Streit um den Nationalpark Nordschwarzwald Was ist uns der Wald wert?

Nur vordergründig geht es im Nordschwarzwald um Argumente: dahinter stecken tiefe Gefühle und Wertvorstellungen. Foto: dpa
Nur vordergründig geht es im Nordschwarzwald um Argumente: dahinter stecken tiefe Gefühle und Wertvorstellungen. Foto: dpa

Nur vordergründig geht es im Nordschwarzwald um Totholz und Borkenkäfer. Jenseits von Gutachterschlachten offenbaren sich fundamental unterschiedliche Vorstellungen von der Natur.

Landespolitik: Andrea Koch-Widmann (akw)
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Stuttgart - Der Streit tobt seit mehr als zwei Jahren. Von einem mehr als 1200 Seiten dicken, europaweit ausgeschriebenen Gutachten, das die möglichen Folgen eines Nationalparks im Nordschwarzwald für Natur, Wald, Wirtschaft und Tourismus abschätzen und Antworten auf mehr als 1600 Bürgerfragen geben sollte, erhoffte sich die grün-rote Landesregierung in Baden-Württemberg einen Befreiungsschlag in der festgefahrenen Debatte. Das Ergebnis: die Gutachter sehen „mehr Chancen“ als Risiken und schätzen diese, insbesondere das Borkenkäferproblem, als „beherrschbar“ ein.

Das war das Startsignal für viele Bürgermeister und Landräte, sich für den Nationalpark auszusprechen. Sie hatten längst dessen Potenzial als Infrastrukturspritze für den im Nordschwarzwald darbenden Tourismus erkannt. Einige Kommunen – wie etwa Baden-Baden, Bühl und Laufs – bieten gar gemeindeeigenen Wald an, um Nationalparkgemeinde werden zu können; bisher ist das rund hundert Quadratkilometer große Gebiet ausschließlich im Staatswald geplant.

Die Ablehnung ist überraschend hoch

Die Hoffnung, das Gutachten liefere die Grundlage für eine sachliche Diskussion mit den Bürgern vor Ort, erwies sich jedoch als Trugschluss. Das Meinungsbild bei den Bürgerbefragungen in sieben von 19 Gemeinden im Suchraum des Nationalparks war eindeutig: Die Ablehnung war mit 64 bis 87 Prozent überraschend hoch, die Beteiligung an der – rechtlich unverbindlichen – Briefabstimmung war deutlich höher als 50 Prozent. Dennoch hält die Landesregierung am Natur­schutzgroß­projekt fest. Sie hat allerdings mit Rücksicht auf die Bürgerbefragung die Kulisse des Nationalparks so verschoben, dass nur noch zwei der sieben Protestgemeinden tangiert sind. Der Gesetzentwurf ist auf den Weg gebracht. Die Entscheidung über das Gesetz obliegt dem Landtag, der im Herbst darüber beraten soll. Die Situation in der Region jedoch ist nicht befriedet.

Weshalb lehnen ausgerechnet Menschen in ländlichen Gegenden, die mehr Bezug zur Natur haben als die Städter, einen Nationalpark so vehement ab, im Schwarzwald wie auch andernorts? Abgesehen von den politischen Frontlinien im Südwesten – Bürgerbeteiligung, Revanche für Stuttgart 21 und Regierungswechsel – geht es bei diesem Streit ganz grundsätzlich auch um Emotionen, um moralisch-ethische Aspekte und sehr unterschiedliche Vorstellungen von Natur, ihrem Nutzen, ihrem Wert.

Die Gegner fürchten den Verlust der Heimat

„Die Regierung will unseren wunderschönen Wald verrecken lassen“, hatte ein Nationalparkgegner dem Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann bei einer Bürgerversammlung in Baiersbronn wütend vorgeworfen. Für die Gegner ist ein Nationalpark Naturschutz „in seiner radikalsten Form“, der Mensch müsse ohnmächtig das Treiben der Natur geschehen lassen. Der Borkenkäfer werde all die grünen Fichten fressen, zurück blieben kahle Baumskelette. Das geliebte Wald- und Landschaftsbild werde somit zerstört – was gleichgesetzt wird mit dem „Verlust unserer Heimat“. Zudem fühlen sich viele mit dem Wald verwurzelte Menschen, die Waldbauern, Säger, Jäger, aber auch staatliche Förster, durch den sogenannten Prozessschutzgedanken – der Mensch greift nicht mehr ein in die natürlichen Prozesse von Ökosystemen – herabgewürdigt. Sie empfinden diesen als Kritik in ihrem langjährigen Bemühen um nachhaltige Forstwirtschaft.

Anspruch, die Natur total zu beherrschen

„Was ist so falsch daran, die Natur zu nutzen?“, mit dieser Frage brachte ein Gegner die Haltung auf den Punkt, der Mensch sei das Maß aller Dinge. Dies hatte schon der griechische Philosoph Protagoras im fünften Jahrhundert vor Christus so formuliert. Das Weltbild des Anthropozentrismus begründet bis heute den Anspruch des Menschen auf totale Beherrschung und Ausnutzung der Natur, der rein ökonomische Nutzen für den Menschen steht im Vordergrund. „Nichts“, könnte man dem Gegner also mit dem Philosophen antworten. Aber ebenso gut könnte man die – physiozentrische – Gegenfrage stellen: „Was ist falsch daran, die Natur zu schützen?“ Denn wenn die Natur einen Wert an sich darstellt, besteht die moralische Verpflichtung darin, sie zu schützen.

Diese Entweder-oder-Gegenüberstellung hat allerdings rein rhetorischen Charakter angesichts der räumlichen Dimension des Streitgegenstands: Das Gebiets des Nationalparks soll 10 000 Hektar umfassen, eine Fläche also von zehn auf zehn Kilometer – 0,7 Prozent der Waldfläche Baden-Württembergs sind es letztlich, die ganz der Natur überlassen werden sollen.




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