Stolperstein-Verlegung in Stuttgart Eine ungewöhnliche Freundschaft
Die Nazis haben Stephen Schmals Familie aus Deutschland vertrieben, Michael Ammanns Familie hat davon profitiert. Die Geschichte einer Verbindung, die nicht vorgesehen war.
Die Nazis haben Stephen Schmals Familie aus Deutschland vertrieben, Michael Ammanns Familie hat davon profitiert. Die Geschichte einer Verbindung, die nicht vorgesehen war.
Stuttgart - Vor fünf Jahren fand Stephen Schmal eine Nachricht aus Deutschland in seinem Postfach. Michael Ammann, dessen Namen ihm nichts sagte, fragte ihn nach drei seiner Verwandten. Stephen Schmal ließ die Mail erst einmal unbeantwortet. Bis er sie dann doch wieder hervorkramte, zurückschrieb und seinerseits viele Fragen stellte. Stephen Schmal ist 79 Jahre alt, war ein Arbeitsleben lang in der öffentlichen Verwaltung im Bundesstaat Washington tätig. Kein Mann, der um seine Gefühle viel Aufhebens macht, wie er nun im kalifornischen San Diego am Telefon sitzend sagt – und zur Absicherung auch noch ein „You know“ hinterherschiebt. Das Aufstellen von Familienstammbäumen und ein paar lose Episoden aus der Emigrationsgeschichte seiner Eltern waren das, was er sich zumutete und an seine Neffen und Nichten weitergab.
Er ahnte wohl schon, als er zum ersten Mal in sein Postfach schaute, was da auf ihn zukommen würde. Der Fremde schrieb, seine Familie habe mit Schmals Familie 1938 geschäftlich zu tun gehabt. 1938! Geschäftlich! Der Schreiber wollte, wie er später erklärt, nicht mit der Tür ins Haus fallen. Denn wenn man wie Schmal einer jüdischen Familie entstammt und Eltern hat, die 1938 aus Stuttgart gerade noch rechtzeitig emigrieren konnten, väterlicherseits eine frisch eingerichtete Kinderarztpraxis in Stuttgart-Bad Cannstatt für wenig Geld und mütterlicherseits die Trikotwarenfabrik Isco in Stuttgart verkaufen mussten, ist das Jahr 1938 nicht irgendein Jahr.
Es ist das Schicksalsjahr der Familien Schmal und Schmidt. Das Ende ihres Lebens in Deutschland. Eine Heimat, die Stephen Schmal vom Hörensagen, drei Besuchen, der Liebe seiner Eltern zur Musik und Literatur und durch das Schwäbisch kennt, das sie untereinander sprachen. „Ihr Band nach Deutschland war stark“, sagt er. Außerdem wusste er noch, dass seine Großmutter Betty Schmal im Konzentrationslager Theresienstadt gestorben ist. Dorthin waren sie und ihre Tochter Recha am 22. August 1942 deportiert worden. Nur Recha überlebte das Grauen als Krankenschwester. „Als meine Eltern mir erzählten, meine Großmutter sei in Theresienstadt gestorben, wusste ich nicht wirklich, was das bedeutete.“
Von Montag an verbindet Stephen Schmal, seine Großmutter Betty Schmal und den vor fünf Jahren noch unbekannten Mailschreiber ein Stolperstein – verlegt vor dem Haus in der Heidehofstraße 9 in Stuttgart. Es ist der letzte frei gewählte Wohnort Betty Schmals. Ihr Mann war in diesem Haus am 11. November 1938, zwei Tage nach der Reichspogromnacht, seinem Krebsleiden erlegen. Er ist auf dem Pragfriedhof beerdigt. Wie verzweifelt muss seine Witwe gewesen sein, in der Zeit der Entrechtung und Bedrohung ihren Mann zu verlieren. Die Nazis hatten aus dem Altenheim in Stuttgarter Halbhöhenlage, in dem sie mit ihm wohnte, ein jüdisches Zwangsaltersheim gemacht.
Dass ein Stolperstein zukünftig an Betty Schmal erinnern wird, war die Idee Michael Ammanns (63). Das ist etwas außergewöhnlich. Er lebt in Berlin und hatte selbst angefangen, seine Familiengeschichte zu erforschen. Michael Ammann hat als Fernsehproduzent, Regisseur schon vieles getan – von Soaps wie „Gute Zeiten, Schlechte Zeiten“ und „Verbotene Liebe“ bis hin zu der Tragikomödie „Nebenwege“. Aber diesmal war er an seinen wohl persönlichsten Stoff geraten.
Michael, wie Stephen Schmal längst sagt, sei einer, der ihn in seinem Glauben bestätige, dass es viele gute Menschen auf der Welt gebe. Auch in Deutschland. Er habe zwar gesehen, wie unwohl sich sein Vater Simon 1957 bei seinem ersten Besuch in Deutschland gefühlt habe, seine Mutter sich aber bei einer katholischen Familie aus ihrer Heimatstadt Laupheim für die Unterstützung während der Nazidiktatur bedankte. Stephen Schmal war also offen für den Austausch mit dem Fremden. Die zwei sind längst Freunde geworden, wie beide zögerlich sagen, als wollte der eine den anderen nicht allzu sehr vereinnahmen. Schließlich ist Stephen Schmal ein Nachfahre einer aus dem Land gejagten und beraubten jüdischen Familie. Und Michael Ammann ein Nachfahre der Täterfamilie. Diese Freundschaft war im Weltbild der braunen Machthaber nicht vorgesehen.
Aber Ammann entdeckte bei den Recherchen über seinen Großvater Carl Ammann eine für ihn selbst verstörende Geschichte. Denn der Mann, mit dem er als Kind schöne Tage im Deutschen Museum in München verbracht hatte, der gütig lächelnde Großvater hatte ganz augenscheinlich auch eine dunkle Seite. Die Geschichte, dass die jüdische Familie Schmidt die Stuttgarter Firma Isco an seinen Großvater und dessen Brüder freiwillig und zu einem guten Preis verkaufte, weil sie auswandern wollte, verblasste angesichts der Dokumente, die er in den Wiedergutmachungsakten fand. Groß war die Empörung des Großvaters, dass seine jüdischen Vertragspartner nach dem Krieg in einem Wiedergutmachungsverfahren Ansprüche anmeldeten. „Das ist die Familienlegende“, sagt Ammann. „Ein Vormittag Aktenstudium hat gereicht, um den Vorhang wegzuziehen.“
Denn mit Freiwilligkeit hatte dieser Handel nichts zu tun. Ammanns Vater und dessen Brüder hatten die Firma, aus der Stephen Schmals Mutter stammt, weit unter Preis gekauft. Das Erstaunliche an der lange zurückliegenden Geschichte sei, dass sich so lange niemand in der Familie darum gekümmert hat.
Ammann suchte auf einem Internetportal nach den Nachfahren der Familie, die Opfer der Arisierung geworden waren. „Ich wollte wissen, was aus der Familie geworden ist.“ Die Ahnendatenbank spuckte auch den Namen Stephen Schmals aus. In der Mail an ihn nannte Ammann die früheren Isco-Besitzer. Natürlich sagten Schmal die Namen etwas. Das sich darüber entspinnende Gespräch per Mail war der Beginn einer Beziehung, die letztlich im vergangenen Jahr zu Stephen Schmals Besuch bei Michael Ammann führte.
Nun hindert ihn die Corona-Pandemie, zur Stolpersteinverlegung für seine Großmutter Betty nach Stuttgart zu kommen. Nächstes Jahr will er das nachholen. Der Stein vor dem Zwangsaltersheim, erklärt Schmal dessen Bedeutung, „sagt, dass meine Großmutter dort gelebt hat – und ermordet wurde, weil sie Jüdin war. Nicht mehr.“ Aber auch nicht weniger.
Dass nur fünf Monate zwischen Anfrage bei der Stolperstein-Initiative Stuttgart-Ost und der Steinverlegung vergangen sind, ist Gudrun Greth zu verdanken. Sie hat unerbittlich in Archiven gewühlt, um die Geschichte Betty Schmals, geboren 1874 in Pflaumloch im Nördlinger Ries, zu rekonstruieren. Als junge Frau, so hat Greth herausgefunden, zog sie zu ihrem Mann, dem Viehhändler Julius Schmal, nach Laupheim. Das Ehepaar folgte schließlich seinem Sohn, dem Kinderarzt Simon Schmal, nach Stuttgart-Bad Cannstatt. Am 11. November 1938, als Bettys Mann starb, wurde ihr Sohn im Hotel Silber und dann im KZ Dachau in sogenannte Schutzhaft genommen. An der Beerdigung seines Vaters konnte er nicht teilnehmen. Am 13. Februar 1942 wurde Betty Schmal mit ihrer Tochter Recha in das jüdische Zwangsaltersheim Schloss Eschenau gebracht, bevor sie nach Theresienstadt deportiert wurde. Sie starb dort am 30. September 1943. Ihrem Sohn gelang die Auswanderung Ende 1938. Er praktiziert in den USA weiter als Arzt.
„Mir bedeutet sehr viel, dass Steve ausgerechnet mich, den Enkel von Carl Ammann bittet, ihn bei der Stolpersteinverlegung zu vertreten. Dass er mich als seinen Freund bezeichnet, berührt mich sehr“, sagt Ammann. Gespielt wird am 21. September übrigens auch das Silcherlied „Im schönsten Wiesengrund“. Denn Betty Schmal war Schwäbin durch und durch.