Stuttgart 21 Die Schiedsrichter sitzen in Zürich

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Ob die Bahn bei Stuttgart 21 richtig gerechnet hat, prüfen die Schweizer Ingenieure von großem Renomme: Das Büro SMA. Ein Portrait der Stress-Tester.

er Stresstest soll klären, wie viele Züge den unterirdischen Bahnhof in Stoßzeiten passieren können. Foto: Aldinger & Wolf
er Stresstest soll klären, wie viele Züge den unterirdischen Bahnhof in Stoßzeiten passieren können. Foto: Aldinger & Wolf

Zürich - Was haben die Linha da Beira Alta, Portugals traditionsreichste Eisenbahnstrecke, mit dem Nahverkehr im Ruhrgebiet und Stuttgart 21 (Visualisierung: Aldinger und Wolf) gemeinsam? Überall dort ist der Sachverstand des Schweizer Unternehmens SMA und Partner mit im Spiel. Die Aktiengesellschaft mit Sitz in Zürich gilt als eines der "europaweit führenden Beratungsbüros für Projekte des öffentlichen Verkehrs", so urteilt die "Neue Zürcher Zeitung".

SMA existiert seit 1984. Damals gründeten die drei Schweizer Ingenieure Hans-Rudolf Akermann, Werner Stohler und Martin Meister das Unternehmen, allesamt Absolventen der renommierten Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) Zürich. Der Firmenname vereint die Initialen der Gründer. Stohler ist mittlerweile Geschäftsführer und Hauptaktionär, auch Akermann gehört dem Management noch an, Meister ist ausgestiegen.

Mehr als 200 Kunden in ganz Europa

Das Dreimannbüro mit Sekretärin mauserte sich zu einem Unternehmen mit inzwischen 55 Ingenieuren, Computerexperten und Verkehrsplanern. SMA verweist in seiner Referenzliste auf mehr als 200 Kunden in ganz Europa. Dazu zählen die Deutsche Bahn, der Bundesverkehrsminister, die französische Staatsbahn SNCF und zahlreiche weitere Verkehrsgesellschaften. Die Züricher Firma entwickelte unter anderem ein Betriebskonzept für die S-Bahn in München und Pläne für den Pariser Flughafenexpress. 2008 (das sind die letzten veröffentlichten Zahlen) erwirtschaftete SMA einen Umsatz von knapp zehn Millionen Schweizer Franken, davon zwei Drittel im Ausland.

Als Meisterstück von SMA gilt der integrale Taktfahrplan, den die Schweizer Bundesbahn schon vor etlichen Jahren eingeführt hat und der inzwischen auch in vielen deutschen Verkehrsverbünden die Regel ist. Er garantiert fixe Abfahrtszeiten für alle Züge bis zur letzten Bergbahn und minimale Wartefristen. Wer in der Schweiz schon einmal mit dem Zug unterwegs war, wird das zu schätzen wissen.

SMA ist auch mit Stuttgart 21 bestens vertraut. Vor drei Jahren beauftragte die landeseigene Nahverkehrsgesellschaft die Züricher Ingenieure, den Integralen Taktfahrplan Baden-Württemberg für das Jahr 2020 zu überarbeiten. Dazu gehörte auch die Analyse der für den Bahnknoten Stuttgart geplanten Infrastruktur. Gegner des Bahnhofsneubaus haben aus den SMA-Expertisen gravierende Mängel von Stuttgart 21 herausgelesen. Der neuen Schienenwelt waren an mehreren Stellen Engpässe bescheinigt worden, unter anderem im Bereich des Stuttgarter Flughafens. Allerdings bezog sich die kritische Interpretation des Gutachtens nach Auskunft des Unternehmens auf einen "veralteten Planungsstand", so hieß es im Juli 2010. Gleichwohl hielten die SMA-Experten damals an grundsätzlichen Einwänden fest. Die Bestandsanalyse für Stuttgart, so ihr seinerzeitiges Urteil, habe deutlich gemacht, "dass die geplante Infrastruktur knapp bemessen und nicht überdimensioniert" sei. Diese Fragen haben in der Auseinandersetzung über Stuttgart 21 und auch während des Schlichtungsverfahrens unter Regie von Heiner Geißler im Herbst vergangenen Jahres stets eine zentrale Rolle gespielt.