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Streitfrage Die Wissenschaft der Venus

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Darf man die wissenschaftliche Methode als Ideologie bezeichnen? Ja, sagt der erste Kommentator, denn es gibt keinen ausgezeichneten Weg zur Erkenntnis. Mit archäologischen Funden geht man zum Beispiel anders um als mit Elementarteilchen. Die Gegenrede folgt.

Welche Bedeutung hatte diese Venusfigur mit großen Brüsten (gefunden in einer Höhle auf der Schwäbischen Alb) für die Menschen der Steinzeit? Und mit welcher wissenschaftlichen Methode lässt sich diese Frage zuverlässig beantworten? Foto: dpa
Welche Bedeutung hatte diese Venusfigur mit großen Brüsten (gefunden in einer Höhle auf der Schwäbischen Alb) für die Menschen der Steinzeit? Und mit welcher wissenschaftlichen Methode lässt sich diese Frage zuverlässig beantworten? Foto: dpa

Stuttgart - Der US-amerikanische Physiker Lawrence Krauss ist schon ein Früchtchen. Aufgefallen ist er mir vor zwei Jahren durch ein Interview, in dem er Wissenschaftsphilosophen als überflüssig bezeichnete. Ihre Arbeiten zur wissenschaftlichen Methode würden außerhalb des Fachs nicht wahrgenommen. Deshalb habe ich seinen Auftritt auf der diesjährigen AAAS-Tagung verfolgt. Die American Association for the Advancement of Science (AAAS) bringt jedes Jahr einige tausend Forscher, Forschungsmanager und Wissenschaftsjournalisten zusammen. Der Berliner Kollege Kai Kupferschmidt hat über Twitter berichtet.

Aufgefallen ist mir ein Tweet über den Science-Fiction-Autor Kim Stanley Robinson: Der behauptete Krauss gegenüber, dass die wissenschaftliche Methode eine Ideologie sei – wenn auch eine leistungsfähige. Kai Kupferschmidt kommentierte: „darüber würde ich gerne mal mit ihm diskutieren“. Ich finde, Robinson trifft einen wichtigen Punkt, und ich finde außerdem, dass sich darin zeigt, wie relevant Wissenschaftsphilosophie sein kann: Sie warnt davor, eine bestimmte Arbeitsweise der Wissenschaft zu zementieren. Deshalb habe ich Kai Kupferschmidt eingeladen, auf diesen Beitrag zu antworten. Er hat netterweise zugesagt, und seine Replik erscheint bald als Gastbeitrag in dieser Kolumne.

Was zeichnet die wissenschaftliche Methode aus? Ich greife einen zentralen Baustein heraus: Die Wissenschaft stützt sich auf Messdaten, die von mehreren Forschern unabhängig voneinander erhoben wurden, um eine Hypothese zu prüfen. Wozu das gut ist, hat Robinson schon gesagt: die wissenschaftliche Methode führt zu Erkenntnissen, die sich zuverlässig anwenden lassen. Viele Patienten werden wieder gesund, und Roboter erkunden erfolgreich den Mars. Würde man sich hingegen auf den persönlichen Eindruck verlassen und jede Kritik daran ausblenden, wäre das alles viel anfälliger für Fehler.

Andere Disziplinen, andere Sitten

Robinson stellt die wissenschaftliche Methode aber als etwas dar, an das man nicht zwingend glauben muss. Das wirkt für viele befremdlich – und das wiederum liegt nach meinem Eindruck daran, dass man sich keine Alternative vorstellen kann. Daher werfe ich die Frage auf, ob auch eine andere wissenschaftliche Methode ebenso leistungsfähig sein könnte?

Wenn man genauer hinschaut, gibt es unterschiedliche Wege zur wissenschaftlichen Erkenntnis. In einigen Disziplinen hat man es zum Beispiel mit Einzelfällen zu tun, etwa mit einer bisher unbekannten Stoffwechselstörung oder einem überraschenden archäologischen Fund. In anderen Fächern fehlt die experimentelle Prüfung wie etwa bei der mathematisch ausgefeilten String-Theorie, weil es dort um Effekte geht, die man nicht messen kann. Und dann gibt es Fächer mit großem Datenvolumen wie die Hirnforschung und die Genetik: Hier werden zuweilen gar keine Theorien formuliert, sondern nach der statistischen Analyse komplexe Modelle aufgestellt, um die Daten zu beschreiben. Für einen Menschen sind diese Modelle nicht mehr verständlich. Zur Vielfalt der wissenschaftlichen Methoden kommt hinzu, dass sie sich in der Vergangenheit geändert haben. Wenn man also von der einen, zwingenden Methode spricht, erklärt man bestimmte Beispiele der Forschungspraxis für allgemein verbindlich, obwohl sie es nicht sind.

Alle diese wissenschaftlichen Methoden haben einen Vorzug gegenüber anderen Wegen zur Erkenntnis (wie etwa dem persönlichen Eindruck): Sie führen zu zuverlässigen Ergebnissen. Nichts anderes hat Robinson behauptet (vermute ich, denn ich habe ihn nicht gefragt).

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