Der Prostest gegen das Bahnprojekt zeigt Auflösungserscheinungen. Kritiker sagen, er drehe sich nur noch um sich selbst.

Stuttgart - Das Ritual begleitet die Proteste gegen Stuttgart 21. Wann immer der frühere Bahnhofsvorsteher Egon Hopfenzitz auf eine Bühne steigt, wird er von den Menschen davor mit „Ho-Ho-Hopfenzitz“-Rufen begrüßt – in Anlehnung an den vietnamesischen Revolutionär und späteren Premierminister Ho Chi Minh. Diese Tradition wurde auch auf der jüngsten Montagsdemo vor dem Bahnhof gepflegt, als Hopfenzitz mit Lodenmantel und Baskenmütze den „grünen Ministerpräsidenten Cräshmann“ für den geräumten Schlossgarten verantwortlich machte und ein Plädoyer für die „Fortführung des Protestgeschreis“ bis zum Jahr 2022 hielt. „Ho-Ho-Hopfenzitz!“

Davon abgesehen hat sich einiges verändert, seit zu den Hochzeiten bis zu hunderttausend Menschen durch die Innenstadt zogen, um gegen Stuttgart 21 zu protestieren. Mehr als drei Monate nach dem Volksentscheid ist vor dem Bahnhof ein vergleichsweise kleines Häufchen von Demonstranten übrig geblieben, für die der wöchentliche Montagsaufzug zu einem festen Bestandteil ihres Lebens geworden ist. Ihr einstiges Idol Winfried Kretschmann hat an Ansehen verloren: „Pfui, Verräter!“ ruft eine Frau, als der Name fällt.

Längst werden nicht mehr nur zum Thema Stuttgart 21 Bürgerbriefe verteilt. Auch AKW-Gegner, Friedensaktivisten, Anbieter von Notstromaggregaten und Initiativen wie das Forum Stadtwerke 2012 werben für ihre Interessen. Zwischen den unterschiedlichsten Transparenten und Flaggen weht die rote Fahne der DKP. Auf die Pappschilder sind Sätze gemalt wie „Geißler, Sie Judas!“ oder „Stuttgart grüßt Kairo“. Von der Bühne wettern die Redner gegen „weitere schwachsinnige Projekte“ wie den Bau einer Schnellbahntrasse im italienischen Gebirgstal Val di Susa. Kürzlich schlossen sich einige Parkschützer einem Demonstrationszug im Piemont an. Der Protest ist exportiert worden.

Viele haben sich abgewandt

Aber er steht auch an einem Wendepunkt. Viele Weggefährten des Widerstands haben sich von dieser Form des Protests abgewandt, darunter auch prominente Stuttgart-21-Gegner wie der ehemalige SPD-Bundestagsabgeordnete Peter Conradi. Wo er auftaucht, ist niemand vor Überraschungen sicher, am wenigsten seine eigene Partei. Conradi ist ein politischer Intellektueller, der mit dem Florett ficht und sich mit Grausen abwendet, wenn es derb und laut zugeht. Seiner Partei ist Conradi beim Streit über Stuttgart 21 mit seiner ablehnenden Haltung derart auf die Nerven gegangen, dass sich manche in der Führung über seinen Austritt gefreut hätten.

Jetzt entfacht Conradi, dessen Markenzeichen die Fliege ist, wieder Diskussionen. Diesmal jedoch unter den Gegnern von Stuttgart 21, denen er vor einer Woche einen Brief schrieb, der im Ton freundlich war, in der Sache jedoch hart: „Wir müssen neue Inhalte und neue Formen für unseren Widerstand gegen Stuttgart 21 finden“, schreibt Conradi und fügt hinzu: „Ich bezweifle aber den Sinn weiterer Montagsdemonstrationen.“

Auf zwei DIN-A4-Seiten listet Conradi wie in einem Tüv-Prüfbericht die Mängel und Fehler der Protestbewegung seit dem verlorenen Volksentscheid auf: Demonstrationen mit den immer gleichen Reden dienten überwiegend der eigenen Selbstdarstellung. Man habe es nicht geschafft, die Befürworter erneut zu einer sachlichen Diskussion zu zwingen.

Der Ton ist rauer geworden

Conradi beklagt die verbalen Entgleisungen und den Ton, der mitunter auf den Montagsdemos angeschlagen wird. Dort wurden in jüngster Zeit Plakate von Ministerpräsident Winfried Kretschmann im Bild mit anderen Politikern gezeigt. Der Text: „Hätten eure Eltern doch besser Kondome benutzt.“

„Das ist bösartig und herabsetzend“, sagt Peter Conradi, der bei der von Heiner Geißler moderierten Schlichtung gegen Stuttgart 21 argumentiert hatte. Auf den Montagsdemos findet der Architekt Anzeichen einer enttäuschten Liebe: „Viele der Menschen haben sich dort zum ersten Mal in ihrem Leben politisch engagiert.“ Sie seien nun „hell entsetzt“, dass der Volksentscheid verloren wurde. „Ich habe so viele Niederlagen erlebt“, sagt Conradi. Er weiß, dass diese zum Geschäft dazugehören.

Peter Conradis offenen Brief würde auch jener Mann „jederzeit unterschreiben“, der den Protest gegen den Tiefbahnhof von Anfang an entscheidend mitgeprägt hat: Gangolf Stocker. Der Stadtrat ist in den Hintergrund getreten. Auch er hat unter dem Titel „Was tun?“ eine selbstkritische Bestandsaufnahme des Protests vorgelegt. Die Montagsdemos? „Strahlen nicht mehr in die Bevölkerung hinein.“ Das Aktionsbündnis? „Ist gespalten.“ Die Gegner müssten sich anders artikulieren, glaubt Stocker. „Im Augenblick bewegt sich der Protest im Hamsterrad.“

Das Interesse der Medien lässt nach

Alles dreht sich, aber es geht nicht mehr richtig voran. Vor anderthalb Jahren reisten Journalisten und Kamerateams aus aller Welt nach Stuttgart, um den schwäbischen Bürgeraufstand zu ergründen. Seit dem Volksentscheid, bei dem sich die Mehrheit gegen einen Ausstieg des Landes aus der Finanzierung und damit für Stuttgart 21 ausgesprochen hat, berichtet kaum noch der lokale Sender Regio TV über die Demonstrationen.

Die Bäume sind gefällt, doch die Parkschützer halten beharrlich an den Montagsdemos, Kundgebungen und Trauermärschen fest. Sie kämpfen auch gegen den Bedeutungsverlust. Das Aktionsbündnis gegen den Tiefbahnhof steht vor ähnlichen Problemen: So schaffte es Hannes Rockenbauch zu besten Zeiten regelmäßig bis in die „Tagesschau“ und machte sich mit spektakulären Besetzungsaktionen am Bahnhof als „linker Flügelstürmer“ einen Namen. Unlängst hat der SÖS-Stadtrat beiläufig verkündet, dass er demnächst sein Amt niederlegen und sich in die Elternzeit verabschieden werde.

Im Aktionsbündnis ist es ruhig

In den Reihen des Aktionsbündnisses selbst hatte es zuletzt Diskussionen zwischen den zwölf Partnern gegeben, ob und wie es nun weitergehen soll. Wackelkandidat war dabei vor allem der Kreisverband der Stuttgarter Grünen, der sich eine Fundamentalopposition zur grün-roten Landesregierung schon aus parteipolitischen Gründen nicht leisten kann. Auf einem großen Ratschlag im Rathaus sollte Ende vergangenen Jahres eine inhaltliche Neuausrichtung beschlossen werden. Die Grünen gebaren ein Zwitterwesen: Stuttgart 21 solle kritisch begleitet werden. Seitdem ist es auffallend ruhig um das Aktionsbündnis geworden, das nach dem Volksentscheid bei den Montagsdemos ausgestiegen ist. Die wöchentliche Versammlung wird nun von den Parkschützern und dem „Team Aussteiga“ organisiert.

Der Protest wird für immer mehr Beteiligte zu einem schwierigen Spagat. Am meisten schmerzt er die Grünen. Clarissa Seitz sitzt in einem Zimmer der Grünenfraktion im Stuttgarter Rathaus. Auch wegen Stuttgart 21 hat die Partei personell und räumlich stark zugelegt. Jetzt beginnt die Revolution ihre Mütter und Väter zu fressen – die Grünen werden selbst zur Zielscheibe des Protests, und die Grünen-Stadträtin muss sich mit den Kondom-Plakaten beschäftigen und damit, dass es einige Gegner nun besser fänden, wenn Winfried Kretschmann als Landesvater verhütet worden wäre. „Ich nehme das nicht persönlich“, sagt Seitz, „ich kann schon verstehen, dass manche frustriert sind und sich nach dem Volksentscheid gedemütigt fühlen.“

Die neue Sprecherin sieht „relevante Größe“

Auch Clarissa Seitz hat den heißen Protestherbst 2010 kurz vor und unmittelbar nach dem „schwarzen Donnerstag“ miterlebt. Heute steht sie als Sprecherin gemeinsam mit vier weiteren Aktivisten an der Spitze einer Bewegung, die zumindest auf der Straße zahlenmäßig drastisch geschrumpft ist – zur vorigen Montagsdemonstration kamen laut Polizei noch 600 Menschen. Aus dem Strom ist ein Rinnsal geworden.

Seitz sieht die Gegner „durchaus noch als relevante Größe“ in der Stadt, trotz der zurückgehenden Teilnehmerzahlen auf den Montagsdemos. „Ich habe einen langen Atem“, sagt sie und erinnert sich, wie sie am Tag, als die Abbrucharbeiten am Nordflügel begannen, gemeinsam mit vielen anderen vor dem Bahnhof ausgeharrt hatte. Unmittelbar danach sagte Seitz damals, der Abriss sei mit dem Zerstörungswerk der Taliban an den Buddhastatuen in Bamiyan vergleichbar.

Inzwischen ist auch der Südflügel des Bonatzbaus gestutzt, und der Widerstand ist angesichts des gerodeten Schlossgartens dabei, sich neu zu erfinden. Es geht auch um einen neuen Ort für die Montagsdemo, die heute erstmals auf dem Marktplatz veranstaltet wird. Die Verkündung des Ortswechsels löste in der vergangenen Woche ein Pfeifkonzert aus, viele Demonstranten empörten sich über die Begründung der Organisatoren. Man habe lange genug Mitbürger blockiert. Solche Rücksichtslosigkeiten seien nicht dazu geeignet, in der Bevölkerung Sympathien für die Bewegung zurückzugewinnen. Die meisten Demonstranten sahen das anders. Die Bürger müssten spüren, welche Beeinträchtigungen das Bauprojekt auf den Straßen der Stadt mit sich bringt. Ein älterer Mann, der eine mit K-21-Buttons dekorierte Mütze trug, brüllte: „Ihr kriegt uns nicht los!“

„Ermutigungsgottesdienst“ nervt Autofahrer

Das bekamen am Samstag erneut die Wochenendeinkäufer in der Innenstadt zu spüren. Polizisten riegelten die Willy-Brandt-Straße ab, während ein Trauerzug der Parkschützer zum Planetarium zog. Viele Demonstranten trugen Schwarz. Mit Blumen, Grablichtern und einem Kranz versammelten sie sich auf einem Hügel oberhalb des Schlossgartens. In der Erde steckten rote Kreuze, jeweils eines für jeden gefällten Baum. Der Kabarettist Peter Grohmann hielt eine Grabrede, begleitet von einem wütenden Hupkonzert der wartenden Autofahrer. Es folgte ein „Ermutigungsgottesdienst“.

Über die Zukunft der Montagsdemos wird jedoch in einem weltlichen Umfeld entschieden: bei einem weiteren Ratschlag, der am Samstag im Rathaus stattfindet. Vorschläge zu geeigneten Versammlungsorten sind ausdrücklich erwünscht – bei der Mahnwache vor dem Hauptbahnhof können Briefe mit Anregungen abgegeben werden. Bis auf Weiteres soll die wöchentliche Protestaktion direkt vor dem Amtssitz des Oberbürgermeisters abgehalten werden. Zur Premiere heute Abend, der nunmehr 115. Montagsdemonstration in der Landeshauptstadt, erhoffen sich die Organisatoren wieder einen größeren Zuspruch als zuletzt. Es spielt das Protestorchester Compagnia Sackbahnhof. Hauptredner ist Hagen von Ortloff – Moderator der SWR-Sendung „Eisenbahn-Romantik“.