Streit um die Fernwärmepreise in Böblingen Hinter den Kulissen brodelt es
Bei der Preiserhöhung für Fernwärme gibt es einen Schwarzen Peter zur verteilen. Nur: den Kunden nützt das nichts, meint unser Redakteur Ulrich Stolte.
Bei der Preiserhöhung für Fernwärme gibt es einen Schwarzen Peter zur verteilen. Nur: den Kunden nützt das nichts, meint unser Redakteur Ulrich Stolte.
Noch ist es nicht ausgesprochen, aber hinter den Kulissen rumort es – und zwar zwischen der Kreisverwaltung als Träger des Restmüllheizkraftwerks und der Stadt als Träger der Stadtwerke. Es geht um die Erhöhung der Fernwärme-Preise, die ab erstem Januar ungefähr einem Viertel der Böblinger Haushalte ins Haus steht.
Die Stadtwerke geben dem Müllheizkraftwerk die Schuld an der Preiserhöhung, das Müllheizkraftwerk schiebt den Stadtwerken den Schwarzen Peter zu. Beide Parteien haben Verbündete. Die Stadtwerke haben den Schulterschluss mit der Interessengemeinschaft Fernwärme gefunden, das Restmüllheizkraftwerk weiß den Böblinger Landrat auf seiner Seite.
Schon einmal wollten die Betreiber der Fernwärme kräftig mit einer Preiserhöhung zulangen. Das war ungefähr vor fünf Jahren, und der frisch gewählte Oberbürgermeister Stefan Belz löste ein Wahlversprechen ein, um den auch damals schon länger währenden Streit um die Preise zu befrieden. Er schlug ein Mediationsverfahren vor. Mit Hilfe eines neutralen Moderators sollte systematisch an einer gemeinsam verantwortbaren Lösung gearbeitet werden. Das geschah, und als Ergebnis hatten die Böblinger Bürger fünf Jahre lang Fixpreise.
Man muss nun kein Wirtschaftsexperte sein, um zu wissen, was Fixpreise bedeuten. Weil die Inflation jährlich um mehr als zwei Prozent steigt, gibt es bei der Preiskalkulation zwei Wege. Entweder man macht den Fixpreis von Anfang an gleich so hoch, dass nach fünf Jahren noch Gewinne möglich sind, oder man holt in einem großen Preissprung nach dem Ende der Fixpreis-Garantie das Geld wieder rein, das einem inzwischen entgangen ist. Offensichtlich haben die Böblinger Stadtwerke letztere Strategie angewandt. Sonst würde, glaubt man der Interessengemeinschaft Fernwärme, die Preissteigerung von durchschnittlich 40 Prozent nicht so hoch ausfallen.
Bei der Preisgestaltung fällt auf, dass der Bezugspreis an den Öl- und den Gaspreis gekoppelt ist. Das ist nun völlig willkürlich und muss dringend geändert werden, schließlich ist die Fernwärme aus dem Restmüllheizkraftwerk quasi ein Abfallprodukt der Müllverbrennung und hat so viel mit dem Öl- oder Gaspreis zu tun wie mit dem Preis für Bauzement. Der Zweckverband Restmüllheizkraftwerk hat das auf der Agenda und wird diese Bindung bis zum Jahr 2025 aufgehoben haben, wenn alle zustimmen.
Ganz außer acht lassen kann man die fossilen Brennstoffe dabei nicht, denn die Fernwärme wird zu 30 Prozent aus dem Heizkraftwerk von Daimler-Benz und den Böblinger Blockheizkraftwerken erzeugt. Dabei kommt es zu folgendem Effekt, bei dem die Stadtwerke das Restmüllheizkraftwerk und das Daimler-Kraftwerk gegeneinander ausspielen können: Ist der Ölpreis niedrig, dann können die Stadtwerke mehr Fernwärme vom Daimler beziehen und das Angebot des Müllkraftwerks links liegen lassen, ist der Ölpreis hoch, dann ist es billiger mehr Fernwärme vom Müllheizkraftwerk kaufen. Insider behaupten, das sei in der Vergangenheit auch so geschehen.
Bislang gilt die Fernwärme als absolut ökologische Heizvariante und wird auch von Land und Bund als wichtiger Bestandteil der Energiewende verstanden. Blickt man auf die Vergleichstabelle, dann fällt auf, dass Fernwärme trotz des immer noch hohen Gaspreises eine der teuersten Arten ist, das Wohnzimmer gemütlich warm zu kriegen. Bedenkt man, dass man mit einem einmal gelegten Anschluss seinem Fernwärme-Anbieter und dessen Preisen auf Gedeih und Verderb ausgeliefert ist, dann wird klar, dass man sich in Zukunft gut überlegen muss, ob Fernwärme sinnvoll ist.