Streit um Rammstein-Video „Deutschland“ Pro und Kontra: Großer Wurf oder großer Schrott?

Das neue Rammstein-Video „Deutschland“ sorgt weltweit für Aufregung. Proteste gegen kurze Szenen, in denen die Musiker in KZ-Häftlingskleidung zu sehen sind, gibt es vom Zentralrat der Juden und vom israelischen Außenminister. Zu Recht? Wir streiten in einem Pro und Kontra.

Die Darstellerin Ruby Commey im Rammstein-Video „Deutschland Foto: Rammstein/Youtube
Die Darstellerin Ruby Commey im Rammstein-Video „Deutschland" Foto: Rammstein/Youtube

Stuttgart - Das kracht! Nach zehn Jahren meldet sich Rammstein mit neuer Single und neuem Video – und sorgt gleich wieder weltweit für Aufregung. Viele Fans sind begeistert, die Kritiker bemängeln vor allem einzelne Szenen, in denen die Rammstein-Musiker wie Häftlinge in einem KZ der Nazis auftreten. Der Zentralrat der Juden hat diese „Ausnutzung der Opfer zu Werbezwecken“ scharf kritisiert. Gleichzeitig gibt es auch Zustimmung zu dem Video, das bereits millionenfach abgerufen wurde. Aber was ist von Rammsteins „Deutschland“ wirklich zu halten? Wir streiten in einem Pro und Kontra!

Ein Pro von Philipp Johannßen:

So brachial wie ihre Musik haben Rammstein einmal mehr ihr neuestes Video zum Lied „Deutschland“ inszeniert: Das Blut spritzt wie in einem Tarantino-Film, Ritter marschieren in schweren Metallrüstungen und Feuer und Explosionen sind wie gewohnt allgegenwärtig. Doch allein eine Szene mit KZ-Häftlingen bestimmt die Diskussion um das neunminütige Musikvideo-Epos.

Dabei ist der Kurzfilm ein stimmiges Bild im Rammstein-Universum. Die Band hat sich immer wieder mit solchen Themen auseinandergesetzt: Nekrophilie, Pädophilie, Vergewaltigung, Inzest, Kannibalismus – die Berliner machen vor keinem Tabu halt und inszenieren diese aufwendig in ihren Videos und Bühnenshows.

Die Empörung über die KZ-Szene kann man dabei als kalkuliert sehen. Sie beschert dem kommenden Album der Metal-Band die entsprechende PR. Der Zentralrat der Juden kritisierte die Verwendung des Holocausts zu Marketingzwecken. Über diesen Punkt lässt sich sicher streiten, aber in einer Generalkritik an der deutschen Geschichte den Massenmord an Juden auszusparen, wäre viel verwerflicher.

Mit dem Video zu „Deutschland“ setzen sich Rammstein auch nicht zum ersten Mal mit der deutschen Geschichte auseinander – aber dieses Mal am ausführlichsten. Es ist ein martialischer Rundumschlag, der einige deutsche Tiefpunkte der vergangenen Jahrhunderte aufzeigt und das zwiespältige Verhältnis der Deutschen zu ihrer Geschichte, besonders dem Nationalsozialismus, überspitzt wiedergibt: „Deutschland, deine Liebe ist Fluch und Segen. Deutschland, meine Liebe kann ich dir nicht geben“, singt Frontmann Till Lindemann zum Schluss. Das ist eine eindeutige Positionierung Rammsteins, wie es sie vorher in ihren Liedern nicht gab.

Das Video ist weder historisch korrekt, noch erfüllt es den Anspruch an politischer Korrektheit, doch die Darstellung der Germania durch die schwarze Schauspielerin Ruby Commey zeigt den modernen Geist, den die Band durchzieht. Dass sich die öffentliche Diskussion nicht mit den vielen Facetten des Film beschäftigt – unter anderem die zahlreichen Anspielungen auf die eigene Bandgeschichte – zeigt wie oberflächlich sie ist. Musikalisch lässt sich über Rammstein immer streiten, künstlerisch setzt die Band einmal mehr ein Ausrufezeichen.

Ein Kontra Tim Schleider:

Um gleich mal die Fronten zu klären: Ich bin kein Rammstein-Fan. Ich bin auch überhaupt kein Fan dieser Art von Musik. Aber ich weiß natürlich, dass man die Musik gut finden, dass man ein Rammstein-Fan sein kann. Und die Art und Weise, wie schnell die Gruppe bei allerlei Gelegenheiten in irgendeine politische Ecke gedrängt wurde, war mir schon immer einen Tick zu fix und daher suspekt. Pop und Kultur sind viel zu komplex, um irgendwas auf den ersten oder zweiten Blick als rechts oder links einzustufen.

Wenn ich jetzt allerdings derart unbeleckt und unbelastet das aktuelle „Deutschland“-Video anschaue, bin ich dann doch ziemlich fassungslos. Vor allem, wenn ich dazu in ersten Kommentaren lese, hurra, das sei doch mal echt eine kritische Aufarbeitung deutscher Geschichte und deutscher Mythen. Klar, dieser mit allen Mitteln der Technik aufgemotzte Mini-Spielfilm strotzt vor lauter Bildersalat aus Frühzeit, Mittelalter, bürgerlichem Aufbruch, DDR- und Nazijahren. Aber es ist doch vor allem Salat, ein nicht enden wollender Schwall an Blut, Geschrei, Schweiß und Gedöns. Ich ahne sehr vage, wie man hier mit viel gutem Fan-Willen eine drastische Klage über Unrecht und Verrat erblicken kann. Aber abgesehen von der eindrucksvollen Frauenfigur, die offenbar alle Zeiten übersteht, sieht man doch vor allem Männer in Kämpferpose. Und der eine Zuschauer sagt spontan: Oh, wie kritisch! Aber man kann eben genauso gut sagen (und ich befürchte, diese Haltung überwiegt): Oh, wie cool!

Das ganze Video durchzieht letztlich Uneindeutigkeit – oder, um es mit einem Fremdwort zu sagen: Indifferenz. Und diese Indifferenz gehört offenbar programmatisch zu Rammstein. Man kann das verteidigen, weil gute Kunst (und Pop sowieso) unbedingt indifferent sein darf. Was aber, wenn diese Uneindeutigkeit zum Prinzip erhoben wird? Was, wenn man letztlich mit der Indifferenz nur provozieren will? Der Marketing-Gag, Stunden vor dem offiziellen Start als Appetizer schon mal 36 Sekunden freizuschalten, in denen die Rammstein-Jungs in KZ-Häftlingsklamotten und mit Judenstern am Galgen stehen und so bis tief hinein ins israelische Außenministerium für weltweite Aufregung zu sorgen, steht genau für diese Uneindeutigkeit. So kann man dann Stunden später alle, die sich aufgeregt haben, als dumm darstellen: Seht mal, wie blöd Ihr wieder wart – im Video geht die Geschichte ja weiter, die KZ-Häftlinge erschießen die SS-Leute sogar! Viel länger bleibt die Kamerafahrt über die Opfer als Opfer – und wird auch noch wiederholt.

Kurzum: Mich nervt diese Aufregungs-Provokation, mich nervt, keine Frage, auch die Aufregung. Mich nervt aber vor allem das Video. Es ist schlicht und einfach als große Kunst verbrämter Macho-Blut-und-Sperma-Schmonz. Und am meisten nervt mich der dünnbodige intellektuelle Überbau, der jetzt dazu entworfen wird. Über die Musik mag man streiten. Die Bilder sind schlicht überkandidelter Schrott.

Bilden Sie sich Ihre eigene Meinung: Das Musikvideo von Rammstein zum Lied „Deutschland“