Stuttgart-Album Als das Viertel hinterm alten Bahnhof neu entstand

Der alte Bahnhof (links oben) war bis 1922 in Betrieb. Foto: /Archiv

Die Bauausstellung auf dem Weißenhof von 1927 ist bis heute weltberühmt, jene von 1924 auf dem Gleisareal des alten Bahnhofs indes geriet in Vergessenheit. Wir blicken darauf zurück, wie vor 100 Jahren Stuttgarts Mitte neu gewachsen ist.

Das Metropolgebäude an der Bolzstraße atmet Stadtgeschichte wie nur wenige Orte in Stuttgart. Drei Torbögen aus der Originalfassade des alten Bahnhofs erinnern an eine wechselhafte Vergangenheit – sie sind bald wieder das Tor zu drei Kinosälen, um die in Stuttgart heftig gerungen worden ist. Das historische Metropol soll nach Ostern unter der Leitung von Traumpalast-Chef Heinz Lochmann sein Comeback feiern.

 

Blicken wir auf die Anfänge zurück: Im Herbst 1846 ist der zunächst viergleisige Centralbahnhof mit einer hölzerner Dachkonstruktion und Rundportalen nach den Plänen des württembergischen Eisenbahnpioniers Carl Etzel in der Nachbarschaft zum Neuen Schlosses eröffnet worden. Die ersten Züge fuhren nach Cannstatt und Ludwigsburg. Den Königsbau gab es da noch nicht. Die heutige Bolzstraße hieß Schlossstraße. Der Kopfbahnhof mit einer Drehscheibe für Lokomotiven wurde in der Monarchie samt Umgebung zu dem, was man heute ein „In-Viertel“ nennen würde. Ein Stück große Welt war hier zu Hause. In unmittelbarer Nachbarschaft befand sich das vornehme Hotel Marquardt, das erste Haus am Platz, das bis 1938 existierte.

Nach wenigen Jahren war die Gleisanbindung zu klein in der rasant gewachsenen Stadt. Von 1864 bis 1866 erfolgte die Erweiterung auf acht Gleise mit den Arkaden und den Seitenflügeln. Der Anbau reichte bis zu jener Fläche, auf der sich heute der Palast der Republik befindet – und ging bis zum Friedrichsbau-Varieté, das als führend in Deutschland galt. Die Lautenschlagerstraße gab es damals noch nicht.

1890 registrierte man in Stuttgart über vier Millionen Bahnreisende und zehn Jahre später bereits knapp siebeneinhalb Millionen. Der Standort bot keinen Platz zur erneuten Erweiterung. So entstand der Hauptbahnhof wenige Hundert Meter weiter nach den Plänen von Paul Bonatz. Der alte Centralbahnhof wurde 1922 nicht mehr gebraucht. Doch was sollte aus dem frei werdenden Gleisareal werden?

In drei Monaten kamen etwa 150 000 Besucherinnen und Besucher

Dies war die große Stunde für Architekten und Bauingenieure, die in einer Ausstellung vorführen wollten, wie man günstig und schnell baut. Die Bauausstellung im Jahr 1924 brachte kurzfristig Leben auf das Gelände. Vor 100 Jahren gab es in Stuttgart also eine Übersicht des aktuellen Baumarkts, die auf großes Interesse stieß: Innerhalb von drei Monaten besuchten etwa 150 000 Menschen das Ausstellungsgelände, dessen Eingang ein Messeturm markierte.

Danach wurde der Westtrakt des alten Bahnhofs zugunsten der neuen Lautenschlagerstraße abgerissen. Der Mittelbau wurde bis auf die repräsentative Hauptfront und der Osttrakt bis auf den Kopfbau zu einem Geschäftshaus mit einem Durchlass für die Stephanstraße umgestaltet. Zwei wichtige Neubauten entstanden, wo sich einst die Gleise befanden, was an das geplante Rosensteinquartier heute im Zuge von Stuttgart 21 erinnert: 1927 ist die Fertigstellung der Oberpostdirektion als „Monument der Moderne“ gefeiert worden. Und 1928 war der Hindenburgbau fertig, der viele Jahrzehnte seinen Namen aus politischen Gründen verloren hat.

Fragmente des alten Stuttgarter Bahnhofs befinden sich heute in Weil der Stadt. Der Heimatforscher Anton Gall hatte 1926 dafür gesorgt. Ein Torbogen aus der Vergangenheit des schwäbischen Bahnverkehrs wurde zum Teil des dortigen Antoniustors und konnte somit erhalten werden.

Drei Torbögen sind dort, wo sie schon immer waren. Der Bahnhof ist 1922, als der Bonatz-Bau fertig war, zu einem Kino umgewandelt geworden. Eigentümer war seit 1925 die Industriehof AG Stuttgart, die 1926 das Gebäude an die Schwäbische Urania Lichtspiel GmbH vermietet hat, die daraus den Ufa-Palast machte. Mit 1221 Sitzplätzen war es das zweitgrößte Kino Stuttgarts. Bis zur Zerstörung im Zweiten Weltkrieg wurden dort über 500 Spielfilme gezeigt. Nach dem Krieg begann 1948 der Wiederaufbau. Erste Pächter des Kinos waren die Brillenfabrikanten Martha und Philipp Metzler. Die hohen Investitionen galten als umstritten. Im zerstörten Stuttgart, so die Kritiker, werde jede Mark für den Bau neuer Wohnungen benötigt. Das Vergnügen könne warten.

Das Metropol war die Starbühne Stuttgart

Doch die Rechnung der Metzlers ging auf, einen von Kino und Varieté doppelt genutzten Theatersaal mit 1300 Sitzplätzen und zwei wunderschönen Kuppeln zu bauen. Nach dem Krieg war das Verlangen groß, endlich wieder Spaß zu haben. Schon bei der feierlichen Eröffnung am 1. August 1949 mit der Varieté-Schau „Auf Wiedersehen im Metropol“ und der Premiere des Films „Fabiola“ strömten die Stuttgarter in Massen.

So blieb es bis in die 50er Jahre, als das Metropol die Starbühne Stuttgarts und Württembergs war. Hier spielten die Wiener Philharmoniker, hier tanzte Marika Rökk, hier feierte man viele Filmpremieren, hier blickte man vom Dachcafé des Metropol auf die sich langsam erholende Stadt.

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