Stephen King: Das Institut Ein Kinderknast als Kritik an den modernen USA

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Vordergründig springt Stephen King mit seinem neuen Buch auf den Trend zu Geschichten wie der Netflix-Serie „Stranger Things“ auf. Tatsächlich steckt „Das Institut“ viel mehr und vor allem erneut Kritik am politischen Amerika.

„Das Institut“ heißt Stephen Kings neues Buch, das sich dem Paranormalen widmet. Foto: Lukas Jenkner
„Das Institut“ heißt Stephen Kings neues Buch, das sich dem Paranormalen widmet. Foto: Lukas Jenkner

Stuttgart - Der zwölfjährige, hyperintelligente Luke Ellis wird aus seinem Elternhaus in einem Vorort von Minneapolis entführt, seine Eltern dabei kaltblütig ermordet. Luke wacht Stunden später im „Institut“ auf, eine zwielichtige Einrichtung, in der weitere Kinder festgehalten werden. Was die jungen Gefangenen eint: Sie haben paranormale Fähigkeiten, die einen können Dinge mit ihren Gedanken bewegen, die anderen Gedanken lesen, manche sogar beides. Schnell wird Luke Ellis klar, dass der Aufenthalt in dem Institut für kein Kind glücklich ausgeht – auch für ihn nicht. Er beginnt, seine Flucht zu planen.

Hat da jemand „Stranger Things“ gesagt? Stephen King scheint mit seinem neuesten Buch „Das Institut“ dem Hype um Geschichten zu folgen, in denen Kinder sich zusammentun und gegen das (erwachsene) Böse kämpfen – so wie in der Netflix-Serie, die seit drei Staffeln Furore macht. Tatsächlich hat King das Sujet schon vor Jahrzehnten geprägt – kongenial vor allem mit „Es“. Undurchsichtige Institutionen und ihr zwielichtiges Treiben hat King auch schon früh mit „Feuerkind“ in seinem Werk behandelt. Und Telekinese sowie Telepathie zählen für den Kultautor seit Anbeginn seiner Karriere („Carrie“) zum Standardrepertoire.

Gesellschaftliche Verwerfungen in den modernen USA

Noch immer neu, auch in „Das Institut“, ist hingegen der politische Stephen King, der sich seit Langem zu den US-Demokraten zählt und sich seit der Wahl des Republikaners Donald Trump zum Präsidenten an diesem und den gesellschaftlichen Verwerfungen der zeitgenössischen USA abarbeitet. Das war zuletzt in „Der Outsider“ so, in dem King die problematischen Auswirkungen von Fake News auf eine emotionalisierte und aufgehetzte Gesellschaft beschrieb, „Das Institut“ steht in dieser Reihe.

Warum das so ist, lässt sich kaum beschreiben, ohne zu viel zu verraten. Denn der Klappentext erzählt im Grunde nur das Ausgangsszenario. Immerhin ist relativ schnell klar, dass das Institut sich gegenüber einer anonymen Organisation rechtfertigen muss. Ob diese nun regierungsnah ist oder ganz im Gegenteil die staatliche Ordnung untergräbt, bleibt lange Zeit unklar – was wohl aus der Sicht eines Stephen King und mit ihm vielen anderen nach den Enthüllungen des Whistleblowers Edward Snowden über den US-Geheimdienst NSA sowie dem wüsten Treiben der Trump-Administration auch für manche Organisation auf US-amerikanischen Boden gilt.

Beim Finale hat der Altmeister gepatzt

In „Das Institut“ geht es außerdem um Misstrauen, Spitzelei unter Bürgern, bis an die Zähne bewaffnete Hinterwäldler in den Südstaaten, die immerhin das Herz auf dem rechten Fleck haben, und letztlich um die wiederkehrende ethische Frage, ob der Zweck die Mittel heiligt. Das alles vermittelt King in seinem bekannten, gemächlich-weitschweifigen Erzählstrom, der den Leser wie immer früher oder später in die Geschichte einsaugt. Nur beim Ende hat der Meister des Grusels – auch das nicht zum ersten Mal – ein bisschen gepatzt. Dem geht nach einem anfänglichen Finale furioso dann leider die Puste aus.

Stephen King: Das Institut. Heyne-Verlag München, 2019. 768 Seiten, 26 Euro. Auch als Hörbuch und E-Book erhältlich.