Am Anfang ist alles unscharf: Als Wolf-Dieter Paul Strobel Anfang März 2020 zum ersten Mal sein Teleskop benutzt, um den Rutesheimer Nachthimmel zu beobachten und Fotos zu machen, gelingt ihm zunächst keine Aufnahme. Immer wieder probiert er herum, wie die Kamera positioniert werden muss. „Ich habe irgendwann gezweifelt, ob das überhaupt funktioniert oder ob ich etwas grundsätzlich falsch mache“, erinnert sich der 66-Jährige. Schließlich gelingt ihm doch eine Aufnahme des Mondes. Das Foto ist heute noch auf seinem Computer gespeichert. „Das ist ein sehr schönes Bild geworden. Man sieht hier die Mondalpen und den Kaukasus“, erklärt er anhand des Bildes.
Wolf-Dieter Paul Strobel ist seit drei Jahren Hobbyastronom. Er beobachtet den Rutesheimer Nachthimmel und schießt Fotos ferner Galaxien. Wie sehr ihn dieses Hobby begeistert, wird schnell deutlich, wenn man sich mit ihm unterhält: Er spricht sehr ernsthaft, erzählt viel davon, was in verschiedenen Galaxien passiert, und zeigt bereitwillig zahlreiche Bilder, die er mit seinem Teleskop bereits geschossen hat.
Mit dem Sterngucken begann Strobel nach seiner Pensionierung. Ein ehemaliger Kommilitone von ihm mache das schon länger, erzählt er. Der gebürtige Bad Cannstatter hat Luft- und Raumfahrttechnik in Stuttgart studiert, arbeitete dann am Institut für Flugzeugbau der Universität und anschließend im Entwicklungszentrum bei Porsche. „Als ich dann in Rente kam, dachte ich, in dieses Hobby könntest du auch einsteigen“, so Strobel. Nicht nur das Universum, auch der technische Aspekt fasziniert ihn: „Diese Kombination aus Einrichten, Automatisieren und Beobachten hat mich gereizt.“ Strobel bezeichnet sich selbst als technikaffin, betreibt auch Amateurfunk und interessiert sich für Fahrzeuge.
Eine private Sternwarte im Dachgeschoss
Im Dachgeschoss seines Wohnhauses hat er sich eine eigene Sternwarte eingerichtet. An der Tür zu seinem Teleskopraum hängt ein Schild mit der Aufschrift „Area 51.“ Gegenüber einer Fensterfront in dem holzverkleideten Zimmer steht eine wuchtige Teleskopinstallation, die den halben Raum füllt. Auf einer Montierung sind zwei große Teleskope aufgebaut. Bei dem einen handelt es sich um einen Refraktor, also ein klassisches Fernrohr mit zwei Linsen, so Strobel. Rechts daneben ist ein Reflektor montiert, dessen Prinzip auf Isaac Newton zurückgeht. Anstelle von Linsen sind darin Spiegel eingebaut, erklärt der Hobbyastronom. Neben diesen beiden hat Strobel weitere kleine Teleskope, die sich auch transportieren lassen. „So habe ich für die meisten Deep-Sky-Objekte das geeignete Teleskop“, sagt er.
Vor allem diese „Deep-Sky-Objekte“, also Galaxien und kosmische Nebel in größerer Entfernung, haben es ihm angetan: „Natürlich habe ich auch Bilder vom Mond. Das ist schön und interessant, aber das kennt ja jeder.“ Mit seiner Ausrüstung kann der 66-Jährige Nebel fotografieren, die zwischen 500 und 10 000 Lichtjahre entfernt sind, und Galaxien mit bis zu 80 Millionen Lichtjahren Distanz.
Das Sterngucken läuft komplett ferngesteuert
Wenn Strobel von seinem Hobby spricht, merkt man, wie gut er sich auskennt: Er weiß genau über die technischen Details der Teleskope Bescheid, ist mit Sternbildern, Galaxien und Prozessen im Universum bestens vertraut. In die Sterne schaut Wolf-Dieter Paul Strobel so, wie es die Profis tun, erzählt er. Der 66-Jährige sitzt nicht vor dem Teleskop, sondern steuert alles fern. An einem Laptop richtet er das Teleskop ein und verlässt dann das Zimmer, wie er erklärt. An einem Computer im Nebenraum kann er dann das Teleskop steuern. „Ich lasse Jazzmusik laufen und beobachte nebenher das Universum“, schildert er die Nächte in seiner privaten Sternwarte.
Für die wissenschaftliche Betrachtung der Sterne interessiert sich Strobel allerdings weniger: „Das ist für mich stinklangweilig.“ Er wolle vor allem schöne Fotos machen – Bilder, die man aufhängen, mit Freunden teilen oder in den Whatsapp-Status stellen kann.
Eine interessante Zufallsentdeckung
Die Bilder an der Wand seines Teleskopraums zeugen davon, dass er bereits einige interessante Dinge am Rutesheimer Nachthimmel fotografieren konnte. Zum Beispiel lichtete er schon den Pferdekopfnebel im Sternbild Orion oder die Blaues-Auge-Galaxie ab. Besonders wichtig ist Strobel eine Zufallsentdeckung: Auf dem Bild ist ein heller, großer Lichtpunkt zu sehen. Dabei handelt es sich laut Strobel nicht um einen Stern, sondern um die 55 Millionen Lichtjahre entfernte Galaxie M87. „Mir fiel auf, dass an dieser Galaxie so ein Stängel herausragt“, erzählt er und zeigt auf das Foto. Er ließ die Aufnahme vom Leiter der Sternwarte Welzheim analysieren. Der stellte fest, dass es sich bei dem „Stängel“ um den Plasmajet von M87 handelt – einen energiereichen Materiestrom, der in der Nähe massereicher Schwarzer Löcher entsteht. „Ich habe zwar nicht das Schwarze Loch im Zentrum dieser Galaxie fotografiert, aber zumindest ein Anzeichen dafür“, so Strobel stolz.
Diese Entdeckung hat den Hobbyastronom bis heute nicht losgelassen. „Ich will noch eine bessere Aufnahme machen, auf der man die Spiralstruktur des Jets erkennt“, erzählt er. „Da gehe ich noch einmal mit einem größeren Teleskop ran.“