1868 hat König Karl auf der Dornhalde über dem Stuttgarter Kessel einen Schießplatz für seine Garnison errichten lassen. Den Soldaten standen Schießbahnen zur Verfügung, die jeweils 400 Meter lang waren – geschützt vom Wald sollte die Bevölkerung von der Knallerei nicht zu viel hören. Ein Garnisonsschützenhaus, das sich noch heute unterhalb des 1974 angelegten Friedhofs befindet, beherbergte die Kantine der Truppe und das Wohnhaus des Schießplatzaufsehers. Der Ort hat auch deshalb Geschichte geschrieben, weil hier 1977 die drei RAF-Mitglieder Gudrun Ensslin, Andreas Baader und Jan-Carl Raspe beerdigt wurden.
„Wir haben keine Terroristen – nur Tote“
Auf Friedhöfen informiert meist am Eingang ein Schaukasten, wo sich besondere Gräber befinden. Nicht so auf der Dornhalde. Von Besuchern wird eine Frage immer wieder gestellt: „Wo sind die Terroristen begraben?“ Der Friedhofsaufseher antwortet in der Regel so: „Wir haben keine Terroristen – nur Tote.“
Auch nach Ende der Monarchie, als sich die königliche Garnison aufgelöst hatte, ist auf der Dornhalde geschossen worden. Die Nazis ließen hier Todesurteile vollstrecken. Über die Anzahl der Opfer war bisher nur wenig bekannt. Die Geschichtswerkstatt Degerloch hat herausgefunden, dass 31 Regimekritiker hier hingerichtet wurden, wie Bertram Maurer unserer Redaktion berichtet. Die Todesurteile seien oftmals in ehemaligen Villen von Juden gefällt worden. Eine Ausstellung informiert nun mitten in der Degerloch in der Großen Falterstraße 4 darüber.
Eines der Opfer ist der 1909 geborene Stuttgarter Josef Martus, der als Hauptwachtmeister der Polizei arbeitete und am 10. August 1942 im Alter von 33 Jahren auf der Dornhalde erschossen wurde. Die Nazis warfen ihm „homosexuelle Handlungen“ vor und verurteilten ihn nach dem menschenverachtenden Paragrafen 175 zum Tode.
1937 trat er in den NSDAP ein
Die Initiative Nur der Liebe wegen hat die Lebensgeschichte von Josef Martus recherchiert. 1936 hatte er Charlotte Spindler geheiratet, ein Jahr später kam ihr Sohn zur Welt. Josef Martus trat 1937 in die NSDAP ein. Im April 1938 wurde er zur Schutzpolizei Heidelberg versetzt, 1940 nach Straßburg. 1942 hat man ihn im Elsass festgenommen.
Grund für die Verhaftung war die Anzeige seiner Ehefrau, die ihrem Mann vorwarf, eine homosexuelle Beziehung zu Eugen Eggermann zu führen. Dieser wurde ebenfalls festgenommen. Kennen gelernt hatten sich die Männer in einer Gaststätte. Als die Familie von Josef Martus nach Straßburg nachzog, stritt sich das Ehepaar so sehr, dass der Ehemann beschloss, zu Eggermann zu ziehen. Seine Frau rächte sich und zeigte ihn an.
Was im Protokoll steht
Laut der Protokolle der Polizei sagte Josef Martus damals: „Ich entsinne mich, daß ich nach mehrmaligen Zusammentreffen mit Eggermann anlässlich meines Geburtstages am 1. April 1941 zum ersten Male homosexuelle Beziehungen hatte und zwar in der Weise, daß wir in der Nacht uns zusammen ins Bett legten. An diesem Tage war ich stark angetrunken […]. In der Folgezeit traf ich dann mit Eggermann des Öfteren in seiner Wohnung zusammen, […] Die letzten homosexuellen Beziehungen hatte ich nach meiner Erinnerung mit ihm vor etwa drei bis vier Wochen. […] Ich sehe ein, daß ich mich durch mein Verhalten als Polizeibeamter schwer strafbar gemacht habe.“
Die Initiative „Der Liebe wegen“ will Menschen, die wegen ihrer Liebe und Sexualität ausgegrenzt und verfolgt wurden, Gesicht und Stimme geben. Erinnerungen an die Repressalien sollen zur Wachsamkeit mahnen. Die Historiker haben eine digitale Gedenkkarte ins Netz gestellt, eine schmerzhafte Auflistung des Unrechts, das staatliche Behörden über Generationen an queeren Menschen begangen haben. Vollständig wurde der im Kaiserreich eingeführte Paragraf 175 erst im Jahr 1994 abgeschafft.
Nach dem Nazireich absolvierten US-Soldanten Schießübungen auf der Dornhalde, ehe das Gelände in Bundesbesitz überging. Das Garnisonsschützenhaus wurde zu einer privat betrieben Gaststätte, aber nicht lange. Der 2016 gegründete Verein Raum für Stille hat dort einen Ort der Begegnung geschaffen. Der Dornhaldenfriedhof ist auf dem ehemaligen Schießplatz 1974 angelegt worden. Das düstere Kapitel dieses Waldgebiets mit den Exekutionen soll mit der Ausstellung weiter aufgearbeitet werden.
Die Ausstellung „Opfer der Militärjustiz – Hinrichtungen auf der Dornhalde“ ist vom 14. April bis zum 28. Juli immer sonntags in der Geschichtswerkstatt Degerloch, Große Falterstraße 4, geöffnet.