Streit um #allesdichtmachen Appell an alle: Bitte Maß halten!
Der Streit um den Protest der Schauspieler gegen die Corona-Politik zeigt: Die Nerven der Gesellschaft liegen zusehends blank. Was kann das helfen?
Der Streit um den Protest der Schauspieler gegen die Corona-Politik zeigt: Die Nerven der Gesellschaft liegen zusehends blank. Was kann das helfen?
Stuttgart - Nun ist das Land endgültig in zwei Lager geteilt: Das eine hört auf den Hashtag „allesdichtmachen“, das andere auf „allenichtganzdicht“. Beide Lager versammeln Zigtausende hinter ihrem Banner. Und beide Lager haben das Recht auf ihrer Seite.
„#Allesdichtmachen“: Unter diesem Motto haben 53 Schauspielerinnen und Schauspieler kurze Videos veröffentlicht, mit denen sie gegen die Anti-Coronapolitik in Deutschland protestieren. Sie wählen dafür das Kunstmittel der Ironie. Das heißt in diesem Fall: Sie loben derart übertrieben all jene Abstands- und Hygieneregeln, die unseren Alltag prägen, dass der Zuschauer, so hoffen sie, bemerkt: In Wirklichkeit haben sie von alledem die Nase voll. Und vor allem glauben sie nicht, dass die just in Berlin beschlossene Bundes-Notbremse wirklich zum Ziel führt. Es finden sich prominente Namen unter dem Hashtag; „Tatort“-Kommissare sind erstaunlich stark vertreten.
Es dauerte nur wenige Stunden, bis sich im Netz unter „#allenichtganzdicht“ die Gegenfront formiert, ebenso prominent besetzt. Ihre Vorwürfe: Die Lockdown-Kritiker spielten Coronaleugnern, AfD-Funktionären, Nazis und Verschwörungstheoretikern in die Hände. Sie böten keine Alternative. Sie seien entweder naiv oder schamlos. Sie missachteten die Nöte von Ärzten, Krankenpflegern, Covid-19-Opfern. Wie immer, wenn es in den sozialen Netzwerken brodelt, werden die Angriffe schnell persönlich. Und prompt fordert ein WDR-Rundfunkrat, der öffentlich-rechtliche Rundfunk müsse sofort die Verträge mit allen an der Aktion beteiligten „Tatort“-Kommissaren kündigen.
Über Sinn und Form der „allesdichtmachen“-Videos kann man streiten; einige der Beiträge kann man geschmacklos finden. Einige der gegnerischen Reaktionen von „allenichtganzdicht“ sind es aber in gleichem Maß. Es ist überzogen, allen Kritikern der Lockdown-Politik per se vorzuwerfen, die Covid-Opfer seien ihnen offenbar egal, sie nähmen Tote in Kauf. So wie es andersherum ebenso überzogen ist, allen Befürwortern der Notbremse zu unterstellen, sie interessierten sich nicht für jene Kinder, die infolge des Lockdowns Opfer häuslicher Gewalt werden.
Unser Problem ist, dass sich die öffentliche Debatte aber genau so weiter zuspitzt. Es gibt kaum noch eine Möglichkeit, am Sinn einer nächtlichen Ausgangssperre zu zweifeln, ohne dass man als Leugner des Elends auf den Intensivstationen gebrandmarkt wird. Und es gibt kaum noch eine Chance, den Kunden hinter sich in der Schlange im Supermarkt um ein bisschen mehr Abstand zu bitten, ohne dass man prompt als Büttel der Bundeskanzlerin an den Pranger kommt.
Die Nerven der Gesellschaft liegen zusehends blank. Es rächt sich, dass die politische Debatte über die richtige Strategie gegen die Pandemie von Anfang an stark mit Elementen von Angst und Moral angereichert wurde. Solche Mittel sind zweifellos stark. Aber sie müssen bei langer Krise ständig gesteigert werden, nutzen sich dennoch ab und führen letztlich zu Lagerdenken und gegenseitiger persönlicher Missachtung. Das zeigt nun auch der Streit über die Schauspieler-Aktion, die ja im Kern die Aufregung kaum wert ist.
In einer solchen Situation kann man sich eigentlich nur eines wünschen: dass alle Seiten ihren Erregungsregler um mindestens die Hälfte herunterdrehen. Alle müssen lernen, in ihrem Reden stärker Maß zu halten: Politiker, Wissenschaftler, Interessenverbände, auch Journalisten. Weniger Zu- und Überspitzen, mehr Differenzieren und Abwägen. Weniger Talkshow, mehr Gespräch. Weniger Belehrung, mehr Aufmerksamkeit. Weniger Moralbekenntnisse, mehr pragmatische Vernunft. Ob allerdings Ironie uns auf diesem Weg sehr viel weiter führt? Wohl eher nicht.