Stuttgart 21 Protest im Hamsterrad

Von Markus Heffner und  

Der Prostest gegen das Bahnprojekt zeigt Auflösungserscheinungen. Kritiker sagen, er drehe sich nur noch um sich selbst.

 Foto: dpa
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Stuttgart - Das Ritual begleitet die Proteste gegen Stuttgart 21. Wann immer der frühere Bahnhofsvorsteher Egon Hopfenzitz auf eine Bühne steigt, wird er von den Menschen davor mit „Ho-Ho-Hopfenzitz“-Rufen begrüßt – in Anlehnung an den vietnamesischen Revolutionär und späteren Premierminister Ho Chi Minh. Diese Tradition wurde auch auf der jüngsten Montagsdemo vor dem Bahnhof gepflegt, als Hopfenzitz mit Lodenmantel und Baskenmütze den „grünen Ministerpräsidenten Cräshmann“ für den geräumten Schlossgarten verantwortlich machte und ein Plädoyer für die „Fortführung des Protestgeschreis“ bis zum Jahr 2022 hielt. „Ho-Ho-Hopfenzitz!“

Davon abgesehen hat sich einiges verändert, seit zu den Hochzeiten bis zu hunderttausend Menschen durch die Innenstadt zogen, um gegen Stuttgart 21 zu protestieren. Mehr als drei Monate nach dem Volksentscheid ist vor dem Bahnhof ein vergleichsweise kleines Häufchen von Demonstranten übrig geblieben, für die der wöchentliche Montagsaufzug zu einem festen Bestandteil ihres Lebens geworden ist. Ihr einstiges Idol Winfried Kretschmann hat an Ansehen verloren: „Pfui, Verräter!“ ruft eine Frau, als der Name fällt.

Längst werden nicht mehr nur zum Thema Stuttgart 21 Bürgerbriefe verteilt. Auch AKW-Gegner, Friedensaktivisten, Anbieter von Notstromaggregaten und Initiativen wie das Forum Stadtwerke 2012 werben für ihre Interessen. Zwischen den unterschiedlichsten Transparenten und Flaggen weht die rote Fahne der DKP. Auf die Pappschilder sind Sätze gemalt wie „Geißler, Sie Judas!“ oder „Stuttgart grüßt Kairo“. Von der Bühne wettern die Redner gegen „weitere schwachsinnige Projekte“ wie den Bau einer Schnellbahntrasse im italienischen Gebirgstal Val di Susa. Kürzlich schlossen sich einige Parkschützer einem Demon­strationszug im Piemont an. Der Protest ist exportiert worden.

Viele haben sich abgewandt

Aber er steht auch an einem Wendepunkt. Viele Weggefährten des Widerstands haben sich von dieser Form des Protests abgewandt, darunter auch prominente Stuttgart-21-Gegner wie der ehemalige SPD-Bundestagsabgeordnete Peter Conradi. Wo er auftaucht, ist niemand vor Überraschungen sicher, am wenigsten seine eigene Partei. Conradi ist ein politischer Intellektueller, der mit dem Florett ficht und sich mit Grausen abwendet, wenn es derb und laut zugeht. Seiner Partei ist Conradi beim Streit über Stuttgart 21 mit seiner ablehnenden Haltung derart auf die Nerven gegangen, dass sich manche in der Führung über seinen Austritt gefreut hätten.

Jetzt entfacht Conradi, dessen Markenzeichen die Fliege ist, wieder Diskussionen. Diesmal jedoch unter den Gegnern von Stuttgart 21, denen er vor einer Woche einen Brief schrieb, der im Ton freundlich war, in der Sache jedoch hart: „Wir müssen neue Inhalte und neue Formen für unseren Widerstand gegen Stuttgart 21 finden“, schreibt Conradi und fügt hinzu: „Ich bezweifle aber den Sinn weiterer Montagsdemonstrationen.“

Auf zwei DIN-A4-Seiten listet Conradi wie in einem Tüv-Prüfbericht die Mängel und Fehler der Protestbewegung seit dem verlorenen Volksentscheid auf: Demonstrationen mit den immer gleichen Reden dienten überwiegend der eigenen Selbstdarstellung. Man habe es nicht geschafft, die Befürworter erneut zu einer sachlichen Diskussion zu zwingen.

Der Ton ist rauer geworden

Conradi beklagt die verbalen Entgleisungen und den Ton, der mitunter auf den Montagsdemos angeschlagen wird. Dort wurden in jüngster Zeit Plakate von Ministerpräsident Winfried Kretschmann im Bild mit anderen Politikern gezeigt. Der Text: „Hätten eure Eltern doch besser Kondome benutzt.“

„Das ist bösartig und herabsetzend“, sagt Peter Conradi, der bei der von Heiner Geißler moderierten Schlichtung gegen Stuttgart 21 argumentiert hatte. Auf den Montagsdemos findet der Architekt Anzeichen einer enttäuschten Liebe: „Viele der Menschen haben sich dort zum ersten Mal in ihrem Leben politisch engagiert.“ Sie seien nun „hell entsetzt“, dass der Volksentscheid verloren wurde. „Ich habe so viele Niederlagen erlebt“, sagt Conradi. Er weiß, dass diese zum Geschäft dazugehören.

Peter Conradis offenen Brief würde auch jener Mann „jederzeit unterschreiben“, der den Protest gegen den Tiefbahnhof von Anfang an entscheidend mitgeprägt hat: Gangolf Stocker. Der Stadtrat ist in den Hintergrund getreten. Auch er hat unter dem Titel „Was tun?“ eine selbstkritische Bestandsaufnahme des Protests vorgelegt. Die Montagsdemos? „Strahlen nicht mehr in die Bevölkerung hinein.“ Das Aktionsbündnis? „Ist gespalten.“ Die Gegner müssten sich anders artikulieren, glaubt Stocker. „Im Augenblick bewegt sich der Protest im Hamsterrad.“