Strohgäu Kontaktsperren verhindern Befragungen

Von Stefanie Köhler 

Die Bahn hat weitere Reisezentren an Bahnhöfen durch Video-Schalter ersetzt. Betroffen ist auch die Station in Korntal.

Seit Januar erfolgt die Reiseberatung in Korntal nur noch am Bildschirm Foto: factum/Simon Granville
Seit Januar erfolgt die Reiseberatung in Korntal nur noch am Bildschirm Foto: factum/Simon Granville

Korntal-Münchingen - Vorbei sind die Zeiten, in denen Nutzer des öffentlichen Nahverkehrs am Korntaler Bahnhof im Reisezentrum von dem Mitarbeiter der Deutschen Bahn persönlich bedient werden. Seit Januar ist der Schalter zu. Stattdessen erfolgt die Reiseberatung nun ausschließlich am Bildschirm, wo die Kunden mit einem Bahn-Mitarbeiter in Ludwigsburg sprechen können. Der Automat gibt Reisepläne und Fahrkarten aus, er nimmt Bargeld und Wertkarten. Zumindest während der Testphase. Die sollte sechs Monate dauern, bis Ende Juni also. Doch die Corona-Krise bringt auch hier einiges durcheinander.

„Die Pandemie wirkt sich leider auch auf die Evaluation der Video-Reisezentren aus“, teilt Alexandra Aufmuth, die Leiterin der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit beim Verband Region Stuttgart, auf Anfrage mit. Der VRS als Besteller und Aufgabenträger der S-Bahn Stuttgart hat die Einführung der Video-Reisezentren im vergangenen Sommer beschlossen. Die Evaluation, sagt Alexandra Aufmuth, müsse man den aktuellen Bedingungen anpassen – und eventuell auch den Zeitraum der Testphase neu überdenken. Ob dieser verlängert wird, entscheide das Gremium des VRS. „Wir eruieren gerade, wie wir die Evaluation anpassen.“

Befragung wird nachgeholt

Da das Fahrplanangebot ausgedünnt wurde, sei damit auch die Nachfrage nach Fahrkarten und Beratung gesunken. Somit sei keine repräsentative Evaluation möglich. „Es waren Befragungen der Nutzer vorgesehen, die wir wegen der Kontaktsperren nicht stattfinden lassen“, sagt Alexandra Aufmuth. Der VRS werde das nachholen, sobald klar ist, wie dies konkret aussehen solle.

Der Verband hatte betont, dass der Schalter noch nicht endgültig umgestellt werde. Laut der Regionaldirektorin Nicola Schelling wolle man Video-Reisezentren in der Region nur dann, „wenn dieses Konzept von den Fahrgästen angenommen wird“, wie sie Ende Oktober unserer Zeitung sagte.

Deshalb wird im Rahmen der Evaluation denn auch erhoben, wie das neue Angebot angenommen wird – in Korntal ebenso wie in Marbach/Neckar. In Ludwigsburg, Leonberg, Waiblingen und Böblingen wird der digitale Service als Ergänzung zum Schalterverkauf angeboten. Nachdem das Angebot an anderen Standorten bereits auf eine gute Resonanz gestoßen sei, „sind wir zuversichtlich“, hieß es beim VRS auch.

Wie ist das Zwischenfazit?

Während der Verband nach eigenen Angaben bei der Evaluation ohnehin keinen Zwischenstand geplant hat, will die Bahn wegen der aktuellen Lage kein Zwischenfazit ziehen. Gleichwohl sei man mit dem Start der sechs Video-Reisezentren im Bereich der S-Bahn Stuttgart „sehr zufrieden“, sagt ein Sprecher: „Das betrifft insbesondere auch die beiden Standorte in Korntal und Marbach.“

Viele der früheren Stammkunden im personenbedienten Reisezentrum nutzten das Video-Reisezentrum weiter. „Gerade wegen der Kontaktbeschränkungen, aufgrund derer viele personenbediente Reisezentren oder Servicestellen zurzeit geschlossen haben, bieten die Video-Reisezentren für alle, die auf die Bahn oder den ÖPNV weiterhin angewiesen sind, einen verlässlichen Service“, sagt der Bahnsprecher. In der Region hat aktuell nur der Schalter in Stuttgart offen. Von Montag an öffnet unter anderem der in Ludwigsburg wieder.

Auch Korntal-Münchingens Stadtverwaltung weiß bislang von keinen Klagen. Bei der offiziellen Eröffnungsfeier für die neuen Zentren Anfang Februar in Ludwigsburg habe ein Bahn-Mitarbeiter der Leiterin des Ordnungsamts „explizit über die positive Annahme des Videoreisezentrums informiert“, sagt die Sprecherin des Rathauses, Angela Hammer.

„Nicht Geübte bleiben auf der Strecke“

Was aber nicht bedeutet, dass es in der Strohgäu-Kommune keinen Unmut gab und gibt, im Gegenteil: Die Lehrerin Dagmar Müller-Buchalik hatte voriges Jahr eine Petition gegen die Schließung des Schalters gestartet. Sie und der Chef der Ortsgruppe des Sozialverbands VdK Otto Koblinger fürchten vor allem bei älteren und behinderten Menschen etwa mit sprachlichen Schwierigkeiten Berührungsängste und Überforderung. 2338 Unterschriften überreichten sie dem VRS Ende Oktober. Weitere Dutzende Unterschriften kamen hinzu. „Der Video-Schalter wurde auf Biegen und Brechen durchgesetzt. Nicht Geübte bleiben auf der Strecke“, sagt Dagmar Müller-Buchalik. Sie selbst habe ihr Ticket für die Fahrt zur Leipziger Buchmesse bewusst beim „Schalter mit Mensch“ in Kornwestheim zurückgegeben. „Binnen eineinhalb Minuten hatte ich mein Geld wieder“, sagt die Pädagogin. Ihr persönlich wäre es zu aufwendig und fremd gewesen, die Tastatur in Korntal zu bedienen.

Zum April hatten Müller-Buchalik und Koblinger eigentlich eine Zwischenbilanz dazu geplant, wie sich der Schalter bei den Menschen mit Einschränkungen bewährt hat. Nun kann Koblinger lediglich von ein paar kurzen Rückmeldungen am Jahresanfang berichten. Demnach bedauerten einige Bürger das (vorläufige) Aus des Schalters sowie den technischen Ersatz – dem man nicht viel zutraue.

Als wirkliche Alternative in Zeiten geschlossener Servicestellen sieht Otto Koblinger die Beratung per Video indes nicht. „Ich selbst würde aktuell und auch in den nächsten Monaten sehr ungern in ein Mikrofon einer Maschine sprechen und Geräte bedienen, die voller Corona-Viren der Vorgänger sein könnten.“




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