Stuttgarter Verein Stelp in der Ukraine Wenn Helfer an ihre Grenzen stoßen

Zwei Tage nach der russischen Invasion hat sich Serkan Eren von Stuttgart aus mit zwei Lastern voller Hilfsgüter auf den Weg Richtung Ukraine gemacht. An der Grenze war erst mal Schluss. Foto: Cedric Rehman/Cedric Rehman

Der Stuttgarter Serkan Eren und seine Mitstreiter von Stelp brachen mit zwei Lastern voller Hilfsgütern in die Ukraine auf. Das Chaos hinter der Grenze erschwert ihre Arbeit. Der Einsatz ist aber nicht umsonst.

Stuttgart/Lwiw - Die Regale in der Apotheke am Stadtrand von Lwiw leeren sich in rasendem Tempo. Die Apotheker greifen schnell wie Roboterarme in einer Fabrik nach Pillenschachteln, Fläschchen, Tablettenblistern. Andere scannen pausenlos die Preise, während immer mehr Menschen den Raum der Apotheke füllen. Draußen bilden die Wartenden eine Schlange. Sie wollen sich eindecken, mit allem, was sie für eine unbestimmte Zeit an Arzneimitteln benötigen.

 

Das Geld ist da, aber die Medikamente fehlen

Der Stuttgarter Helfer Serkan Eren wird zu einer hinteren Kasse gelotst. Er will für 2000 Euro Medikamente kaufen. Sie sollen an jene Ukrainer verteilt werden, die in überfüllten Zügen aus Kiew und anderen bombardierten Städten in der westukrainischen Großstadt in 70 Kilometer Entfernung zur polnischen Grenze ankommen. Die Stadt Lwiw (zu deutsch Lemberg) gilt, da sie weit weg von Raketenbasen und Flughäfen in Russland und Belarus liegt, als vergleichsweise sicher. Der Grenzübergang nach Polen ist gerade mal eine Autostunde entfernt – nur die Straßen dorthin sind seit Tagen durch eine endlose Blechlawine verstopft. „Aus Kiew kommen jetzt so viele Menschen mit den Zügen hierher. Darunter sind Kinder, und viele sind verletzt. Wir brauchen die Medikamente für sie“, sagt Eren. Er hält seinen Rucksack mit Bündeln von Euro und der ukrainischen Währung Hrywnja in Händen.

Die Laster dürfen nicht über die Grenze

Die Apothekerin packt lediglich eine Handvoll Schachteln und Fläschchen in zwei kleine Pappkartons. Mehr könne sie beim besten Willen nicht herausgeben, meint sie. Das Lager sei leider leer. Eren verliert für eine Sekunde die Fassung. Das Geld, das er dabei hat, würde für weit mehr reichen. Aber was soll die Frau machen? Die Vorräte der Apotheke lassen sich mit keinem Geld der Welt auffüllen. Auch seine ukrainische Kontaktfrau Jelena Komissarowa aus Lwiw ist den Tränen nahe. Sie hatte den Deal mit der Apotheke eingefädelt, von dem sich Eren einen beträchtlichen Vorrat an Medikamenten für die Geflüchteten aus dem umkämpften Kiew und anderen Landesteilen der Ukraine versprochen hat. Sie redet auf Eren ein, erklärt ihm, dass die Apotheken in Lwiw immer weniger über die von Geflüchteten verstopften oder von den Russen zerschossenen Straßen geliefert bekämen. „Ich weiß, das ist nicht deine Schuld“, sagt Eren. „Aber mir läuft die Zeit davon.“ Die Zeit ist nur ein Problem, dem der deutsche Helfer auf seiner Fahrt zu kämpfen hat. Eren brach am zweiten Tag nach dem Beginn des russischen Überfalls mit zwei Lastern voller Hilfsgüter in Stuttgart auf. Jeder Kleinlastwagen hatte 2,5 Tonnen an Lebensmitteln, Decken, Medikamenten und Hygieneartikeln geladen. Der Konvoi erreichte in der Nacht den Lwiw am nächsten gelegenen Grenzübergang vom polnischen Korczowa ins ukrainische Krakowez. Dann der erste Schock: Die polnischen Grenzbeamten verweigerten den Lastwagen die Überfahrt. Es fehlten angeblich Papiere. „Ich habe sie angebettelt, war den Tränen nahe. Da war nichts zu machen“, sagt Eren.

Das ganze Land scheint auf den Beinen zu sein

Er entschied sich, gemeinsam mit der Reporterin Sophia Maier von Stern-TV, einem Kameramann und seiner Barschaft von 25 000 Euro die Reise in den Krieg ohne die Lastwagen und die Hilfsgüter fortzusetzen. Die Lkw kehrten um und steuerten Aufnahmezentren für Ukrainer in Polen an. Immerhin kommen die Güter so den Menschen zugute, die bei ihrer Flucht vor den russischen Bomben und Raketen Polen erreicht haben.

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Eren und die Journalisten bleiben über Stunden im Stau zwischen der Grenze und Lwiw stecken. Männer, die ihre Familien zur Grenze gebracht haben und nun verpflichtet sind, in den Krieg zurückzukehren, verstopfen die Straße. Die Gruppe erreicht Lwiw in den Morgenstunden. Rezeptionisten in den Hotels schütteln nur den Kopf auf die Frage, ob es ein freies Zimmer gibt. Lwiw scheint aus allen Nähten zu platzen, seitdem die Ukrainer aus anderen Landesteilen hierher flüchten. Ein Hotelier erbarmt sich schließlich. Er lässt die Deutschen auf dem Boden eines Konferenzraums übernachten. Tags darauf finden Eren und seine Begleiter in Lwiw über ihre ukrainischen Kontakte ein Apartment.

Schreie und Gedränge im Bahnhof von Lwiw

Eren sitzt am Steuer seines Audi und steckt nach dem für ihn enttäuschenden Einkauf in der Apotheke auf dem Weg ins Stadtzentrum schon wieder im Stau. Es scheint, als wäre die ganze Ukraine auf den Straßen, Hauptsache weg vom Krieg. Der Stuttgarter Helfer steuert, so schnell es eben geht, auf den Bahnhof von Lwiw, wo ihn das nächste Drama erwartet.

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Denn dort strömen Tausende von allen Seiten auf den im 19. Jahrhundert im neugotischen Stil errichteten Prachtbau. Der Eingang saugt die Menschen regelrecht ein und spuckt sie im Gedränge in der Wartehalle wieder aus. In den Gängen zu den Gleisen sind die Flüchtenden noch dichter gedrängt. Es bilden sich Trauben vor den Treppen. Manche schreien sich ihre Verzweiflung aus dem Leib. Es riecht nach Angst. Menschen klettern von den Bahnsteigen über die Gleise. Eren greift einer alten Dame unter den Arm und hilft ihr hinüber. Er denkt nach, wie er den Menschen am Bahnhof helfen kann. Sie erhalten in Zelten vor dem Gebäude schon Essen und Wasser. Er entscheidet sich, zunächst mit seinen ukrainischen Kontaktleuten zu sondieren, ob er hier noch unterstützen kann.

Die Lieferketten im Land sind unterbrochen

Etwas später am Nachmittag sitzt Eren einige Kilometer vom Lwiwer Bahnhof entfernt mit zwei baptistischen Pastoren im Konferenzraum der Gemeinde. Einer der Pastoren, Dmytri Kolesnyk, ist Stadtrat in Lwiw. Er schildert dem Stuttgarter Helfer, wie sich die Versorgungslage der Stadt Stunde um Stunde zuspitzt. „Die Ukraine kann sich wunderbar selbst versorgen. Aber jetzt sind alle Lieferketten im Land unterbrochen. Straßen sind zerstört oder die Transportlaster kommen im Stau nicht vom Fleck“, sagt der Pastor. Er schätzt, dass es in spätestens zehn Tagen Probleme bei der Nahrungsmittelversorgung geben könnte.

Eren will mit seinen 25 000 Euro Essen kaufen oder Matratzen für die Geflüchteten, die im Gemeindezentrum ein Obdach finden. Aber wie in der Apotheke bekommt er zur Antwort, dass die Vorräte der Supermärkte immer kleiner werden. „Wir können eine Bestellung aufgeben und dann hoffen, dass sie die Sachen auch liefern können“, erklärt Kolesnyk. Sein Pastorenkollege Yaroslaw Nazarkeywitscf fügt hinzu, dass die jetzt wichtigsten Güter schon lange gehamstert seien: Mehl, Zucker, Pflanzenöl, alles, was lange haltbar ist.

Hilfe für zwei junge Frauen mit ihren Neugeborenen

Als das Gespräch mit den Pastoren endet, ist es bereits dunkel geworden. Jeden Abend um 18 Uhr heulen die Sirenen in Lwiw. Probehalber. Von 22 Uhr an gilt eine Ausgangssperre. Eren hat mit der Gemeinde verabredet, am nächsten Tag noch einen Versuch zu machen, Lebensmittel einzukaufen.

Er verbringt die letzten Stunden vor der Ausgangssperre in einem zum Helferstützpunkt umgewandelten Restaurant in der Altstadt von Lwiw. Ukrainische Freiwillige belegen in der Küche der Vinothek „Prag“ Sandwiches mit Käse und Wurst, die Eren gekauft hat. Der Helfer zieht Bilanz seiner ersten Tage in der Ukraine. „Das Problem sind die unterbrochenen Lieferketten im Land. Das macht es schwierig, vor Ort Hilfsgüter zu organisieren. Es ist einfach nicht genug da“, sagt er. Er erinnert die Europäer und die internationale Gemeinschaft an ihre Verantwortung für die ukrainische Zivilbevölkerung. „Das waren jetzt die ersten chaotischen Tage in diesem Krieg. Wir brauchen dringend und sobald wie möglich einen humanitären Korridor von Polen in die Ukraine für die Helfer, damit die Lastwagen mit den Hilfsgütern über die Grenze rollen können“, sagt Eren.

Am nächsten Morgen schickt er ein Foto. In der Nacht hat er über seine Kontakte zwei Familien aus Kiew vom Bahnhof zu seiner Wohnung gelotst. Sie haben zwei Neugeborene, eines ist vor einigen Tagen im Raketenhagel auf die ukrainische Hauptstadt auf die Welt gekommen. Erens Plan ist es, die beiden Familien über die Grenze nach Polen und von dort nach Deutschland zu bringen. Außerdem ist es ihm gelungen, noch Lebensmittel für die Geflüchteten in der baptistischen Gemeinde in Lwiw aufzutreiben. Er hat für 7000 Euro Essen aufgetrieben.

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