Stuttgart 21 „Wahnsinn, was alles auf uns zukommt“

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Jupp Klegraf hat die Jugendräte des Stadtbezirks Nord zu einem Besuch auf dem Logistikfeld für Stuttgart 21 mitgenommen. „Wahnsinn, was hier alles auf uns zukommt“, lautet das Fazit der jungen Leute.

Für Jupp Klegraf (Mitte) hat Stuttgart 21 Vor- und Nachteile Foto: factum/Weise
Für Jupp Klegraf (Mitte) hat Stuttgart 21 Vor- und Nachteile Foto: factum/Weise

Nordbahnhof - Am späten Nachmittag spazieren Jugendlichen des Jugendrats Nord, ihre pädagogische Begleiterin Kirsten Maiba und Jupp Klegraf vom Infoladen Stuttgart 21 durch das Nordbahnhofviertel, begleitet von ständigem Nieselregen. Nach kurzer Zeit sind die Schuhe schmutzig vom matschigen, aufgeweichten Boden. „So wird es auf unseren Straßen in Zukunft häufig aussehen“, prognostiziert Jupp Klegraf. Das Viertel wird in Zukunft das zentrale Logistikfeld für die Stuttgart 21-Baustelle und die Logistikstraße beherbergen. Damit sind die Anwohner rund um den Nordbahnhof von den Bauarbeiten wohl am stärksten betroffen.

In der Martinskirche, wo der Infoladen sich beheimatet fühlt, hat die Initiative eine kleine Ausstellung zu den geplanten Bauarbeiten erstellt. Die Jugendräte haben Klegraf um eine Führung durch die Ausstellung und einen Rundgang über das Gelände gebeten. „Als Jugendrat wollen wir uns informieren, was in unserem Stadtviertel passiert“, sagt der Jugendrat-Sprecher Jonathan Winkler. Viele der Jugendlichen seien im Rosensteinviertel zu Hause und befürchten große Einschnitte in der Lebensqualität durch die Umgestaltung des Stadtteils nach den Bauarbeiten.

Bis alles fertig ist, wird die Lebensqualität

In der Ausstellung erklärt Jupp Klegraf anhand einer großen Karte, dem Rahmenplan für Stuttgart 21 aus dem Jahr 1998, wo sich die Bauarbeiten hauptsächlich abspielen werden. Der Stadtbezirk ist grau schraffiert, das S 21-Gebiet in verschiedenen Farben markiert. „Die Karte hat noch ganz allgemeinen Charakter. Zu diesem Zeitpunkt war ja noch kaum etwas entschieden“, sagt Jupp Klegrad, der betont, dass sich der Infoladen weder für noch gegen Stuttgart 21 ausspricht, sondern schlicht informieren möchte. „Das Bahnprojekt hat für unseren Stadtteil auch viele positiven Aspekte“, erklärt er den Jugendlichen.

Dennoch konzentriere sich die Stadt mit ihren Argumenten für S 21 auf die Zeit, wenn alles bereits fertig sei. „Dazwischen wird unsere Lebensqualität hier im Viertel aber erheblich leiden“, sagt Klegraf. Bis 2003 war er Bezirksvorsteher in Stuttgart-Nord, zudem ist er Vorsitzender der Geschichtswerkstatt Nord. Die komplette Ver- und Entsorgung der Baustelle wird zwischen Prag, Nordbahnhof und Jägerstraße über eben jene zentrale Logistikfläche am Nordbahnhof erfolgen. Dort werden Güter über die Schienen angeliefert sowie Ausbruchsmaterialien abtransportiert.

Die Klinkerbauten unterhalb der Gäubahnbrücke bleiben stehen

Rund eine Stunde führt Klegraf die Jugendlichen über das zukünftige Logistikgelände bis zu Gäubahnbrücke und zur Haltestelle Nordbahnhof. „Die Brücke ist ein denkmalgeschützter Bau und darf nicht abgerissen werden“, sagt Klegraf unterhalb der Gäubahntrasse. Diese in das zukünftige Stadtbild zu integrieren, sieht der ehemalige Bezirksvorsteher als große Herausforderung für jeden Stadtplaner.

Die Initiative, die den Prozess kritisch und konstruktiv begleiten will, hat schon Erfolge erzielt, wie Klegraf den Jugendlichen berichtet. So haben viele Menschen aus dem Stadtbezirk dagegen protestiert, dass die Stadt auch die Klinkerbauten unterhalb der Gäubahnbrücke abreißt. Die Häuser mit einer Architektur eines alten Eisenbahndorfes dürfen nun bleiben. „Bei den Wagenhallen wissen wir noch nichts Genaues“, sagt Klegraf. Für die nächsten fünf Jahre darf der Kulturveranstalter noch bleiben. „Wahnsinn, was hier alles auf uns zukommt“, ist das Fazit von Jonathan Winkler zu den anstehenden Bauarbeiten.

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