Stuttgart 21 Tunnel zu eng für Züge?

Von Jörg Nauke 

Zwei Experten haben am Mittwochabend über die Schwachstellen des Milliardenprojekts gesprochen. Künftig will die Bahn mitreden.

Bei der nächsten Veranstaltung will die Bahn dabei sein. Foto: dpa
Bei der nächsten Veranstaltung will die Bahn dabei sein. Foto: dpa
Stuttgart - Bei der Deutschen Bahn wird viel über Kommunikation geredet, jedenfalls seit Rüdiger Grube ihr Chef ist. Mit der Umsetzung hapert es aber noch in Stuttgart. Offenbar werden die Prioritäten falsch gesetzt. So hat sich der Stuttgart-21-Sprecher Wolfgang Drexler am Dienstag Ärger eingehandelt, weil er den Technischen Ausschuss des Gemeinderats mit einem lapidaren Brief abgespeist hatte; in einer neunten Realschulklasse wird er dagegen den Experten geben.

Und anstatt am Mittwochabend bei einem ernst gemeinten Versuch der "Anstifter"-Gruppe im Theaterhaus, "nackte Tatsachen für sich sprechen zu lassen", wie der Kabarettist Peter Grohmann meinte, glänzte die Bahn durch Abwesenheit und ließ die Experten Sascha Behnsen und Rafael Ryssel mit rund 500 Besuchern alleine.

Am Nachmittag war Projektleiter Hany Azer, der auf dem Podium einen interessanten Widerpart abgegeben hätte, dagegen mit vier Bahnvertretern im Landtag aufgekreuzt, um über die Chancen des Mittelstands bei Ausschreibungen zu informieren. Der Nährwert der Veranstaltung hielt sich in Grenzen. So wurde der Vorschlag eines CDU-Abgeordneten diskutiert, im Bahnhof ein großes Loch zu graben, damit jeder sehe, dass dieses Projekt unumkehrbar sei.

Eine defekte Weiche reicht, um den halben Bahnhof lahmzulegen


Im Theaterhaus testeten derweil Behnsen und Ryssel Stuttgart 21 auf Herz und Nieren - und die Geduld des Publikums. Die Besucher staunten dennoch über das, was das Duo aus seinen Waschkörben hervorzauberte. Behnsen beschäftigt sich seit 2004 intensiv mit Stuttgart 21 und der Neubaustrecke, er verfasste darüber seine Diplomarbeit und publizierte die Ergebnisse in Fachzeitschriften und auf Vorträgen. Ryssel ist Spezialist im Bereich Signaltechnik. Behnsen betonte den wissenschaftlichen Ansatz seiner Arbeit; mit Parteipolitik habe er absolut nichts am Hut. Deshalb ließ er auch ein Schlusswort des Projektkritikers und Ex-Bundestagsabgeordneten Peter Conradi (SPD) nicht zu.

Für einen Aufreger sorgte der Hinweis, dass es mit der Magistrale für Europa in den Tunnels zwischen Feuerbach und Wendlingen nicht weit her sei. Um wie die meisten Nachbarländer den gängigen Fahrstrom für die Züge von 25 Kilovolt und 50 Hertz durch die Leitungen fließen zu lassen, sei der Tunnelquerschnitt laut Planunterlagen um 14 Zentimeter zu gering. Stuttgart 21 sei auf die üblichen 15 Kilovolt und 16,7 Hertz ausgelegt. Bei stärkerem Strom drohe wegen der zu geringen Abstände zwischen Zug und Wänden, dass der Funke überspringe.

Die Bahn will ein Expertenteam schicken


Behnsen stellte anhand von Bildern und Grafiken die Probleme der Gleisführung auf den Fildern zwischen der Rohrer und der Kleinen Wendlinger Kurve dar. Das Publikum staunte über das bescheidene Schienenangebot und den Umstand, dass sich die Gleise vor dem S-Bahnhof kreuzen, weil die Fern- und Nahverkehrszüge nur je einen Bahnsteig für beide Richtungen zur Verfügung haben. Behnsen bemerkte, dass ein Gutachter bei dem für die juristische Bewertung wichtigen Vergleich von Stuttgart 21 und der Alternative Kopfbahnhof 21 ausgerechnet diesen kritischen Bereich ausgeklammert hatte. Interessant erschien auch der Gleisplan für Stuttgart 21 - offenbar reicht eine defekte Weiche, um den halben Bahnhof lahmzulegen.

Dass derlei Erkenntnisse nicht unkommentiert bleiben dürfen, hat die Bahn erkannt. Bei der nächsten Veranstaltung will sie ein Expertenteam schicken, das Behnsen, Ryssel oder auch dem Gutachter Michael Holzhey Paroli bieten soll. Genauso wichtig wird dann ein kompetenter Moderator sein, der die Experten im Zaum hält.