Streuobsttag in Weinstadt Heimisches Obst wird immer kostbarer und rarer
Neue Sorten und neue Sorgen: Beim Streuobsttag dreht sich alles um Äpfel. Der Klimawandel setzt den Bäumen arg zu. Es gibt Lösungen – aber das dauert.
Neue Sorten und neue Sorgen: Beim Streuobsttag dreht sich alles um Äpfel. Der Klimawandel setzt den Bäumen arg zu. Es gibt Lösungen – aber das dauert.
Etwas ratlos blickte die Dame am Probierstand des Obstbauvereins Endersbach auf die zum Probieren aufgeschnittenen Äpfel. „Ich kenne die Sorten gar nicht“, sagte sie und deutete auf die Schilder mit Namen wie „Flavia“, „Mammut“, „Produkta“ oder „Sirius“. Das seien neue schorf- und mehltauresistente Sorten, verriet Doris Meyer, die für die Finanzen beim OGV zuständig ist. Beim Weinstädter Streuobsttag im Bürgerpark Grüne Mitte in Beutelsbach am Sonntag gab es für die vielen Besucher jede Menge Informationen, Mitmachaktionen wie Nistkastenbau und natürlich Äpfel zum Reinbeißen oder zum Trinken in Form von Saft, Brand oder Schaumwein.
Doch die Obstbauern haben Sorgen. Heimisches Obst ist in diesem Jahr ein rares und kostbares Gut. „Die Ernte war extrem schlecht“, sagte Jochen Bühler, der Vorsitzende des Obst- und Gartenbauvereins Beutelsbach und Sprecher der Streuobstwerkstatt Weinstadt. Die sieben Mitgliedsvereine – die OGVs aus Beutelsbach, Schnait, Endersbach und Großheppach, der Nabu Weinstadt, der BUND sowie die Naturfreunde – haben mit der Stadt den Streuobsttag organisiert, um ihr Wissen über die Pflege weiterzugeben. „Dann hat man auch Spaß daran“, sagte Bühler. Der hielt sich allerdings in diesem Jahr in Grenzen. Denn die Bäume auf den Streuobstwiesen, die die Kulturlandschaft im Remstal noch immer prägen, boten ein trauriges Bild. „Gerade mal zehn Prozent des üblichen Ertrags“, sagte Jochen Bühler, habe er auf seinen Stückle ernten können. „Allerdings habe ich viele Bittenfelder Äpfel, die besonders von der Trockenheit betroffen sind.“ Die exakten Mengenzahlen von den biozertifizierten Streuobstwiesen der Weinstädter Vereine würden erst im November vorliegen.
Warum die Ernte in diesem Jahr so mager ausgefallen ist, darüber kann der Experte aus Weinstadt nur spekulieren. Im Frühjahr sei es oft zu kalt gewesen, sodass die Bienen nicht geflogen seien, sagte Jochen Bühler. Das sei auch an der schlechten Kirschernte in diesem Jahr erkennbar. „Im Sommer war es dann meist viel zu trocken, auch der Regen im August hat da nichts mehr retten können.“ Bei Birnen sei der Ertrag nicht ganz so schlecht ausgefallen, und die Mengen bei Zwetschgen sowie Mirabellen seien sogar auf einem „normalen Level“. Doch es sei nicht zu übersehen, dass der Klimawandel den Streuobstwiesen zusetze, sagte der Sprecher der Streuobstwerkstatt. Seit geraumer Zeit wird deshalb schon an Strategien gearbeitet, wie die Streuobstbauern dem Klimawandel begegnen können. „Aber es ist ein komplexes Thema“, sagte Bühler. Fakt sei, dass die vergangenen fünf Jahre durchweg zu trocken waren. „Die Flachwurzler sind davon stärker betroffen, weil sie nicht in die Erdschichten vordringen, in denen es Wasser gibt.“ Und es geht längst nicht allein um die Höhe des Ertrags, sondern ums nackte Überleben. Die Trockenheit schwäche die Bäume, und klimabedingte Krankheiten, wie der Schwarze Rindenbrand, seien auf dem Vormarsch, erklärte Jochen Bühler. „Wir wissen noch nicht viel darüber, und wir haben auch noch keine Pflanzenschutzmittel dagegen, also sterben die Bäume ab.“ Die einzige Empfehlung seien Schutzanstriche für die Stämme, damit die Risse erst gar nicht entstehen.
Zukunftsbäume, die an die Bedingungen angepasst sind, könnten mittelfristig eine Lösung sein, so Bühler. „Da wird auch viel geforscht.“ Die Streuobstwerkstatt Weinstadt beschäftigt sich am 12. Dezember mit dem Thema. Klaus Körber, Bereichsleiter der Bayerischen Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau in Veitshöchheim, referiert im Stiftskeller über klimaresistente Streuobstwiesensorten. Aber bis die im Remstal wachsen und tragen, helfe es nur, junge Bäume viel zu gießen, sagte Jochen Bühler.