Steillagen am Neckar Eine Kulturlandschaft unter Druck
Die Steillagen am Neckar liefern hochwertigen Wein. Sie zu bewirtschaften ist jedoch schwierig. Der Weinbauverband freut sich über kreative Ideen.
Die Steillagen am Neckar liefern hochwertigen Wein. Sie zu bewirtschaften ist jedoch schwierig. Der Weinbauverband freut sich über kreative Ideen.
Faszination Steillagen. Atemberaubend ist es jedes Mal, wenn man da oben steht, den Blick schweifen lässt auf Reben, Landschaft und Neckar. Und doch ist diese Idylle bedroht. Massiv und seit Jahren schon. Aktuell wird in Württemberg auf 800 Hektar Wein in Steillagen und terrassierten Steillagen angebaut. „Tendenz leider deutlich fallend“, sagt Hermann Morast, der Geschäftsführer des Weinbauverbands Württemberg. Dennoch gibt es nirgends sonst so viele terrassierte Steillagenweinberge, heißt es auf der Homepage des Verbands. „Die kulturhistorisch wertvollen Mauern schmeicheln nicht nur dem Auge des Betrachters, sie sind auch ein ganz besonders wertvoller Lebensraum für Tiere und Pflanzen.“
Und es gilt, diese Jahrhunderte alte Kulturlandschaft zu schützen. Nur wie? Denn es ist schwierig, dort wirtschaftlichen Weinbau zu betreiben. Die Handarbeit in den Steillagen ist hart, viele können oder wollen sie sich nicht mehr antun. Die Folge: Stückle verbuschen einfach und sind irgendwann für immer verloren.
Genau das wäre vor elf Jahren beinahe in einem Filetstück in den terrassierten Steillagen in der Rosswager Halde im Enztal passiert. 401 Stäffele führen an Trockenmauern mit alten Lembergerstöcken vorbei zum Flurstück 6336, eine der spektakulärsten Lagen mit einem faszinierenden Ausblick. Damals, 2011, war das Stück brach gefallen, es war kurz davor, dass es versiegelt wurde und im Handumdrehen zum Wald geworden wäre. Aus der Not heraus initiierte die Kellerei Lembergerland in Vaihingen-Rosswag das Projekt „Wengerter für ein Jahr“, berichtet der Geschäftsführer der Genossenschaft, Christian Kaiser.
Laien, die Spaß am Wein und Lust auf Weinbau hatten, wurden von den Profis in das Doing im Weinberg eingewiesen: Rebschnitt, Laubarbeiten, Bodenbearbeitung . . . und natürlich die Weinlese standen und stehen auf dem Stundenplan für die Neulinge. Angefangen hatte man mit 15 Nachwuchswengertern, heute sind es 50 Teilnehmer. Im Laufe der Jahre wurden aus dem Projekt zehn neue Mitglieder generiert, die ein eigenes Stück in den Steillagen übernommen haben. Alles in allem bewirtschaften die ehemaligen und aktuellen Teilnehmer mehr als zwei Hektar der 40 Hektar Steillagen der Kellerei Lembergerland.
Mit ihrem Projekt waren die Wengerter aus Rosswag Pioniere in der Region. Doch warum nicht kopieren, was anderswo gut funktioniert? Ende 2019 machten sich die Benninger Martin Heim und Werner Widmaier auf die Suche nach „Wengertern auf Probe“. Die Hoffnung: Die Steillagen am Benninger Neckarufer zumindest teilweise erhalten zu können. „Früher waren es mehrere hundert Leute, die dort ihre Stückle bewirtschaftet haben, heute sind es vielleicht noch um die 20“, schätzte Werner Widmaier damals. Gleich bei der ersten Projektrunde kamen knapp weitere 20 dazu. Viele blieben bei der Stange, die Gruppe an Neueinsteigern wuchs und wuchs. Inzwischen sind es 47 Leute, die bei „Wengerter auf Probe“ mitmachen. Sie bewirtschaften rund 20 Prozent der Benninger Steillagen und tragen zu deren Erhalt bei. Sie alle werden im kommenden Jahr voraussichtlich weitermachen. Allerdings: Zwei weitere Bestands-Wengerter, beide über 80 Jahre alt, werden altershalber aufhören. „Deshalb suchen wir dringend nach weiterem Nachwuchs“, so Martin Heim.
Auch in Ludwigsburg wurde vor einem guten Jahr das Thema Steillagenrettung angegangen. Die „Heldenschmiede“ startete mit knapp 50 Teilnehmern. Auf Ludwigsburger Gemarkung werden 14 Hektar terrassierte Steillagen bewirtschaftet. „Davon wurde in den vergangenen Jahren sukzessive rund ein Hektar aus verschiedenen Gründen nicht mehr bearbeitet“, so Elmar Kunz von Tourismus & Events Ludwigsburg. „Diese Flächen konnten durch die Heldenschmiede vor dem Brachfallen und der Rodung bewahrt werden.“
Beim Weinbauverband freut man sich über jede kreative Idee wie diese, das faszinierende Kulturgut Steillagen zu erhalten, wie es Hermann Morast formuliert. Der Verband leiste politische Arbeit in dem Bereich, Morast nimmt aber auch ausdrücklich die Gesellschaft in die Pflicht. „Wer die Kulturlandschaft an Neckar und Co. in zehn bis 20 Jahren noch so sehen möchte, muss etwas tun.“ Heißt: sich engagieren. Oder bereit zu sein, mehr für seinen Wein zu zahlen. „Es wäre schön, wenn die Verbraucher, die gerne Regionalität einfordern, bereit wären, den Lohn für die Mühen in den Steillagen zu honorieren“, sagt Morast. „Die Kaufentscheidung findet am Regal statt. Regionalität muss man anerkennen.“
Heldenschmiede
Im Jahr 2023 wird es eine Neuauflage der Heldenschmiede in Ludwigsburg geben. Interessenten können sich unter Telefon 0 71 44 / 64 19 melden.
Wengerter auf Probe
Das Projekt in Benningen soll weiter wachsen, weil weitere Steillagenstücke Betreuung brauchen. Interessierte können am Freitag, 18. November, 18 Uhr, zur Infoveranstaltung in den Mehrzweckraum des Benninger Rathauses kommen. Fragen werden auch telefonisch unter 0 71 44 / 9 06 50 beantwortet.
Wengerter für ein Jahr
Die Kellerei Rosswag bietet die Ausbildung im Projektweinberg seit mehr als zehn Jahren an. Infos gibt es unter www.lembertgerland.de. sl