Streik der Ärzte Auch in Stuttgart sind viele Praxen von Weihnachten bis Neujahr zu

Geschlossen: Diesen Aushang könnten Patienten zwischen den Jahren auch in Stuttgart und der Region häufiger lesen. Foto: dpa/Patrick Pleul

Aus Protest gegen die Politik haben viele Arztpraxen zwischen Weihnachten und Neujahr geschlossen. Was Patientinnen und Patienten, die ärztliche Hilfe benötigen, jetzt beachten müssen.

Gesundheit für Menschen in Stuttgart: Bettina Hartmann (ina)

Wer über Weihnachten krank wird und ärztliche Hilfe braucht, muss in diesem Jahr mit langen Wartezeiten rechnen – zahlreiche Praxen haben geschlossen. Die niedergelassene Ärztinnen und Ärzte in ganz Deutschland, und somit auch in Stuttgart und der Region, protestieren gegen die Politik von Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD): „Die Praxis bleibt geschlossen“ – diesen Aushang werden Patientinnen und Patienten daher häufiger lesen. Der Virchowbund, der Verband der niedergelassenen Ärzte Deutschlands, hat mit weiteren Ärzteverbänden wie Medi Baden-Württemberg zu Praxisschließungen vom 27. bis zum 29.12 aufgerufen, sprich: Viele Ärzte werden bis ins neue Jahr nicht greifbar sein.

 

Der Hausärzteverband Baden-Württemberg hält die Aktion für ein wichtiges Signal: „Die aktuelle Situation der ambulanten Versorgung ist desaströs“, sagte der Pressesprecher Felix Bareiß auf Anfrage unserer Zeitung. „Steigendes Patientenaufkommen, mangelnde Digitalisierung, Fachkräftemangel und Budgetierung bringen Hausärztinnen und Hausärzte an ihre Grenzen und die ambulante Versorgung an den Rand des Kollapses.“ Die Politik verschließe jedoch beide Augen davor, weshalb man klarmachen müsse, dass es so nicht weitergehen kann.

Minister Lucha kritisiert den Protest

Baden-Württembergs Gesundheitsminister Manfred Lucha (Grüne) allerdings hat wenig Verständnis für den Streik: „So legitim die Anliegen der Ärztinnen und Ärzte auch sein mögen – der Konflikt kann nicht auf dem Rücken der Patientinnen und Patienten ausgetragen werden.

Der Minister sagte auf Anfrage unserer Zeitung zudem, er appelliere an die ärztliche Selbstverwaltung „alles zu tun, um ihrem Sicherstellungsauftrag gerecht zu werden“. Doch was sollen Patienten tun, wenn sie ein dringendes Anliegen haben, ihre Praxis aber geschlossen hat?

Patienten sollen sich an Vertretungspraxen wenden

„Patientinnen und Patienten können sich jederzeit an den ärztlichen Bereitschaftsdienst unter der Telefonnummer 116 117 oder an die Vertretungspraxen wenden“, heißt es vom Virchowbund. Und was, wenn auch die Vertretung streiken möchte? In dem Fall müssten sich die Ärzte eben untereinander absprechen, heißt es beim Verband Medi Baden-Württemberg. Man hoffe auf Verständnis der Patienten: „Wir machen das schließlich, um auch in Zukunft eine gute ambulante Versorgung zu sichern.“

Die Notfallpraxis der Stuttgarter Ärzteschaft am Marienhospital hofft derweil auf die Vernunft der Patienten – sprich: dass nur kommt, wer wirklich Hilfe braucht. Und dass der Andrang von Patienten nicht noch größer als ohnehin schon wird: „Von kurz vor Heiligabend bis Dreikönig versorgen wir jedes Jahr gut 4000 Patienten. Wenn es nun deutlich mehr werden, packen wir das nicht mehr“, sagt Anke Williams, Praxismanagerin der medizinischen Notfallpraxis am Marienhospital. Eine angemessene Versorgung könne in dem Fall nicht mehr gewährleistet werden. Bis Dreikönig hätten allerdings viele Praxen sowieso traditionell zu, die Patienten würden sich meist darauf einstellen.

Protest ist nun besonders lang: zehn Tage

Die Notfallpraxis am Marienhospital hat montags bis freitags von 19 bis 24 Uhr, an Sams-, Sonn- und Feiertagen von 7 bis 24 Uhr geöffnet. Dieser ärztliche Bereitschaftsdienst ist aber nicht mit der Notaufnahme zu verwechseln. Wer akut schwer oder gar lebensbedrohlich erkrankt ist oder einen schweren Unfall hatte, kommt in die Notaufnahme. Wenn man außerhalb der Praxis-Sprechzeiten eine Erkrankung hat, mit der man normalerweise zum Hausarzt gehen würde, kümmert sich der Notdienst bzw. die Notfallpraxis.

Schon mehrfach in diesem Jahr blieben bundesweit Praxen geschlossen, um für bessere Rahmenbedingungen zu demonstrieren, auch in Stuttgart und der Region. Diesmal ist der Protest aber besonders lang - inklusive der Feiertage bleiben zahlreiche Praxen zehn Tage geschlossen. Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach hat zu diesem Zeitpunkt kein Verständnis: „Die Forderungen der Ärzteschaft sind bekannt“, sagte er. Daher brauche jetzt nicht gestreikt werden, sagte der SPD-Politiker dem Sender RBB. Insbesondere nicht jetzt, wo jeder Zehnte krank sei und die Menschen die Versorgung bräuchten. Dennoch brauche es eine Reform, so Lauterbach weiter: „Wir haben zu viel Bürokratie in den Praxen. Daran wird jetzt gearbeitet.“ Zu diesem Zweck hat der Minister einen Krisengipfel für Januar angekündigt.

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