus ein paar Metern Entfernung auf eine gummiartige Wand schießen, um zu prüfen, ob eine beschlagnahmte Waffe überhaupt funktioniert.
Mit der Glock schießt er in ein zwei Meter langes, mit Watte ausgestopftes Rohr, denn für seine Analyse braucht er ein unbeschädigtes Geschoss. Watte bremst es genauso stark und schonend ab wie Wasser. Nach einer Weile hat er das heile Projektil gefunden und kann es aus dem Wattemantel schälen. Die Patronenhülse hebt er vom Boden auf. Beide kommen unter das Mikroskop.
Welche unverwechselbaren Spuren drückt der Stoßboden in die Patronenhülse, wenn er sie bei bis zu mehreren tausend Bar Druck auf den Weg schickt? Welche Riefen bekommt ein Projektil ab, wenn es teils mit Überschallgeschwindigkeit durch den Lauf getrieben wird? Schon ein Sandkorn oder andere kleinste Verunreinigungen verändern das Profil im Pistolenlauf so spezifisch und dauerhaft, dass es auf den Patronen eine Art Fingerabdruck der Waffe hinterlässt.
Unter dem Mikroskop verwandeln sich die winzigen Riefen in hohe Berge. Die Gebirge von Marhouns eingesammelter Glock-Munition werden nun mit den Gebirgen der Patronen und Hülsen in Wiesbaden verglichen. Beim Bundeskriminalamt sind Schussbilder von Tausenden Tatwaffen gespeichert. Findet sich ein Treffer? Dann wurde mit der Glock bereits ein Verbrechen verübt.
Doch aufgepasst! Marhoun muss immer unterscheiden: Sieht er auf dem Geschoss wirklich den einzigarten Fingerabdruck der Waffe? Oder stammen die Riefen vom Profil, das der Pistole bereits vom Werk aus mitgegeben wurde? Kein Lauf ist innen glatt, sonst geriete das Projektil auf seinem Flug ins Schlingern. Zur Drallstabilisierung wird ein Profil in jeden Lauf gehämmert. Zwei aus demselben Rohling gefertigte Läufe sind, wenn sie die Fabrik verlassen, zunächst noch identische Zwillinge. Dann erst entwickelt jede Waffe ihr ganz eigenes Wesen.
So verbringt Marhoun viel Zeit, um auf Mikroskopbildern nach Übereinstimmungen zu suchen, seinen Blick vom einen zum anderen Bild wandern zu lassen. „Nach einer Stunde sollte man eine Pause einlegen, weil man plötzlich Sachen sieht, die es nicht gibt.“ Es gilt das Vier-Augen-Prinzip. Auch ein Kollege Marhouns muss sich der Sache sicher sein. Vom LKA-Gutachten kann in Prozessen das Urteil des Richters abhängen.
Einen Stock tiefer zieht Marhoun die schwere Panzertür zur Waffenkammer auf: Tausende Revolver, Sturmgewehre, Schrotflinten, Halbautomaten, Vollautomaten, Pumpguns, Granatenwerfer. Alles illegale oder in Straftaten verstrickte Waffen. Auch ihnen machte man irgendwie den Prozess. Was nicht in der Schrottpresse endete, wurde weggesperrt. Lebenslange LKA-Kellerhaft. Marhoun hilft die Sammlung, um unterschiedlichste Vergleichswaffen an die Hand zu bekommen. Zudem ist das Arsenal ein Ersatzteillager. Da kann er testen, ob eine konfiszierte Waffe denn funktioniert, wenn er den defekten Schlagbolzen austauscht.
Er hat vor allem mit nicht registrierten Waffen zu tun. „Mit ihnen wird das Gros der Straftaten verübt – auch wenn Verbrechen mit legalen Waffen wie in Rot am See oder in Winnenden oft die spektakuläreren sind“, sagt Marhoun. Seit dem Ende des Jugoslawienkriegs und der Öffnung des Ostblocks sei es leider kaum noch ein Problem, an illegale Waffen zu kommen.
Was nutzt es da, dass Deutschland die strengsten Gesetze in der EU hat? „Zumindest der legale Markt ist so gut unter Kontrolle zu halten“, sagt Marhoun. Er beneidet die Amerikaner nicht um deren Waffenkultur. „Es darf nicht sein, dass ein 18-Jähriger einfach in den Laden gehen und ein AR-15 Sturmgewehr kaufen kann.“ Mit der Halbautomatikwaffe, von der in den USA vier Millionen Stück im Umlauf sein sollen, verübte der 18-Jährige vor wenigen Wochen ein Massaker in einer texanischen Grundschule.
Die Waffenkammer im Untergeschoss hat auch etwas von einem Militärmuseum: Da lehnt eine alte Enfield aus England. Dort eine Raheed mit Bajonett aus Ägypten. Eine Zastava aus Serbien. Eine Uzi, 1954 erstmals bei den israelischen Streitkräften und heute noch in mehr als 90 Ländern offiziell im Einsatz. Eine Sig Sauer 551-1PE aus Eckernförde, konzipiert für Spezialeinheiten. Eine russische Maxim, 1912 eingeführt, wassergekühlt und mit einer Luke zum Einfüllen von Schnee. Heute wird damit auch wieder in der Ukraine gekämpft.
Hier in der Sammlung kann Stefan Marhoun in die Waffenhistorie eintauchen. Er war nie Sportschütze oder Jäger, kam ohne eine ausgeprägte Vorliebe für Schusswaffen in den Job. Jetzt beschäftigt er sich ständig mit den Dingern. Ein Waffennarr werde wohl nie aus ihm, sagt er. Aber mit der Zeit hat er zu schätzen gelernt, welche Handwerks- und Ingenieursleistung in diesen Schussmaschinen steckt. Welche filigrane und doch robuste Technik – fast wie bei seinen Uhren, denen er sich als Hobby widmet. Welche Geschichte und welche Geschichten sie transportieren.
Ein als Spazierstock getarntes Gewehr: Ob es einst in die Agentenzubehörkiste gehörte? Eine Walther PKK: So eine trug James Bond immer bei sich. Eine Thompson-Maschinenpistole mit Trommelmagazin, wie sie auch Al Capone einst verwendete. Eine professionelle Filmkamera mit eingebautem Gewehr: Wohl für Kriegsreporter gedacht.
Eine Schreckschusspistole, die ein Tüftler in einen Vorderlader zum Verschießen von Stahlkugeln umbaute: Solche kuriosen Unikate wecken das Interesse eines Ballistikers. Marhouns Messung ergab: Die Kugel schießt mit einer Energie von 40 Joule aus dem Lauf. „Das ist keine Schreckschusswaffe mehr, damit kann man einiges anrichten.“
Und doch ein Spielzeug gegen die Desert Eagle, Made in Israel, Kaliber 12,7 mm. Ihr Rückstoß bringt den stabilsten Mann ins Wanken. Ihre Mündungsenergie: 1700 Joule. Eine der stärksten Handfeuerwaffen der Welt. „Eine kleine Kanone“, sagt Stefan Marhoun. Was der Mann, dem sie abgenommen wurde, damit vorhatte, weiß Marhoun nicht. Er will es auch lieber gar nicht wissen.