Stuttgart 21 Stadt gibt keinen Solo-Auftrag an Ingenhoven

Von Thomas Braun und K. Schwarz 

Der S-21-Architekt Christoph Ingenhoven hat die Stadt scharf kritisiert. Er will bald das Bahnhofsumfeld planen. Im Rathaus reagiert man höchst ungehalten auf die öffentliche Schelte – und unterstellt dem Stararchitekten eigene Interessen.

Der Tiefbahnhof ist seine Idee: Der Düsseldorfer Architekt Christoph Ingenhoven will auch das Umfeld der  Station und das erste Gebäude im neuen Stadtteil gestalten. Foto: dpa
Der Tiefbahnhof ist seine Idee: Der Düsseldorfer Architekt Christoph Ingenhoven will auch das Umfeld der Station und das erste Gebäude im neuen Stadtteil gestalten. Foto: dpa

Stuttgart - Mit seiner Kritik an den angeblich zögerlichen Planungen der Stadt für das Bahnhofsumfeld hat der Düsseldorfer S-21-Architekt Christoph Ingenhoven bei der Grundsteinlegung für den neuen Tiefbahnhof Ende vergangener Woche für Aufsehen gesorgt. Im Rathaus reagiert man höchst ungehalten auf die öffentliche Schelte – und unterstellt dem Stararchitekten, nur eigene Interessen zu vertreten. Ingenhoven ist seit dem Architektenwettbewerb für den Bahnhof im Jahr 1997 auch an der Planung des direkten Umfelds beteiligt. Diese Denkaufgabe gehörte damals dazu. „Wir haben einen Vorschlag gemacht, die Bahn hat uns beauftragt, die Stadt hat das gekauft, aber dann nichts mehr getan. Die Gespräche sind nicht mehr weitergegangen“, monierte Ingenhoven am Rande der Grundsteinlegung. Im offiziellen Teil sagte der Architekt, er wünsche ein Konzept für das Bahnhofsumfeld. Bei der Stadt gebe es dazu „ein kleines Fragezeichen“.

Bürgermeister: Gemeinderat entscheidet

Als Vertreter der Stadt sprach am Freitag Finanzbürgermeister Michael Föll (CDU). Stuttgart erhalte durch den Bahnhofsbau eine „einmalige Entwicklungschance“. Man entwickle das Städtebauprojekt „im Dialog mit den Bürgern“. Entscheidungen treffe dann der Gemeinderat.

Ganz uneigennützig scheint Ingenhovens Kritik an der Stadt nicht gewesen zu sein. Nach Informationen unserer Zeitung ist er wenige Tage vor der Grundsteinlegung bei der Stadt vorstellig geworden, um sich eine direkte Beauftragung für die Gestaltung des Bahnhofsumfelds zu sichern. Den Anspruch darauf leitet der Architekt aus dem Gewinn des alten Wettbewerbs ab.

Stadt spricht von „Affront“

Als man Ingenhoven bedeutet habe, dass etwa für die von ihm angeregte Öffnung der Klettpassage ein Architektenwettbewerb ausgeschrieben werde, an dem er sich in Konkurrenz zu anderen Büros sehr gerne beteiligen könne, habe der Stararchitekt das Gespräch ziemlich abrupt beendet. Teilnehmer der Gesprächsrunde sprechen hinter vorgehaltener Hand von einem „Affront“. Am Freitag sagte der erfolgsverwöhnte Gestalter: „Die Stadt redet derzeit nicht mit uns.“

Bei Stuttgarter Verkehrsplanern gelten Ingenhovens Vorstellungen etwa für eine rasche Erweiterung des Cityrings ohnehin als vorschnell. Sie geben zu bedenken, dass etwa eine Aufweitung des Autotunnels an der Wolframstraße nicht ganz einfach und schon gar nicht rasch zu bewerkstelligen sei, da über die Brücken noch der Bahnverkehr abgewickelt werde. Im Übrigen brauche es eine Änderung des entsprechenden Planfeststellungsbeschlusses. Die Wolframstraße soll den Cityring erweitern und die Autos aus der vom Verkehr befreiten Schillerstraße aufnehmen.

Neue Klettpassage kostet zig Millionen

Dass die Klettpassage ebenfalls umgestaltet werden muss, um die Verbindung zwischen der Königstraße und dem neuen Bahnhofsquartier sicherzustellen, darüber ist man sich bei der Stadt längst im klaren. Auch darüber, dass es dafür kaum Zuschüsse geben und der Umbau in Konkurrenz zu vielen anderen Themen stehen wird.

Ingenhoven denkt an Tabula rasa, spricht von einer „vollständig neuen Gestaltung“. Gespräche mit den diversen Eigentümern in der Klettpassage sowie mit der Stuttgarter Straßenbahnen AG (SSB) liefen bereits. Auch die laufende Bürgerbeteiligung zum geplanten Rosensteinviertel werde sich mit diesem Aspekt beschäftigen. Zudem weist man bei der Stadt darauf hin, dass etwa die Gespräche mit der Bahn über die Räumung des Gleisvorfelds bereits weit gediehen seien. Dafür braucht es freilich zunächst einmal einen Planfeststellungsbeschluss.

Dass der Vorwurf, die Stadt verzögere die Planungen des Umfelds, aus der Luft gegriffen sei, zeige sich auch daran, dass etwa für den Budapester Platz zwischen der Friedhofstraße und der Wolframstraße ein Wettbewerb entscheiden worden sei. Die Arbeiten der beiden Preisträger würden derzeit nochmals überarbeitet. Kurzum: der Vorwurf Ingenhovens, die Stadt käme bei den S-21-Planungen jenseits des eigentlichen Bahnhofs nicht in die Gänge, sei aus der Luft gegriffen, heißt es im Rathaus.

Schon 2015 profilierte sich Ingenhoven

Es ist nicht die erste Kontroverse dieser Art zwischen Stadt und Architekt, aber die bisher lauteste. 2015 hatte Ingenhoven, damals assistiert vom Stuttgarter Tragwerksplaner Werner Sobek, sich in einer Veranstaltung profiliert und den Eindruck erweckt, die Stadt verzögere die Planungen.

Die Reaktion fiel ebenfalls geharnischt aus. OB Fritz Kuhn (Grüne) war verärgert. „Man muss uns nicht zum Jagen tragen“, ließ sich Baubürgermeister Peter Pätzold (Grüne) zitieren. Ingenhoven legte damals nach und seine Motive offen: „Wir haben alle anderen Aufträge, es fehlen nur der Klett-Platz und dieses Nordgebäude. Natürlich wollen wir den Auftrag dafür haben.“