Es drohen jahrelange Verkehrsprobleme Cannstatter Straße: Darum wird der geplante Kanalbau überarbeitet
Im Zuge der Sanierung des Nesenbachkanals hat die Stadt ein Ziel: Ein großes Abwasserwärmekraftwerk soll entstehen.
Im Zuge der Sanierung des Nesenbachkanals hat die Stadt ein Ziel: Ein großes Abwasserwärmekraftwerk soll entstehen.
Die Cannstatter Straße zählt mit bis zu 70 000 Fahrzeugen täglich zu den „Hauptschlagadern“ der Landeshauptstadt. Doch in den kommenden Jahren drohen starke Verkehrseinschränkungen. Der Grund: Der Nesenbachkanal, der unterhalb der stadteinwärts führenden Fahrspuren liegt, ist so marode, dass er erneuert und „Verstärkung“ erhalten soll. Die bisherigen Planungen des Tiefbauamts und des Eigenbetriebs Stadtentwässerung sahen vor, in der Straße stadtauswärts zwei neue Kanäle zu bauen. „Allerdings wollen wir das Projekt in eine neue Richtung lenken und neu denken“, sagt Jürgen Mutz, der Leiter des Tiefbauamts. Stichwort: Abwasserwärmenutzung. Denn auf der anderen Seite des Unteren Schlossgartens entsteht mit dem Rosensteinquartier auf einer Fläche von 85 Hektar ein moderner Vorzeige-Stadtteil – vor allem was Klimaziele, Verkehr und Energie angeht. Ein Überblick über das Projekt.
Der Nesenbachkanal
Für den Ausbau der Cannstatter Straße zur Bundesstraße 14 wurde in den Jahren ab 1960 der Hauptsammler Nesenbach zu einem Abwasserkanal umgebaut. Bis dahin floss das Abwasser aus den Stadtteilen Vaihingen, Heslach, Kaltental und aus der gesamten In-nenstadt bis zum Schwanenplatz in einem offenen Gerinne zum Hauptklärwerk Mühlhausen. Der Kanal verläuft zwischen der Kreuzung Cannstatter, Wolfram- und Heilmannstraße sowie dem südlichen Tunnelportal des Schwanenplatztunnels unter den drei Fahrspuren in Stadteinwärtsrichtung. Er ist 7,60 Meter breit und zwischen drei und fünf Meter hoch.
Aktueller Zustand
Insbesondere die Stahlbetonplatten des Kanals, auf denen der Verkehr stadteinwärts fließt, weisen mittlerweile massive Schäden auf. 2014 und 2018 wurden zur Sicherheit und Stütze der Deckenelemente insgesamt 43 Stahlrahmen eingebaut. „Zudem werden der Hauptsammler regelmäßig kontrolliert und der Schadensfortschritt dokumentiert“, sagt Mutz. Belastungsproben vor vier Jahren hätten gezeigt, dass trotz der vorhandenen Korrosionsschäden noch von einer ausreichenden Tragfähigkeit der Platten auszugehen sei. Dennoch waren sich die Experten bei der Stadtentwässerung und beim Tiefbauamt einig: Die Kanaldecken werden trotz der eingebauten Sicherungen irgendwann nicht mehr halten. Als Vorsichtsmaßnahme wurde damals beschlossen, dass Lastwagen stadteinwärts nur noch auf der rechten Spuren fahren dürfen.
Der bisherige Plan
Die zuständigen Ämter haben mehrere Trassenvarianten auf der stadtauswärtigen Seite untersucht. Im Bereich der rechten Fahrspur in Stadtauswärtsrichtung und dem Gehweg ab der Schwabengarage werden zwei Kanäle mit Breiten von 3,40 bis 4,50 Meter und Höhen von 3,50 Meter realisiert. Ab der Heinrich-Baumann-Straße und bis zur Villastraße verlaufen sie mit einer Breite von bis zu 5,60 Meter teilweise im Gehweg und in der seitlichen Grünfläche. Durch zwei Ausleitungen aus dem Hauptsammler auf Höhe des Autohauses und zwei Einleitungen im Bereich der Villastraße werden hydraulische Leistungsverluste vermieden.
Zusätzliche Ziele
Wie beim neuen Quartier Neckarpark soll durch die lokale Nutzung von Wärme aus Abwasser über ein Nahwärmenetz eine nahezu klimaneutrale Heizenergieversorgung realisiert werden. „Aus diesem Grund werden die bisherigen Pläne für die Kanalarbeiten überarbeitet, was sich auf die Zeitschiene und eventuell auf die Größe der beiden zusätzlichen Kanäle auswirkt“, sagt Jürgen Mutz. Mit den Arbeiten in der Cannstatter Straße werde deshalb wohl erst 2025 begonnen werden.
Dauer und Kosten Jürgen Mutz geht von einer Mindestbauzeit von fünf Jahren aus. Dazu zählen auch die vorbereitenden Maßnahmen wie Baumfällungen, provisorischer Lärmschutz (der Wall entlang der Cannstatter Straße in stadtauswärtiger Richtung wird vorübergehend abgetragen) sowie die geplanten Fahrbahnverschwenkungen. Allein die eigentlichen Kanalarbeiten nehmen zwei bis drei Jahre in Anspruch. Was die Kosten angeht, hält sich der Tiefbauamtschef zurück. In dem Bericht zum Zustand des Nesenbachkanals wird eine Sanierungssumme von 45 bis 50 Millionen Euro genannt. „Was das Projekt schlussendlich kosten wird, hängt auch von der weiteren Entwicklung der Baupreise ab“, so Jürgen Mutz von der Stadt.
Verkehrliche Auswirkungen
Stadteinwärts und stadtauswärts gibt es heute jeweils drei Fahrspuren, dazu kommt noch die seit Dezember 2022 verwaiste Busspur für den X 1. Das erklärte Ziel der Verkehrsplaner: „Es sollen während der Bauzeit in beiden Fahrtrichtungen immer mindestens zwei Fahrbahnen zur Verfügung stehen“, sagt Mutz, der deshalb trotz des hohen Verkehrsaufkommens nicht mit dem großen Chaos auf der Cannstatter Straße rechnet. Dass es zu kurzen Fahrbahnsperrungen und dadurch zu Staus und Behinderung kommt, verstehe sich von selbst. „Das lässt sich aber bei Bauarbeiten unter fließendem Verkehr nun einmal nicht vermeiden.“
Separate Busspur
Für die Expressbuslinie X 1, die 2018 in Betrieb ging, investierte die Stadt insgesamt rund 2,7 Millionen Euro in die dafür notwendige Infrastruktur. Das meiste Geld verschlang der Abschnitt auf der Cannstatter Straße mit der separaten Busspur. Die wird jedoch seit Dezember 2022 nicht mehr benötigt, da der X 1 stillgelegt wurde – vorübergehend, wie es heißt.
Als Grund wurden die anstehenden Kanalbauarbeiten angegeben. Doch der Baubeginn verzögert sich, weshalb die Frage im Raum steht, ob die 800 Meter lange verwaiste Fahrspur nicht anders genutzt werden kann. „Dabei sind jedoch die Gemeinderatsfraktionen gefordert“, so Jürgen Mutz, der eine Interimsnutzung bis zum Baubeginn – beispielsweise für Fahrradfahrer – jedoch für schwierig erachtet. Die Abteilung Verkehr beim Amt für Öffentliche Ordnung ist der Ansicht, dass bis zum anvisierten Baubeginn 2025 die Busspur sinnvollerweise durch Einsatzfahrzeuge genutzt werden könne.
Überwachung
Ab dem 1. März 2010 ist auf der Cannstatter Straße im Kampf gegen die Feinstaubbelastung das Tempolimit weiter heruntergeschraubt worden: von 60 auf 50 km/h. Zum Auftakt wurde besonders streng kontrolliert – allerdings nur mit mobilen Kontrollen.
Stationäre Blitzer
Am 9. September 2010 gingen zwei moderne Blitzanlagen in Betrieb. Allerdings galt damals noch Tempo 50, Tempo 40 wurde erst sehr viel später eingeführt. Allein in den ersten drei Monaten wurden fast 40 000 „Raser“ erwischt.
Erwischte Temposünder
Im ersten Jahr wurden 68 458 „Raser“ auf der Cannstatter Straße erwischt, 2012 waren es nur noch 51 957. Die Zahl nahm – bis auf die Jahre 2015 und 2016 – kontinuierlich auf 13 868 erwischte Temposünder im Jahr 2019 ab. In den Corona-Jahren waren es dann wieder 25 623 (2020) und 23 863 (2021).
Blitzer während der Bauphase
Laut Amt für Öffentliche Ordnung werden die Verkehrsüberwachungsanlagen im Zuge der Baustellenplanung mit berücksichtigt werden und es werde auch weiterhin „überwacht“. Allerdings nicht stationär, sondern voraussichtlich mobil oder mit semistationären Anlagen (Messanhänger).