Stuttgart-21-Gegner Beamte durchsuchen Wohnung

Von Thomas Braun, Markus Heffner 

Ein Boykottbrief eines Ehepaares, das gegen Stuttgart 21 ist, wird von der Justiz als versuchte Nötigung gewertet – und verfolgt.    

Die Briefaktion des Stuttgarters Stefan Cramer hat sich gegen Firmen gerichtet, die am Bau von Stuttgart 21 beteiligt sind. Eine davon hat den Absender angezeigt. Foto: Zweygarth
Die Briefaktion des Stuttgarters Stefan Cramer hat sich gegen Firmen gerichtet, die am Bau von Stuttgart 21 beteiligt sind. Eine davon hat den Absender angezeigt. Foto: Zweygarth

Stuttgart - Nach dem, was Stefan Cramer und seine Frau Erika erlebt haben, gibt es für sie keinen Zweifel mehr: Die Stuttgarter Justiz, so der Vorwurf des Ehepaars, will mit einer härteren Gangart und fragwürdigen Methoden engagierte Stuttgart-21-Gegner einschüchtern. Anders können sie sich nicht erklären, was ihnen widerfahren ist. Am 30.Oktober vergangenen Jahres stand das Ehepaar nach der Rückkehr aus einem dreiwöchigen Nordafrikaurlaub unversehens vor seiner Wohnungstür, die sich nicht mehr öffnen ließ. An der Tür hing ein Zettel der Polizei, wonach das Türschloss „ausgetauscht“ worden sei und man sich die Schlüssel beim Polizeiposten Untertürkheim abholen könne.

Die Cramers, beide beschäftigt beim Diakonischen Werk der Evangelischen Kirche, sind sehr engagiert in der Dritte-Welt-Bewegung, der 59-jährige Geologe betreut und koordiniert für die Hilfseinrichtung Brot für die Welt Projekte in ganz Afrika. Und sie sind entschiedene Gegner des umstrittenen Bahnprojekts. Als solcher hatte Cramer im August 2010 Briefe an mehrere Firmen geschrieben, die am Bau von Stuttgart 21 beteiligt sind, um gegen deren Einsatz an dem milliardenschweren Vorhaben zu protestieren.

In dem namentlich unterzeichneten und mit Absender versehenen Schreiben heißt es unter anderem, man werde sicherstellen, dass die entsprechende Firma keine Aufträge aus der Umgebung von Stuttgart mehr erhalte, falls diese es weiterhin vorziehe, sich an dem „schändlichen Projekt“ zu beteiligen. Dieses offensichtlich als Boykottaufruf gemeinte Schreiben landete bei sechs von sieben angeschriebenen Firmen im Papierkorb. Lediglich ein auf Gleisbauarbeiten spezialisierter Betrieb aus dem westfälischen Hamm erstattete Anzeige.

Durchsuchung privater Papiere

Die Staatsanwaltschaft Stuttgart wertete den Brief als versuchte Nötigung, befragt wurde Stefan Cramer zu dem Vorgang aber nicht. Und auch sonst tat sich zweieinhalb Monate lang nicht viel. Erst am 19.Oktober – der missglückte Polizeieinsatz im Stuttgarter Schlossgarten mit mehr als hundert zum Teil Schwerverletzten lag gerade drei Wochen zurück – unterschrieb der Stuttgarter Amtsrichter Alexander Brost auf Antrag der Staatsanwaltschaft einen Durchsuchungsbeschluss für die Cramer’sche Wohnung. Eine Woche später rückte, so Cramers Anwalt Roland Kugler, die Polizei „mit großem Besteck an“.

Feuerwehrleute öffneten das Türschloss, Beamte durchsuchten die Wohnung – die Nachbarschaft war in heller Aufregung, ebenso die Hausmitbewohnerin, der das Paar den Wohnungsschlüssel anvertraut hatte. Gefunden und mitgenommen haben die Polizisten auf Cramers PC dann tatsächlich besagte Schreiben an insgesamt sieben Firmen. Durchwühlt wurden laut Erika Hauff-Cramer (61), die bei der Polizei wegen Blockadeaktionen aktenkundig ist, auch private Papiere. Hinterlassen haben die Beamten beziehungsweise Beamtinnen – außer dem Zettel an der Wohnungstür – augenscheinlich auch etwas: Im Küchenabfall fanden die Cramers eine Damenbinde vor.

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