Besonders die enorm gestiegenen Kosten führen dazu, dass sich immer weniger Menschen in der Region Stuttgart ein Eigenheim bauen. Um 12,8 Prozent sind die Baupreise im Vergleich zum Vorjahr gestiegen, heißt es im jüngst erschienenen Wohnungsbaureport der L-Bank. Das wirkt sich freilich auf die Baubranche aus, die Zahl der Aufträge geht stark zurück. Hinzu kommen Finanzierungsprobleme, immer mehr Bürokratie und Schwierigkeiten, fachkundiges Personal zu finden. Eine prekäre Lage für die Firmen. Und das hat entsprechende Folgen, was auch im Report für das erste Quartal 2023 nachzulesen ist. Demnach ist die Stimmung in den Betrieben so schlecht wie seit 2009 nicht mehr. Diese Entwicklung ist auch im Kreis Esslingen deutlich zu spüren.
„Skeptisch“, so würde Claus Aichele die Sicht von ihm und seinen Kollegen auf die kommenden Monate beschreiben. Er ist Vorstandsmitglied in der Bau-Innung Esslingen-Nürtingen und führt selbst ein mittelständisches Bauunternehmen in Ostfildern. „Grundsätzlich glaube ich, dass wir bis Sommer noch gut beschäftigt sind“, erklärt er. Aber er merke deutlich, dass weniger Aufträge im Wohnungsbaubereich reinkommen – „und ich bin überzeugt, dass das so weitergeht“, sagt Aichele. Die Reaktion vieler Betriebe: Sie sind laut Aichele zurückhaltend mit Investitionen.
Negativtrend im Februar noch stärker
Bei der Gottlob-Rommel-Gruppe, zu der auch die Firma Rybinski in Esslingen gehört, wird erwartet, dass die Zurückhaltung noch bis ins Jahr 2024 reichen wird. Das erklärt der Sprecher der Geschäftsführung, Andy Vonderlind. Der Grund sei, dass die Menschen auf sinkende Baupreise und Finanzierungszinsen warteten. Vor allem die stark gestiegenen Zinsen belasteten die Projektentwickler und Bestandhalter im Wohnungsbau. „Sorge bereitet uns der zunehmend stärker werdende Wettbewerb, in dem Unternehmen auch nicht auskömmliche Preise anbieten“, teilt Vonderlind mit. Außerdem gebe es das Risiko, dass manche Firmen Mitarbeiter abbauen könnten. „Diese Mitarbeiter gehen dem Bauhandwerk dann wahrscheinlich für immer verloren. Das schwächt die Bauwirtschaft und führt zu weiteren Engpässen in der Zukunft“, sagt der Sprecher.
Tatsächlich hat der Verband Bauwirtschaft Baden-Württemberg vor wenigen Wochen darüber berichtet, dass einige Baufirmen im Südwesten befürchteten, in Kurzarbeit gehen zu müssen. „So weit sollten wir es nicht kommen lassen“, sagte der Hauptgeschäftsführer des Verbandes, Thomas Möller. Doch die aktuellen Zahlen vom Februar, die der Verband am Mittwoch herausgegeben hat, veranschaulichen den Ernst der Lage. Demnach sind die Auftragseingänge im Februar um nominal 16,8 Prozent zurückgegangen. Besonders stark sei der Wohnungsbau betroffen: Dort wurde ein Minus von 26,2 Prozent verzeichnet. „Nach dem deutlichen Auftragsminus im Januar hat sich damit der Negativtrend im Februar nochmals verstärkt. Jetzt muss dringend gegengesteuert werden, um eine Abwärtsspirale am Bau zu verhindern“, sagte Möller.
Dass die Betriebe im Kreis Esslingen schon über derart drastische Maßnahmen wie Kurzarbeit nachdenken, hat Jürgen Bäuerle noch nicht gehört. Er ist Geschäftsführer der Firma Wilhelm Keller in Denkendorf und seit wenigen Tagen stellvertretender Obermeister der Bau-Innung Esslingen-Nürtingen. Erst am Montag fand die Mitgliedervollversammlung der Innung statt. Aber Bäuerle betont: „Der Wohnungsbau ist nahezu zum Erliegen gekommen, er nähert sich dem absoluten Nullpunkt an.“ Noch sei die Stimmung bei den Betrieben im Kreis in Ordnung, eher befriedigend. „Wir haben noch genug zu tun“, erklärt Bäuerle. „Spannend wird es aber definitiv im zweiten und dritten Quartal dieses Jahres.“
Neben den sich leerenden Auftragsbüchern und dem Fachkräftemangel trüben bei den Betrieben im Kreis Esslingen noch weitere Faktoren die Stimmung. Der Ostfilderner Unternehmer Claus Aichele berichtet: „Ich versuche gerade einen Transporter zu kaufen, und die Lieferzeit beträgt 62 Wochen.“ Hinzu kämen die zahlreichen Anforderungen und Regeln, die die Firmen erfüllen sollen. Dies ist nicht nur mit viel Bürokratie verbunden, es kostet auch Geld. „Ich bin überzeugt, dass wir 30 Prozent günstiger bauen könnten“, meint er.
Sein Innungskollege Jürgen Bäuerle aus Denkendorf würde sich wünschen: „Es wäre wichtig, dass wir vonseiten der Politik einen Förderschub bekommen.“ Ähnlich ergeht es Andy Vonderlind von der Bauunternehmung Gottlob Rommel. „Aus meiner Sicht braucht es insbesondere Stabilität und Verlässlichkeit“, sagt er. „Unsere Kunden sind auf Planbarkeit bezüglich Förderprogrammen, Energieversorgung, Baupreisen und Finanzierungskonditionen angewiesen.“
Claus Aichele aus Ostfildern erklärt, dass der Mittelstand schon immer flexibel gewesen sei. „Wir sind Unternehmer und damit positiv denkend.“ Er mahnt aber auch: „Es muss ganz dringend Schwung in den Wohnungsbau kommen.“