Stuttgart 21 „Gäubahntunnel würde Probleme lösen“

Für die Anwohner der Bahnstrecke durch Leinfelden-Echterdingen bedeuten die Züge auch Lärm und Erschütterungen. Foto: /Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Das Bahnprojekt Stuttgart 21 wirk sich massiv auf Leinfelden-Echterdingen aus. Einerseits erhöhe es die Attraktivität des Standorts, sagt der S-21-Experte Martin Schindelin. Andererseits habe es auch viele Nachteile für die Stadt.

Leinfelden-Echterdingen - Das Megaprojekt Stuttgart 21 (S 21) wirkt sich, anders als es der Name vermuten lässt, weit über die Grenzen der Landeshauptstadt hinaus aus. Auf den Fildern wird sich der Bus- und S-Bahnverkehr beispielsweise nach der Inbetriebnahme des Fernbahnhofes beim Flughafen und der neuen Strecke zur Gäubahn umfassend verändern. Der S-21-Experte auf dem Rathaus von Leinfelden-Echterdingen, Martin Schindelin, sieht das Projekt im Interview mit gemischten Gefühlen. Den Vorteilen von S 21 stehen aus seiner Sicht für Leinfelden-Echterdingen auch einige Nachteile gegenüber.

 

Was bedeutet Stuttgart 21 für Leinfelden-Echterdingen? Immerhin führen die Gleise der Hauptstrecke nicht durch die Stadt.

Einerseits bringt Stuttgart 21 für Leinfelden-Echterdingen über den Flughafenbahnhof einen Anschluss an das Fern- und Regionalbahnnetz der Bahn. Das erhöht die Attraktivität des Standorts beträchtlich. Und der Anschluss des unterirdischen Flughafenbahnhofs an die an der Autobahn entlangführende Hauptstrecke Stuttgart-Ulm ist für Leinfelden-Echterdingen weitgehend unproblematisch. Probleme in den Stadtteilen Leinfelden und Echterdingen bringt jedoch der geplante Anschluss der Gäubahn aus Richtung Singen. Bisher ist die Strecke über Stuttgart Vaihingen und Stuttgart Nord an den Stuttgarter Hauptbahnhof angeschlossen. Nach den noch aktuellen Plänen soll die Gäubahn in Zukunft von der Rohrer Kurve bis zum Flughafen die bestehende S-Bahn-Trasse mitbenutzen. Damit würden dort zusätzlich zu den hier verkehrenden S-Bahnen erstmals Regional- und Fernzüge verkehren. Neben erhöhten Lärm- und Erschütterungswerten durch die zusätzlichen und in der Regel auch schwereren Züge wird der S-Bahn-Verkehr in diesem Streckenabschnitt behindert. Eine unterirdische Führung der Gäubahn über den derzeit diskutierten Gäubahntunnel würde diese Probleme lösen. Sie ist bisher aber leider noch nicht Teil des offiziellen Planfeststellungsantrags.

Bleiben die geplanten Tunnelbohrungen ohne Folgen für die Gebäude über dem Tunnel oder müssen sich die Menschen Sorgen um ihre Immobilien machen? Wie sind die bisherigen Erfahrungen aus Stuttgart?

Die derzeit geplanten Tunnel an der Rohrer Kurve und am Flughafen sind weit von Wohnbebauungen entfernt und deshalb unproblematisch. Für den Gäubahntunnel sind die Erkundungen gerade erst angelaufen. Weil sich die Geologie der Filder vom Stuttgarter Kessel unterscheidet und eine oberflächennahe Tunnelführung wie am Stuttgarter Hauptbahnhof eher nicht zu erwarten ist, ist der Vergleich mit Stuttgart nicht zielführend. Und weil der Gäubahntunnel mit Ausnahme der Unterquerung Leinfeldens bisher abseits der Siedlungsflächen geplant ist, sind Sorgen um Immobilien auch bei dieser Planvariante nach jetzigem Erkenntnisstand nicht angebracht.

Wie wird sich der Nahverkehr nach der Inbetriebnahme der neuen Strecken verändern?

Das Busnetz wird sich stärker auf den Flughafen als neue Drehscheibe zum Fernverkehr ausrichten. Weil sich der Bahnverkehr dort auf drei Teilbahnhöfe aufteilen soll und manche Umsteigevorgänge deshalb recht umständlich und langsam sind, kann die Drehscheibe ihre Vorteile aber nicht voll ausspielen. Im S-Bahnverkehr wird es zu den angesprochenen Behinderungen zwischen Rohrer Kurve und dem Flughafen kommen, die dazu führen werden, dass es für dieses Rückgrat des Nahverkehrs in der Region keine weiteren Zukunftsoptionen in Form von Taktverdichtungen und zusätzlichen Linien mehr geben kann.

Ist das aus Ihrer Sicht für Leinfelden-Echterdingen eine Verbesserung oder eine Verschlechterung im Vergleich zum Ist-Zustand?

Mit Blick auf die S-Bahn würde ich beim Nahverkehr eher von einer Verschlechterung sprechen.

Sie hatten verschiedene Forderungen an die Planer gestellt. Inzwischen wurden die Pläne angepasst. Was hatten Sie gefordert?

Die Stadt hat ausreichenden Schall- und Erschütterungsschutz für alle Anwohnerinnen und Anwohner der S-Bahn-Strecke sowie einen weiterhin störungsfreien und zukunftsfähigen S-Bahn-Betrieb in diesem Abschnitt gefordert. Der Erdaushub vom Umbau der Rohrer Kurve soll nicht auf Leinfelden-Echterdinger Gemarkung zwischengelagert werden.

In welchen Punkten wurde den Forderungen entsprochen?

Nachdem die Bahn zu Anfang den Standpunkt vertrat, auf der Bestandsstrecke seien keine zusätzlichen Maßnahmen gegen Schall und Erschütterungen erforderlich, gibt es nun zumindest Schallschutzmaßnahmen nach Neubaustandard, und nach der jüngsten Planänderung an wenigen Stellen auch Erschütterungsschutz. Auch die Beeinträchtigungen des S-Bahnbetriebs wurde durch eine kreuzungsfreie Ausbildung der Rohrer Kurve und ein drittes Bahnhofsgleis am Flughafen verbessert, leider aber nicht im erforderlichen Ausmaß.

Ist der Lärmschutz nun ausreichend?

Wenn damit die Erfüllung der gesetzlichen Grenzwerte gemeint ist, muss man die Frage mit ja beantworten. Wenn „ausreichend“ als Schulnote verstanden wird, ist klar, dass es noch Luft nach oben gibt. Die Stadt hat sich deshalb bereit erklärt, für den Fall, dass die Antragslösung zur Ausführung kommt, freiwillig in eine weitere Verbesserung der Maßnahmen zu investieren. Dabei steht zwar die gestalterische und landschaftliche Einbindung der Maßnahmen im Vordergrund. An einzelnen Punkten können sich aus diesen zusätzlichen Maßnahmen aber durchaus weitere Verbesserungen für den Schallschutz ergeben.

Gab es auch Punkte, auf welche die Bahn nicht eingehen wollte?

Neben dem Erdaushub, dessen Zwischenlagerung bislang auf Leinfelden-Echterdinger Gemarkung geplant ist, ist hier insbesondere die von der Stadt von Anfang an erhobene Forderung nach einer anderen Gäubahnführung zu nennen. Eine eigene Gäubahntrasse außerhalb der Siedlungsflächen würde eine Zerschneidung der Stadtteile mit den daraus folgenden Belastungen und eine Beeinträchtigung des S-Bahn-Verkehrs verhindern. Mit dem Gäubahntunnel liegt nun jedoch ein Vorschlag auf dem Tisch, der die beschriebene Kritik aufnimmt und deshalb vonseiten der Stadt begrüßt wird. Die im letzten Jahr vorgelegte Entwurfsidee für einen Tunnel Böblingen/Sindelfingen-Flughafen wird im Moment auf seine Machbarkeit und Finanzierbarkeit geprüft. Erste positive Rückäußerungen lassen hoffen.

Wie sieht der momentane Zeitplan aus? Wann könnten die Menschen auf den Fildern die neuen Strecken nutzen?

Die Bahn hat für Ende 2025 die Teilinbetriebnahme von Stuttgart 21 angekündigt. Wenn der Fernbahnhof am Flughafen bis dahin fertig wird, kann man dann ab 2026 in die dort haltenden Züge in Richtung Ulm und Tübingen einsteigen und auch den neuen Hauptbahnhof über den Filderaufstiegstunnel erreichen. Alles andere wird noch dauern. Ziel der Bahn war eine Inbetriebnahme des bislang noch nicht genehmigten Gäubahnabschnitts von der Rohrer Kurve zum Flughafen mit zweijähriger Verzögerung. Einen konkreten Inbetriebnahmetermin nennt die Bahn jedoch nicht. Bei Genehmigung der aktuell beantragten Planung bis zum Jahresende kann man vielleicht das Jahr 2029 als realistisch annehmen. Sollte der Gäubahntunnel kommen, werden noch einige weitere Jahre ins Land gehen.

Zur Person

Martin Schindelin
 Der Diplom-Ingenieur und Regierungsbaumeister ist bei der Stadt L.-E. Sachbearbeiter für Stadtentwicklung und Stadterneuerung. Seit dem Beginn des Projekts des S 21 im Jahr 1995 ist er in L.-E. dafür zuständig

Weitere Themen