Die neuen Unwägbarkeiten bei der Fertigstellung von Stuttgart 21 haben das Stuttgarter Rathaus auf den Plan gerufen. Nachdem die Bahn Ende vergangener Woche meldete, sie prüfe, „in welcher Abfolge die verschiedenen neu gebauten Infrastrukturteile“ in Betrieb gehen und damit der Lesart Vorschub geleistet hat, dass höchstens eine Teilinbetriebnahme im Dezember 2025 zu erwarten ist, will die Stadt nun Klarheit. Man beteilige sich zwar „zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht an Spekulationen bezüglich der Inbetriebnahme des Durchgangsbahnhofs. Die Bahn muss jedoch baldmöglichst eine verbindliche Ansage machen, wie es weitergeht“, fordert Oberbürgermeister Frank Nopper (CDU).
Stadt schreibt an die Bahn
Der Wunsch nach Verbindlichkeit ist nicht ganz neu bei der Stadt. Bereits am 20. Februar hatte Baubürgermeister Peter Pätzold (Grüne) an Bahninfrastrukturvorstand Berthold Huber geschrieben und an geschlossene Vereinbarungen erinnert. „Entsprechend der bestehenden Verträge sind die heutigen Betriebsanlagen des Stuttgarter Hauptbahnhofs schnellstmöglich durch die neu errichteten Anlagen zu ersetzen“, heißt es in dem Schreiben, das unserer Redaktion vorliegt.
Die Stadt beteiligt sich an Stuttgart 21, weil sie sich von der Bebauung der heutigen Gleisflächen eine deutliche Entspannung auf dem Wohnungsmarkt verspricht. Baubürgermeister Pätzold weist in seinem Brief darauf hin, dass bereits in der Baugenehmigung für den innerstädtischen Abschnitt von Stuttgart 21 als ein Ziel des Projekts die „Schaffung von städtebaulichen Entwicklungsmöglichkeiten in der Landeshauptstadt Stuttgart zur Vermeidung von Siedlungsdruck im Umfeld“ festgehalten sei.
Langes Leiden an der Baustelle
Pätzold erinnert den Bahnvorstand daran, die Stadt habe für die Schaffung neuer Entwicklungsflächen durch S 21 „bereits starke Beeinträchtigungen und zeitliche Anpassungen hingenommen. Daher müssen bei den Planungen zur Inbetriebnahme die Folgen auf die mögliche Übergabe von Realisierungsflächen für den Städtebau durch die Deutsche Bahn mit betrachtet werden.“
Die Grünen-Fraktion im Rathaus pocht ihrerseits auf Klarheit nicht nur beim Umfang der Inbetriebnahme des Bahnhofs, sondern auch bei der Frage, welche weiteren Einschränkungen in der verbleibenden Bauzeit noch auf die Bevölkerung zuzukommen drohen. Die Grünen fordern, die Deutsche Bahn solle noch vor der Sommerpause dem zuständigen Gemeinderatsausschuss Rede und Antwort stehen.
Das gleiche Gremium hat am Dienstag über das weitere Vorgehen auf dem direkt an den Tiefbahnhof anschließenden Grundstück diskutiert. Auf dem schlicht A 3 genannten Areal soll der städtebauliche Auftakt für alles dahinter Entstehende gebaut werden. Vorschläge, welche Nutzungen in einem solchen Gebäude untergebracht werden können, sollen bei einem offenen Ideenwettbewerb gesammelt werden, an dem sich jedermann beteiligen kann.
Die Diskussion darüber verlief unter den Lokalpolitikern recht lebhaft. Hannes Rockenbach, Stadtrat der Linksfraktion und profilierter Stuttgart-21-Gegner, versuchte es mit Sarkasmus: „Ich gewinne den Wettbewerb zusammen mit der Deutschen Bahn. Wir schlagen dort einen funktionierenden Kopfbahnhof vor.“
Seinen Ratskollegen empfahl er aufzupassen, „dass dieses Gremium nicht zum Kasperltheater verkommt“. Er sei immer wieder erstaunt, wofür sich der Rat und die Verwaltung hergeben würden. „Wenn man keine Ahnung von Stadtentwicklung hat, macht man genau so etwas wie diesen Wettbewerb“, so Rockenbauch.
Stadträte diskutieren über Ideenwettbewerb
Seine Ratskollegen nahmen die Wutrede einigermaßen gelassen. Beate Schiener (Grüne) erkannte „Neuland, das wir mit diesem Wettbewerb betreten“. Sie und weitere Räte drängten darauf, den Ausschreibungstext vor Veröffentlichung nochmals vorgelegt zu bekommen, um gegebenenfalls noch eingreifen zu können. Alexander Kotz, CDU-Fraktionschef, sagte, er sei „gespannt wie noch bei kaum einem anderen Wettbewerb“, was herauskommen werde. Stefan Conzelmann (SPD) konstatierte bei Rockenbauch „ein atemberaubendes Maß an Realitätsverweigerung“.
Die Vorschlagsphase für den Wettbewerb dauert vom 15. Mai bis zum 1. Juli. Eine Jury sichtet und bewertet die Ideen. Danach sollen Planungsbüros ein Raumkonzept entwickeln. Daran schließt sich ein Realisierungswettbewerb an. Wann tatsächlich gebaut werden kann, hängt aber maßgeblich davon ab, wann die Deutsche Bahn den gesamten Verkehr durch den Tiefbahnhof leitet und ob dann tatsächlich die oberirdischen Gleisflächen abgebaut werden können.