Kernen - Hat die Burghexe von der Stettener Y-Burg womöglich nicht mehr von der Walpurgisnacht heimgefunden? Ist sie in irgendeinem Hexenfeuer gelandet, zwecks krimineller Kupferrückgewinnung? Oder hat ihr einfach ihr Plätzle am Treppenaufgang in der Stettener Y-Burg nicht mehr gefallen? Irgendwann zwischen dem 1. und dem 11. Mai sei eine der insgesamt 15 lebensgroßen Bronzefiguren, die in und bei der Burgruine Y-Burg stehen, verschwunden. So hieß es lapidar und keineswegs der Dramatik der nachfolgenden verzweifelten Hexenjagd zu Stetten angemessen im Polizeibericht – ausgerechnet am mancherlei Unsinn verheißenden Vatertag. Gewaltsam sei die 200 Kilo schwere Skulptur aus ihrer Verschraubung an einem Betonsockel gebrochen worden, heißt es zum potenziellen und Maischerz moderner Hexenhasser.
Künstler Nuss war schon auf der Suche nach den Vorlagen
Richtig, er sei schon auf der Suche nach dem Negativ der zauberhaften nackten Dame mit nusstypischem Genießerbäuchle und Katze auf dem Buckel gewesen, bestätigt der Kunstprofessor Karl-Ulrich Nuss. Schließlich habe er sich anfangs der Woche selbst davon überzeugt, dass die Burghexe von ihrem Stammplatz am Treppenaufgang zur Y-Burg-Empore verschwunden war.
Am Freitagmorgen allerdings kam endlich doch der erlösende Anruf. Hexe wieder da, die Skulptur habe sich offenbar selbst wieder hergehext und liege bei der Firma Fleck zwecks Erneuerung ihres Sockels. Von wegen Zauberei – ein Kommunikationsproblem, gesteht kurz drauf zerknirscht das Kernener Rathaus. Der Bauhof hat angesichts des nicht mehr standfesten Sockels und der aus dem Gleichgewicht geratenden Figur den Strümpfelbacher Spezialisten den Auftrag zum Abtransport zwecks Unterbaurenovierung erteilt.
Just jener Kernener Bauhof, dessen Mitarbeiter zur Wochenmitte die ganze Y-Burg-Umgebung nach dem armen, verschwundenen und womöglich dem schmelzenden Feuer überantworteten Burghexle samt Kater abgesucht hatten. Der Künstler hat sein Geschöpf natürlich sofort in der Fleckschen Lagerhalle im heimischen Strümpfelbach besucht.
Die Burghexe sei guter Dinge, berichtet er, und körperlich samt Kätzle unversehrt. „Hexen haben eine gewisse ruhige Gelassenheit, die sind einiges gewohnt“, berichtet er vom stillen Zwiegespräch zwischen Schöpfer und Werk. Nachtragend seien sie schon gar nicht. Im Gegenteil, die bis auf weiteres noch im Strümpfelbacher Exil weilende Stettener Y-Burghexe habe hoch und heilig versichert, keinen Bauhofmitarbeiter in einen Frosch zu verwandeln und kein Rathaus in ein Katzenklo. Aber nur, wenn der neue Sockel in ihrer Y-Burg nachher wieder standhaft und burghexentauglich sei.
Die Burghexe ist wohlauf im Strümpfelbacher Exil
Die Angst vor Zerstörung an öffentlichen Kunstwerken ist letztlich nicht ganz unbegründet. Vor zwei Jahren haben gewalttätige Ignoranten zwei der Nuss’schen Bronzeskulpturen aus ihren Verankerungen gerissen und umgeschmissen. Und vor drei Monaten ramponierten Unbekannte bei Beutelsbach ein zwei Meter hohes Wegkreuz mit Nuss’scher Jesusfigur.
Ein ähnliches Drama wie mit der Stettener Burghexe hat sich vor zehn Jahren in Backnang abgespielt. Dort waren die drei Claqueure von Guido Messer von einem Aufenthalt im Bauhof nicht zurückgekehrt. Nur der Sockel fand sich im Gebüsch nebenan. Ein Altmetallhändler schlug Alarm als ihm ein Kunstwerk angeboten wurde, das sich als Teil des Trios entpuppte. Die beiden klatschenden Kumpels blieben verschwunden. Künstler Messer hat sie mit Hilfe des Originalmodells wiederbelebt. Seitdem klatschen sie wieder zu dritt – ohne dass zu erkennen wäre, welcher der Drillinge 25 Jahre mehr auf dem bronzenen Buckel hat.