Strategie gegen Corona Deutschland öffnen – so könnte es klappen

Noch ist Geduld gefragt, bis der (Schul-)Alltag zurückkehrt. Foto: dpa/Frank Molter

Wissenschaftler plädieren zunächst für eine Fortsetzung des Lockdowns, um die Infektionszahlen auf Werte nahe null zu drücken. Ihr Versprechen: Ein harter Kurs erlaubt eine schnellere Rückkehr zum normalen Leben. Wie soll das gehen?

Wissen/Gesundheit: Werner Ludwig (lud)

Stuttgart - Der Lockdown wirkt. Das belegt die von Woche zu Woche sinkende Zahl der Corona-Neuinfektionen. Auch die Todesfälle werden weniger. Kein Wunder, dass der Ruf lauter wird, pandemiebedingte Einschränkungen aufzuheben. Doch etliche Forscher sehen das kritisch. Was sind ihre Argumente?

 

Seit Mitte Januar gehen die Neuinfektionen zurück. Die Sieben-Tage-Inzidenz – also die Zahl der Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner innerhalb einer Woche – nähert sich mittlerweile dem Wert 80, nachdem sie um Weihnachten fast die 200er-Marke erreicht hatte. Lothar Wieler, Präsident des Robert-Koch-Instituts (RKI), wies jedoch kürzlich darauf hin, dass der Rückgang vor allem auf wenige Bundesländer mit überdurchschnittlich vielen Neuinfektionen zurückzuführen ist. In der Fläche sinken die Zahlen langsamer. „Der Lockdown wirkt“, sagt auch Michael Hallek, Direktor der Klinik I für Innere Medizin an der Kölner Uniklinik. Allerdings gibt der Mediziner der deutschen Pandemiepolitik im weltweiten Vergleich keine besonders gute Note. Um Weihnachten herum habe er gedacht: „Wir haben das Schlechteste aus zwei Welten. Wir fahren die Wirtschaft an die Wand und haben trotzdem noch relativ hohe Zahlen bei Infizierten und Toten.“ Hallek fand das frustrierend und machte sich mit Forschern anderer Disziplinen Gedanken über eine effizientere Strategie. Das war die Geburtsstunde der No-Covid-Initiative, die für einen Inzidenzwert nahe null plädiert.

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Hallek und seine Mitstreiter sind der Ansicht, dass die derzeitigen Einschränkungen noch für vier bis sechs Wochen aufrechterhalten werden müssen, um auf anhaltend niedrigere Zahlen zu kommen und wiederkehrende „Jo-Jo-Lockdowns“ zu verhindern. Auch wenn der von der Bundesregierung angestrebte Inzidenzwert von 50 erreicht sei, könne man nicht einfach alles wieder öffnen. „Es wäre ein Wunder, wenn die Zahlen dann nicht wieder massiv steigen würden“, sagt auch Dirk Brockmann, der sich als Leiter der Forschungsgruppe für komplexe Systeme an der Berliner Humboldt-Universität mit Modellrechnungen zur Pandemie beschäftigt. Als positives Beispiel nennt Hallek unter anderem die australische Millionenstadt Melbourne. Dort sei es durch das Festhalten an den Corona-Auflagen gelungen, die Inzidenz innerhalb weniger Wochen von zehn auf null zu drücken.

Wie sich die Pandemie weiter entwickelt, hängt entscheidend von der Verbreitung besonders ansteckender Virusmutationen ab. Und die nimmt offenbar zu, wobei die Datenbasis weiterhin recht schmal ist. Hallek geht aufgrund eigener Beobachtungen davon aus, dass die Varianten in Köln jetzt schon für mindestens fünf Prozent der Neuinfektionen verantwortlich sind – und das sei noch eine vorsichtige Schätzung. Der Mediziner befürchtet eine exponentielle Zunahme dieser Virustypen. „Und wenn wir in so einer Phase den Lockdown beenden, werden wir innerhalb von zwei bis drei Wochen eine extrem rasante Ausbruchsituation haben“ – ähnlich wie in Irland oder Portugal. Geht man davon aus, dass sich die Mutanten in der Fläche durchsetzen und im günstigsten Fall „nur“ 30 Prozent ansteckender sind, könnte das bei sonst unveränderten Bedingungen zu einem Anstieg des R-Werts von derzeit gut 0,8 auf 1,1 führen. Zehn infizierte würden dann im Durchschnitt statt acht elf Personen anstecken.

Wann sich die Impfungen auswirken könnten

Der online verfügbare Covid-Simulator der Universität des Saarlands prognostiziert bei einem konstanten R-Wert von 0,8 für Ende März eine 7-Tage-Inzidenz von 14 und rund 125 tägliche Todesfälle. Bei einem konstanten R-Wert von 1,1 läge die Inzidenz dagegen bei 165 und die Zahl der täglichen Todesfälle bei 660. Beide Berechnungen sind stark vereinfacht, da der R-Wert in der Realität nicht auf einmal, sondern parallel zur Ausbreitung der Mutanten allmählich ansteigen würde. Bis Ende Juni würde nach dem vereinfachten Modell in Deutschland die Gesamtzahl der mit Corona verbundenen Todesfälle seit Beginn der Pandemie auf bis zu 150 000 steigen – allerdings unter der wenig realistischen Annahme, dass es bei einer derartigen Entwicklung keine Verschärfung der Corona-Politik gäbe.

Bis sich die nur langsam voranschreitenden Impfungen in Deutschland spürbar auf den Verlauf der Pandemie auswirken, dürfte es noch eine ganze Weile dauern. „Für die Zeit bis Ostern können wir noch nicht viel an Bevölkerungsschutz durch die Impfung erwarten“, sagt der Virologe Christian Drosten in seinem neuesten Podcast.

Den Warnungen vor zu schnellen Öffnungen steht eine lauter werdende Kritik an den Maßnahmen gegenüber. „Die Akzeptanz für die Pandemiepolitik der Bundesregierung und die Coronaregeln insgesamt geht zurück“, sagt Cornelia Betsch. Die Professorin für Gesundheitsmanagement an der Universität Erfurt führt in regelmäßigen Zeitabständen Befragungen zu verschiedenen Aspekten der Pandemie durch. Im Vergleich zur ersten Welle gebe es derzeit „weniger freiwilliges Schutzverhalten“. Tatsächlich belegen etwa Mobilitätsdaten, dass derzeit deutlich mehr Menschen unterwegs sind als im ersten Lockdown, was letztlich auch zu mehr Kontakten führt.

Um die zunehmend pandemiemüden Bürger zu motivieren, wieder aktiver zur weiteren Senkung der Infektionszahlen beizutragen, schwebt den No-Covid-Initiatoren unter anderem ein Grüne-Zonen-Modell vor. Der Lockdown sollte demnach regional gestaffelt weitergehen, bis eine Inzidenz von zehn erreicht wird. Von da aus sei es nicht mehr weit bis zu einer Inzidenz von null und der Einstufung als grüne Zone. In diesen Gebieten sei dann wieder ein weitgehend normales Leben möglich, das allerdings zunächst regional begrenzt bliebe. Hinzu kämen für eine gewisse Zeit Mobilitätsbeschränkungen zwischen den Regionen. Die oft kritisierte föderale Struktur Deutschlands werde eine Art Wettbewerb bei der erfolgreichen Pandemiebekämpfung in Gang bringen, was wiederum mehr Menschen motivieren könnte, aktiv mitzumachen, hofft Hallek.

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