Streit um Gastronomie in Bietigheim-Bissingen Wirt wehrt sich gegen Lokalschließung

Von Julian Illi 

Der Betreiber des Biergartens am Bietigheimer Viadukt will sich nicht damit abfinden, dass die Stadt sein Lokal wegen der Gefahr von herabstürzenden Felsen geschlossen hat. Im Netz bekommt er dafür viel Unterstützung – ebenso aus der Politik.

Kein Treffpunkt mehr bei schönem Wetter: Die Stadt Bietigheim-Bissingen hat den Biergarten nahe der Enz vor wenigen Tagen geschlossen – wegen Felssturzgefahr. Der Wirt Tim Heilig will das nicht akzeptieren. Foto: factum/Simon Granville
Kein Treffpunkt mehr bei schönem Wetter: Die Stadt Bietigheim-Bissingen hat den Biergarten nahe der Enz vor wenigen Tagen geschlossen – wegen Felssturzgefahr. Der Wirt Tim Heilig will das nicht akzeptieren. Foto: factum/Simon Granville

Bietigheim-Bissingen - Im Internet formiert sich Widerstand dagegen, dass die Stadt Bietigheim-Bissingen kurz vor Ostern eine Gaststätte mitsamt großem Biergarten nahe des Viadukts hat schließen lassen. Bis zum Mittwochnachmittag haben mehr als 600 Unterstützer eine Petition unterschrieben, die sich für die Erhaltung der Wirtschaft Paulaner am Viadukt ausspricht.

In der Petition, die am Samstag online ging, schreibt Tim Heilig, der Betreiber des Lokals, den Bietigheimer Oberbürgermeister Jürgen Kessing (SPD) direkt an. Er solle sich dafür stark machen, dass der „traditionelle Biergarten“ erhalten bleibe. Da die Stadt im Besitz der Immobilie sei, müsse Kessing die baulichen Vorschriften „so erfüllen, dass der reibungslose Geschäftsbetrieb nicht mehr gefährdet ist“.

Wirt will die Gefahr gebannt haben

Am vergangenen Donnerstag hatte die Stadtverwaltung kurzfristig entschieden, die Gaststätte zu schließen. Zu groß sei die Gefahr herabstürzender Felsbrocken von der direkt angrenzenden Wobach-Steinwand. Das hatte kurz zuvor ein geologischer Gutachter im Auftrag des Rathauses herausgefunden. In der Wand befänden sich „Felsüberhänge und Felsausbrüche“. Wann und wo Gesteinsbrocken herabzufallen drohen, konnte der Fachmann nicht vorhersagen. Das Risiko sei „ständig gegeben“, teilte die Stadt mit.

Im Rathaus schätzte man die Gefahr noch größer ein, weil hinter der Gaststätte ein Gastank steht. Sollte dieser von Steinen getroffen werden, könnten Besucher in Lebensgefahr geraten. Man habe kurzfristig handeln müssen, weil eine Sicherung der Felswand nicht ohne Weiteres möglich sei, hieß es. Genau diese Gefahr will Tim Heilig gebannt haben: Er habe den Gastank inzwischen leerpumpen lassen und „somit alles in meiner persönlichen Macht stehende getan, um den Betrieb fortsetzen zu können“, schreibt Heilig, der das Lokal seit 20 Jahren betreibt, auf Facebook. Trotzdem hat die Stadt die Sperre nicht aufgehoben.

Warum kam die Schließung kurz vor Ostern?

Der Gastank sei nicht die alleinige Gefahr, teilt das Rathaus als Begründung mit. Es bleibe die Gefahr von Steinschlag auf dem Gelände der Gaststätte – und deshalb bleibe auch die Sperre. Am Mittwoch hat die Stadt nun Absperrgitter um den Biergarten aufstellen lassen.

Dass die Schließung so kurz vor Ostern angeordnet wurde, erklärt die Verwaltung mit einem hohen Beratungsbedarf: Das geologische Gutachten zu den Gefahren aus der Muschelkalk-Felswand sei am 10. April eingegangen. In den Fachämtern sei es danach „eingehend besprochen“ worden. Heilig hatte sich massiv darüber beklagt, dass die Schließung erst am Gründonnerstag gegen 14 Uhr verkündet wurde – und sein Ostergeschäft hinüber war. Zudem konnte er keine Gerichte mehr anrufen, um die Verfügung abzuwehren.

Thema im anlaufenden Wahlkampf

Im Netz wundert sich Heilig, dass ein ökologischer Lehrpfad der Stadt, der neben seiner Gaststätte vorbeiführt, nicht gesperrt ist. Der Unterschied sei, dass der Pfad seit Jahren von der Bergwacht kontrolliert werde, sagt Claudia Schneider vom städtischen Presseamt dazu. In einem Bereich wurde ein Schutznetz angebracht, und lose Felsbrocken würden regelmäßig entfernt.

Wie lange die Sperrung des Biergartens anhält, ist offen. Bereits vor Ostern habe man mit einer Spezialfirma gesprochen, die mittels eines Stahlnetzes die Felswand oberhalb des Biergartens sichern soll, erklärt die Stadt. Was konkret zum Schutz vor Steinschlägen getan werden kann, müsse aber auch mit der Naturschutzbehörde abgesprochen werden.

Rechtlich ist Tim Heilig noch nicht gegen die Schließung vorgegangen, zumindest ging bis zum Mittwoch kein Widerspruch im Rathaus ein. Gleichwohl hat das Thema inzwischen sogar den Kommunalwahlkampf erreicht: Das „Bündnis für mehr Mitwirkung und Demokratie“, das zur Gemeinderatswahl am 26. Mai mit einer Liste antritt, spricht sich ebenfalls für die Erhaltung des Biergartens aus. Dieser sei ein „wunderschöner, naturnaher Treffpunkt direkt an der Enz“.