Straßenverkehr im Landkreis Böblingen Heimat-Check: Weit weg vom optimierten Verkehrsfluss

Durch den Ausbau der A 81 drängt Umleitungs- und Schleichverkehr nach Sindelfingen. Foto: Eibner-Pressefoto//Michael Memmler

Beim Heimat-Check unserer Zeitung haben die Teilnehmer den Böblinger Gemeinden ein sehr kontroverses Zeugnis ausgestellt. Sindelfingen leidet unter Schleichverkehr, Böblingen unter zu großen Radwegen und den Herrenberger Bürgern gibt es zu viele Ampeln in der Stadt.

Böblingen : Ulrich Stolte (uls)

Wo sind die Menschen im Kreis zufrieden mit dem Straßenverkehr und der Parksituation? Das wollten wir mit unserem Heimat-Check herausfinden, einer nicht repräsentativen, aber aussagekräftigen Umfrage, an der sich im Kreis Böblingen 3854 Bürger beteiligt haben, die auch 1645 Meinungen und Kommentare im Heimat-Check hinterlassen haben.

 

Auf dem Land passt es

Die Antwort könnte man in einem Satz geben: Auf dem Land passt es, in der Stadt gibt es erhebliche Probleme. Deswegen landen die großen Städte im Kreis Böblingen beim Thema Straßenverkehr allesamt auf den unteren Rängen, die drei ersten Plätze hingegen belegen die Dörfer Bondorf, Mötzingen und Deckenpfronn. Im Ranking der schlechten Städte noch am besten schneidet Sindelfingen ab (Durchschnittswert 4,35), dann geht es abwärts über Herrenberg (4,32) und Böblingen (4,03) zum Schlusslicht Leonberg (3,80). Geht man den Gründen der Unzufriedenheit nach und liest die Kommentare, wird eines offensichtlich: Tatsächlich scheinen die Leute immer mit jener Verkehrspolitik nicht zufrieden zu sein, die von den Städten gerade verfolgt wird. In Herrenberg und Böblingen sind es die neu eingeführten Radwege, in Sindelfingen der starke Autoverkehr, der die Bürger erzürnt.

Weniger Baustellen, weniger Staus

„Zu wenig Infrastruktur für die Masse an Menschen, die sich täglich im Großraum bewegen oder aufhalten“, bemängelt ein Böblinger, der lapidar zur Böblinger Verkehrssituation sagt, „zu kleine Straßen, miserables Verkehrsmanagement, schlechte Parkmöglichkeiten.“ Ein anderer meint: „Ältere Mitbürger werden massiv diskriminiert, insbesondere beim Autoverkehr. Aufgrund gesundheitlicher Einschränkungen sind sie oft zwingend aufs Auto angewiesen und außerdem gibt es zu wenig Parkplätze vor den Geschäften.“ Viele Bürger beklagen, dass ihrer Ansicht nach dem Radverkehr zu viel Vorrang vor den Autos eingeräumt werde: „Ein vernünftiges Verkehrskonzept erstellen, bei dem alle Verkehrsmittel in Einklang kommen. Es gibt nicht nur Radfahrer!“, heißt es in einem Kommentar. Interessant auch, dass es mehreren Befragten zu viele Wohnmobile in der Stadt gibt. Sie wollen die rollenden Wohnzimmer ganz verboten sehen, und ganz viele Bürger wünschen sich weniger Baustellen und weniger Staus.

In Herrenberg sind viele der Umfrageteilnehmer mit den Ampelschaltungen unzufrieden, die ihrer Ansicht nach die Autos behinderten. Ganz drastisch drückt es ein Unbekannter so aus: „Besonders katastrophale Verkehrspolitik, Tempo 40 und ewige Rückstaus durch Ampeln.“ Ein anderer Herrenberger rät etwas besonnener zur „Optimierung des Verkehrsflusses durch Herrenberg“, ebenso gebe es, laut einem anderem Kommentar „zu viele Autos, zu viele Staus trotz intelligenter Ampellösung. Zu viele Ampeln in der Stadt bringen den Verkehr zum Stocken. Mehr Kreisverkehre wäre idealer“, schließt der Kommentator sein Statement.

Starke Belastung durch Ausweichverkehr

Einen soliden, aber futuristischen Vorschlag nicht nur für Herrenberg, sondern für viele Städte hatte ein anderer Kommentator: „Parken am Stadtrand und autonome Busse in die Innenstadt einführen.“

Ganz anders sieht es in Sindelfingen aus. Die Bürger dort ächzen unter dem Autoverkehr und wünschen sich eine Verbesserung, das heißt, weniger Autoverkehr. „Sindelfingen tut alles für Autos und lediglich Pseudoaktivitäten für Radfahrer, wie beispielsweise den zirka 80 Meter langen Radweg am Bahnhof“, klagt ein Teilnehmer der Umfrage. Einem anderen sind die Autos „in der Stadt zu dominant im Straßenverkehr und viel zu schnell und zu laut“.

Deswegen wird von vielen Umfrage-Teilnehmern auch ein Tempolimit in der Stadtmitte gegen den Verkehrslärm gefordert. Auch die Tatsache, dass nicht nur bei Umleitungen, sondern auch bei Staus vielfach der Verkehr durch Sindelfingen fließt, stößt sauer auf: „der Innerortsverkehr, die starke Belastung durch Ausweichverkehr von der B 494 und der A 81“, werden kritisiert. Einen konkreten Vorschlag hat ein Teilnehmer: „Es fehlen im Allmandäcker Radarfallen!“ schreibt er.

Auf den ersten drei Plätze beim Straßenverkehr stehen Bondorf, Mötzingen und Deckenpfronn. In den kleineren Kommunen ist die Anzahl der Kommentatoren naturgemäß gering, aber eben auch die Verkehrsprobleme. So richtig fängt die Kritik erst beim Drittplatzierten an, der Kommune Deckenpfronn: „Traktoren sollten nicht den ganzen Tag durch Wohngebiete fahren, der Lärm dadurch ist sehr belastend“, heißt es da.

Worum es beim Heimat-Check geht

Stimmungsbild
 Der Heimat-Check unserer Zeitung in Kooperation mit dem Unternehmen Umfrageheld hat ein Stimmungsbild in allen 140 Kommunen der Kreise Esslingen, Böblingen, Ludwigsburg und Rems-Murr erhoben. Vom 10. Juni bis zum 2. Juli konnte online das Votum abgegeben werden. Insgesamt 15 120 Menschen nahmen teil. Den Anspruch, repräsentativ zu sein, erhebt der Heimat-Check ausdrücklich nicht.

Systematik
 In 14 Kategorien wurden je zwei Fragen gestellt, die auf einer Skala von eins (schlecht) bis zehn (sehr gut) beantwortet werden konnten. Dabei ging es um die Themen Lebensqualität, Gastronomie, Immobilienmarkt, Sport und Vereine, Familienfreundlichkeit, Gesundheitsversorgung, Sauberkeit, Sicherheit, Einzelhandel, Verkehr, Nahverkehr und Radwegenetz, Seniorenfreundlichkeit, Kultur und Freizeit sowie Digitalisierung, Energie und Klima. 

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