Strafverteidiger Jörg Frick Promianwalt plaudert aus dem Nähkästchen

Auch im Steuerfall Graf war der Anwalt tätig – und schwer beeindruckt von der „Tenniskönigin“ Foto: dpa/Kai-Uwe Waerner

Als Steuerstrafverteidiger war Jörg Frick immer höchst verschwiegen. Nun hat er ein Buch über seine illustren Fälle geschrieben – samt Seitenhieb auf einen Anwaltskollegen.

Titelteam Stuttgarter Zeitung: Andreas Müller (mül)

In seinen fünfzig Jahren als Rechtsanwalt galt Jörg Frick (Jahrgang 1941) als Ausbund an Verschwiegenheit. Zu den Medien hielt der Experte für Wirtschafts- und Steuerstrafrecht stets Distanz, Anfragen von Journalisten ließ er ins Leere laufen. Über die Presse etwas für seine oft prominenten Mandanten zu erreichen – das war für ihn, anders als für Kollegen, keine Option. Ihn selbst zog es ebenfalls nicht ins Rampenlicht.

 

Entsprechend erstaunt wird es registriert, dass nun ausgerechnet Frick aus dem Nähkästchen plaudert. „Insider“ hat er ein Buch über Erinnerungen aus seinem Berufsleben betitelt, das im Hanser-Verlag erschienen ist. Die bisher gepflegte Diskretion gibt er darin auf, ohne indes Geheimnisse zu verraten. Freimütig berichtet er über seine Rolle in Fällen, die einst Schlagzeilen machten – ob es um die Tennisfamilie Graf ging, den Bosch-Patriarchen Hans L. Merkle oder den Schraubenkönig Reinhold Würth. Gestreift wird aber auch ein ziemlich unversöhnlicher Zwist unter einst verbundenen Anwaltskollegen. Er wolle sich kein Denkmal setzen, schreibt Frick im Vorwort, sondern die Leser an „spannenden und teilweise kuriosen“ Erlebnissen teilhaben lassen. Zudem gehe es ihm darum, junge Juristen für das Wirtschaftsstrafrecht zu begeistern. Erzählt wird das alles im Plauderton und weitgehend ohne Juristendeutsch.

Im Plauderton und ohne Juristendeutsch

Nach dem Studium hatte Frick eigentlich eine Karriere in der Finanzverwaltung begonnen. Doch nach drei Jahren ließ er sich von der Anwaltskanzlei Gleiss Lutz abwerben. Steuerstrafrechtler wurde er dann eher per Zufall, aber schon bald zählte er zur ersten Garde seiner Zunft. Später machte er sich selbstständig, mit wechselnden Kollegen. Noch heute ist er als „of Counsel“ – eine Art Seniorexperte – in einer renommierten Großkanzlei tätig. Wer Wirtschafts- und Steuerstrafrecht bisher für eine spröde Materie hielt, wird in Fricks Memoiren eines Besseren belehrt. Bei seinen Fällen geht es natürlich auch um Geld und Gesetze, aber vor allem um die Menschen dahinter mit allen ihren Facetten. Da ist die „Tenniskönigin“ Steffi Graf: Tief beeindruckt hat es den Anwalt, wie sie ungeachtet der Vorwürfe gegen ihren Vater ihre sportliche Karriere vorantrieb, aber auch ihr geschäftliches und privates Leben regelte – eine „außergewöhnliche Persönlichkeit“.

Der Bosch-Chef als Flüsterer

Da ist der einstige Bosch-Chef Merkle, der in den Parteispendenverfahren vor Gericht stand. Anschaulich schildert Frick, wie der mächtige Manager immer leiser sprach – bis er und der Vorsitzende Richter fast nur noch miteinander flüsterten. Das Verhältnis zwischen Politik und Wirtschaft, analysiert er, habe damals einen tiefen Riss bekommen. Da ist der Unternehmer Würth, der auf Fricks Anraten einer stillen Erledigung seiner Steuersache zustimmte. Später meinte er, er hätte sich doch vor Gericht wehren sollen. Mit der Strafe sei Würth eher zu gut weggekommen, zitiert der Anwalt eine einflussreiche Anklägerin.

„Buchtet ihn ein, kocht ihn weich“

Da ist die Oberstaatsanwältin Margrit Lichtinghagen, die einst medienwirksam beim Post-Chef Klaus Zumwinkel anrückte. Bei Steuersündern sei sie auch sonst zupackend gewesen, schreibt Frick. Als ihr die Steuerfahndung am Telefon von einem neuen Verdächtigen berichtete, habe sie in seinem Beisein angeordnet: „Buchtet ihn ein und kocht ihn weich.“ Und da ist jener Unternehmer aus der Müllbranche, der ein vermeintlich bahnbrechendes neues Verfahren erfunden hatte. Bei einer Besprechung in dessen Büro fiel den Anwälten ein Bild hinter seinem Schreibtisch auf, das sie stark an Adolf Hitler erinnerte. „Das ist der Führer“, bestätigte der Mann auf Nachfrage – woraufhin seine Besucher empört gingen.

Auf das Buch habe er bisher nur positive Rückmeldungen erhalten, berichtet Frick. Gelobt werden etwa die Lesbarkeit auch für Nichtjuristen und der Humor. Kritik oder gar rechtliche Reaktionen gab es keine – auch nicht von einem einstigen Partner, dem er einen in Juristenkreisen viel beachteten Satz widmete. Durch einen „gravierenden handwerklichen Fehler“ habe dieser seine jahrzehntelange Tätigkeit für Daimler jäh beendet. Frick und der namentlich genannte jüngere Anwalt trennten sich einst im Streit, der Senior stand eines Tages vor verschlossenen Türen. Noch heute indes trägt die Kanzlei Fricks Namen. Der Versuch, das gerichtlich zu ändern, scheiterte, angeblich an einem ärgerlichen Formfehler.

Was sagt der Anwalt zu dem Vorwurf? Auf eine Anfrage unserer Zeitung reagierte er einfach nicht – ganz so, wie er es von seinem väterlichen Mentor einst gelernt hat.

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