Stuttgart 21 Der Tunnelvortrieb in der Innenstadt ruht

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Die Bahn bestätigt, dass auf der Baustelle neben dem Wagenburgtunnel in Stuttgart nicht mehr gegraben wird. Dennoch, so sagt sie, würden die Arbeiten weitergehen.

Direkt unter dem Gebäude will die Bahn einen Tunnel graben. Nun gibt es Dissens über die Höhe der Entschädigung für den Hausbesitzer. Foto: Achim Zweygarth
Direkt unter dem Gebäude will die Bahn einen Tunnel graben. Nun gibt es Dissens über die Höhe der Entschädigung für den Hausbesitzer. Foto: Achim Zweygarth

Stuttgart - Erst seit Anfang November wird in der Innenstadt ein Tunnel für das Projekt Stuttgart 21 gegraben, doch mittlerweile ruhen die Vortriebsarbeiten für die südliche unterirdische Rettungszufahrt schon wieder. „Seit vorvergangenen Sonntag ist der Tunnelvortrieb eingestellt“, bestätigte der S-21-Projektsprecher Wolfgang Dietrich. Auf der Baustelle werde aber weiter an der bereits gegrabenen, etwa 45 Meter tiefen Röhre gearbeitet, erklärte er. Dort würden Sicherungsanker gesetzt und Spritzbetonarbeiten durchgeführt. Die Baustelle befindet sich neben der Einfahrt zum Wagenburgtunnel am Gebhard-Müller-Platz. Von dort aus wird der Tunnel gegraben, der später als Rettungszufahrt für den neuen Tiefbahnhof und den dort beginnenden 9,5 Kilometer langen Fildertunnel dienen soll.

Bahn sieht sich „in aussichtsreichen Gesprächen“

Gestoppt wurden die Vortriebsarbeiten, weil die Genehmigung zur Unterfahrung des Gebäudes und des Grundstücks des Zweckverbands Landeswasserversorgung (LW) an der Schützenstraße 4 nicht vorliegt. Bahn und LW streiten sich über die Höhe der Entschädigung für die Unterfahrung und die mit dem Eintrag ins Grundbuch einhergehende Wertminderung. Wie lange die Vortriebsarbeiten ruhen werden und welche Kosten dadurch entstehen, ließ das S-21-Kommunikationsbüro in einer schriftlichen Erklärung offen. Es erklärte aber, dass die Bahn sich „in aussichtsreichen Gesprächen mit dem Eigentümer befindet und zuversichtlich ist, eine Einigung kurzfristig erzielen zu können“.

Im Gegensatz zu anderen Grundstücksbesitzern im Kernerviertel ist der Zweckverband, der mehr als drei Millionen Menschen versorgt und dem mehr als 100 Kommunen, darunter auch die Stadt Stuttgart, angehören, mit der Unterfahrung grundsätzlich einverstanden – und hat dies vor zwei Jahren auch so signalisiert, als die Bahn ein Entschädigungsangebot in Höhe von 48 800 Euro unterbreitete. Vor einigen Monaten habe die Bahn ein zweites Wertgutachten präsentiert, sagte der LW-Sprecher Bernhard Röhrle. Darin war die Höhe der Entschädigung verändert – nach unten. Die Bahn wollte nur noch 17 000 Euro bezahlen, nach einer Intervention der LW-Geschäftsführung stellte sie 30 300 Euro in Aussicht. Darüber sollte der Verwaltungsrat des Zweckverbands im Umlauf entscheiden, was sich aber verzögerte. Zwischenzeitlich stimmten alle Mitglieder zu, bis auf die Stuttgarter Grünen-Stadträtin Gabriele Munk. Ihr gehe es nicht um Ja oder Nein zu S 21, versicherte sie, sondern darum, als Verwaltungsrat das LW-Vermögen zu sichern und „die Sache inhaltlich zu klären“ – nämlich, ob die Grundstückbewertungen der Bahn richtig sind. Munks Vorbehalte werden offenbar auch innerhalb der LW-Verwaltung geteilt. „Unsere Geschäftsleitung sieht die nachträgliche Bewertung der Bahn kritisch“, sagte Röhrle. Darüber entscheiden müsse aber der Verwaltungsrat.

Andere Grundstückbesitzer sehen den Vorgang mit Interesse

Inzwischen soll auf Betreiben Munks, die an einer raschen Lösung interessiert ist, das Stadtmessungsamt als neutrale Stelle eingeschaltet werden. Aber auch die Bahn steuert auf eine Kompromisslinie um. Sie will der LW die zuerst angebotenen 48 800 Euro bezahlen – und dann im Rahmen einer Entschädigungsfestsetzung das Regierungspräsidium als neutrale Stelle über die Höhe entscheiden lassen. Allerdings liegt beim Regierungspräsidium bereits seit Anfang November auch der Antrag der Bahn auf eine vorläufige Besitzeinweisung. Dieses Verfahren, das frühestens Ende des Jahres abgeschlossen sein könnte, würde es der Bahn bei einem entsprechenden Beschluss des Regierungspräsidiums ermöglichen, das Grundstück zu unterfahren und erst später die Entschädigung zu klären.

Mit Interesse wird das Verhalten der Bahn von anderen Grundstücksbesitzern beobachtet. Viele Betroffene hätten noch immer kein Angebot über Entschädigungen, sagte Frank Schweizer vom Anwohnernetzwerk Kernerviertel. „Die Bahn baut und baut“, sagt er, „und erst wenn sie auf Widerstand stößt, denkt sie über Lösungen nach“. Und obwohl die Schwierigkeiten mit der LW damals bekannt gewesen seien, sei dies beim Kernerviertel-Infoabend Anfang November nicht angesprochen worden.

Keine Genehmigung zum Weiterbauen: Stopp nach 45 Metern