Es war eine Entdeckung: Vor einem Haus in Stuttgart-Schönberg stehen zwei der vier Säulen, die einst zum Schillerdenkmal gehörten. Jetzt wird das Haus abgerissen, und es stellt sich die Frage, was mit den Säulen geschieht.
Da stehen sie, von einem Bauzaun abgeschirmt, ansonsten aber in voller Pracht: zwei der vier gusseisernen Säulen, die einst das Schillerdenkmal auf dem Stuttgarter Schillerplatz zierten. Daneben ein Bagger. Das Haus in Stuttgart-Schönberg, an dem die Säulen etwa 70 Jahre Teil eines Gartenzauns waren, wird abgerissen. Die Vorarbeiten sind im Gang. Ein Leser, Hans Heeber, machte die Redaktion darauf aufmerksam: „Die Säulen stehen einsam am Straßenrand und warten auf ein neues Schicksal“, schrieb er – in der Hoffnung, dass dieses „Schicksal“ ein gutes sein möge.
Die Kandelaber galten lange als verschollen
Doch der Reihe nach. Im Rahmen unseres Geschichtsprojekts Stuttgart 1942 hat unsere Zeitung vor zwei Jahren einen Bericht über das Schillerdenkmal veröffentlicht, das von 1942 bis 1945 im Wagenburgtunnel eingelagert war. Das 1839 eingeweihte Denkmal gilt als erstes bedeutendes Schillerdenkmal in Deutschland. Es stammt von dem dänischen Bildhauers Bertel Thorvaldsen. Die architektonische Gestaltung des Denkmals mit seinem quadratförmigen Unterbau erfolgte nach Plänen von Nikolaus von Thouret und Gottlieb Bindesbøll. Das Erscheinungsbild hat sich – kriegsbedingt – geändert. Von den großen Eckpodesten steht nur noch der Sockel. Sie waren früher mit Säulen bekrönt. Diese Kandelaber gelten seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs als verschwunden.
Hans Heeber fielen die Säulen schon vor mehr als zehn Jahren auf. Foto: Lichtgut/Ferdinando Iannone
Das sind sie aber nicht, zumindest zwei davon haben sich, verbaut in jenem Schönberger Gartenzaun erhalten. Dem heute 88-jährige Hans Heeber aus Möhringen waren die ungewöhnlichen Zaunpfosten bereits vor mehr als zehn Jahren bei einer Radtour aufgefallen. Er hat als Kind die Zerstörung und den Wiederaufbau Stuttgarts erlebt. Aus Fotografien stand ihm das Schillerdenkmal in seiner ursprünglichen Form vor Augen – mit den Kandelabern. Aufgrund des Zeitungsberichts tat Heeber sein Wissen kund, was wiederum Anlass für eine Berichterstattung war. Die Bestätigung, dass es sich bei den Objekten in Schönberg tatsächlich um die Säulen handelt, erfolgte zuvor durch den Stuttgarter Liederkranz, dem Heeber von seiner Entdeckung berichtete.
Der Verein musste es wissen, immerhin ging die Errichtung des Schillerdenkmals vor 184 Jahren auf seine Initiative zurück. Von der Hausbesitzerin in Schönberg hatte er erfahren, dass deren Vater die Säulen 1945 mitgebracht habe; der Schillerplatz war damals ein Trümmerfeld. Der Mann war Heilpraktiker und offenbar auch Sammler. Das Haus, das jetzt abgerissen wird, atmet äußerlich etwas davon.
Wie geht es weiter? Heeber hofft, dass die Säulen erhalten werden und einen Platz – wenn nicht am Ursprungsort, so doch im städtischen Lapidarium finden. Doch weiß die Stadt Stuttgart überhaupt davon? Eine Anfrage blieb bisher ohne Ergebnis. Auch von Eigentümerseite gab es zunächst keine Nachricht.
Das Landesamt für Denkmalpflege hatte nach dem Krieg übrigens für eine vollständige Rekonstruktion des Denkmals plädiert – einschließlich der Säulen. „Bis zu ihrem Verschwinden ergänzten die Kandelaber, in deren Schalen Feuer entzündet werden konnte, das Gesamtkunstwerk Schillerdenkmal“, hatte Angelika Reiff vom Landesamt vor zwei Jahren auf Anfrage unserer Zeitung erklärt. Der Charakter des Denkmals sei heute jedoch ein anderer. Man müsse die Diskussion über die Säulen ganz neu führen. Hoffnung besteht, dass sie geführt wird.