Etwas ist anders in Amazons Prestigeserie „Die Ringe der Macht“ als in Peter Jacksons „Herr der Ringe“-Filme: Es gibt schwarze Elben, Hobbits und Zwerge. Manche Nutzer toben. Amazon reagiert.

Dürfen Hobbits schwarz sein? Gibt es dunkelhäutige Elben? Und schürfen tief drinnen im Inneren der Berge, wo in J. R. R. Tolkiens Fantasyreich Mittelerde die Zwerge ihre Tunnel graben, auch vierschrötige People of Color, wie das neudeutsch heißt? Manchem mag diese Frage wie purer Quatsch erscheinen, handelt es sich bei Mittelerde doch um eine reine Fantasiewelt. Für den Streamingkoloss Amazon Prime Video und viele Serien- und Tolkien-Fans aber ist diese Frage bitterer Ernst. Denn für die Tolkien-Adaption „Die Ringe der Macht“, dem bislang teuersten Serienprojekt der TV- und Streaminggeschichte, mit dem Amazon wirklich viel auf eine Karte setzt, haben die Macher am Diversitätsregler gedreht.

Am 2. September ist die Serie gestartet, zwei von acht Folgen sind bislang abrufbar, und das Netz tobt bereits. Tatsächlich wurden bei den „Ringen der Macht“ viele gestalterische und erzählerische Entscheidungen getroffen, über die man gut, gerne und lange streiten kann. Aber am hitzigsten wird da polemisiert, wo es um People of Color im Fantasyreich geht. Tolkiens Werk werde komplett entstellt, Afrikaner, Asiaten, erst recht Afroamerikaner habe es in seinem Entwurf einer mythischen Frühzeit entschieden nicht gegeben, deklamieren nicht wenige. Und folgern: das Ganze sei keine Tolkien-Huldigung, sondern wieder mal völlig verkrampfte Volkserziehung.

Kein Spaß für Amazon

So unterhaltsam sich manche Tirade liest, für Amazon ist das Ganze kein Spaß. Zwar meldet der umtriebige Konzern mit 25 Millionen Zuschauern am Starttag einen Zuschauerrekord für die Serie. Aber der Schnitt der Zuschauermeinungen ist besorgniserregend mies. Auf der wichtigen Auswertungsseite „Rotten Tomatoes“ liegen die „Ringe der Macht“ derzeit bei 39 Prozent Nutzerzustimmung: ein unterirdischer Wert für eine Großproduktion. Und auch auf Amazons Website hagelt es Verrisse.

So nervös wurden die Verantwortlichen, dass sie nun die Notbremse gezogen haben. Die Bewertungsfunktion für die Serie ist bei Amazon in den USA vorerst gesperrt, niemand kann mehr direkt Sterne verteilen. Man schalte, erklärte ein Insider gegenüber dem US-Branchenmagazin „The Hollywood Reporter“, die Bewertungen durchaus frei – aber erst mit 72 Stunden Verzögerung und nachdem überprüft worden sei, ob sie authentisch seien.

In den Augen des Konzerns ist die Serie also das Ziel einer konzertierten Abwertungsaktion kleiner Nutzercliquen geworden, die auch gefälschte Accounts nutzen. „Ringe der Macht“ wäre dann das Opfer des sogenannten „Review Bombing“, bei dem Nutzer gezielt in kurzer Zeit das Gesamtbild negativ beeinflussen. Wer allerdings schon bisher maulte, von Amazon werde Tolkienfreunden eine Zwangsimpfung mit politischer Korrektheit verpasst, der kann sich nun erst recht über Bevormundung, Zensur oder gar „Meinungsterror“ ereifern.

Es geht um Hype und Rufschaden

Man sollte die Wertungsbremse bei Amazon nicht gleich für panische Doofheit erklären. Ins „Ringe der Macht“-Projekt werden am Ende wohl eine Milliarde Dollar geflossen sein, eine aberwitzige Summe, der anders als bei Kinoproduktionen keine klar zuschreibbaren Einnahmen gegenüberstehen. Wie viele Abonnenten nur wegen dieser Serie zu Prime Video kamen, oder wie viele eigentlich schon wechselwillige Abonnenten vor allem deswegen blieben, wird sich am Ende allenfalls grob schätzen lassen.

Es geht bei diesem Kraftakt der Streamingwelt vor allem um Aufmerksamkeit, um Buzz und Hype, um Klatsch, Medienreichweite, Lufthoheit in den sozialen Netzwerken, um den Eindruck, es sei für halbwegs hippe Menschen wichtiger, Amazon im Auge zu halten als Netflix. Vernichtende Kundenrezensionen können da also großen Schaden anrichten. Gerade auch dann, wenn ein Großteil der Zuschauer vielleicht nicht begeistert, aber doch halbwegs zufrieden ist, sich aber nicht zu einer Bewertung aufrafft.

Ist Fantasy generell rassistisch?

Das eigentliche Streitthema allerdings – die schwarzen Elben, Zwerge und Hobbits – ist eine ruhige Diskussion durchaus wert. Fantasy – ob in Büchern, Comics, Filmen, Computer- oder Rollenspielen – ist fasziniert vom Konzept der Rasse, von der erbgutbedingten Zuordnung von Eigenschaften, Fähigkeiten und Wesenszügen. Man könnte ihr also vorwerfen, sie sei tatsächlich eine Brutstätte des Rassismus – schließlich seien hier jenen Figuren am glücklichsten, die stets im Schoß ihrer eigenen, scharf definierten Ethnie bleiben könnten.

Man könnte dem auch entgegen halten, dass viel klassische Fantasy darauf beruht, dass Angehörige unterschiedlicher Rassen und Klassen, ja, oft jahrtausendelang bitter verfeindeter Ethnien, zueinander finden, um gemeinsam die Welt vor einer apokalyptischen Bedrohung zu retten, der die stolzen Völker für sich reihum nichts entgegensetzen konnten. Auf diesem Modell basiert Tolkiens „Herr der Ringe“ – auch wenn der konservative Oxford-Don J. R. R. Tolkien sich wohl keine schwarze Hobbits hätte vorstellen können.

Ein schlauer Trick von Amazon

Wie das im Einzelnen ineinander greift, wo die Widersprüche liegen, wo Rassismus immanent ist, wo er konterkariert wird, wo Diversität wunderbar zur Fantasy-Vielfalt passt und wo sie eine zugrunde liegende Weltkonstruktion ad absurdum führt, das kann und muss man in Ruhe und differenziert am Einzelfall prüfen. Bei den Social-Media-Polemiken gegen die People of Color in „Die Ringe der Macht“ ist Differenziertheit nicht eben Trumpf.

Amazon dürfte es aber ganz recht sein, dass einige Rechtsaußennutzer mal wieder durchgeknallt toben, als seien sie beim Sturm aufs Kapitol in Washington dabei gewesen. Denn die Erregungsspitzen und drastischen Polemikentgleisungen der Serienkritik liefert zwar die Diversitätsfrage. Aber viele Nutzer sind aus ganz anderen Gründen enttäuscht, mögen die Serie anderer stilistischer und dramaturgischer Entscheidungen wegen nicht. Und die kann man in den USA nun bequem mitblockieren, indem man ein paar lautstarken Diversitätsfeinden einen Riegel vorschiebt.