Die Eberhardstraße soll die City lebenswerter machen – mit weniger Autos, mehr Passanten, mehr Fahrrädern. Im Graf-Eberhard-Bau lockt die Pop-up-Pizzeria Ciao Amore, in der Nähe klafft ein großes Bauloch. Wie sah die Straße mit der Peep-Show früher aus?
Uwe Bogen
22.11.2023 - 06:00 Uhr
Die Eberhardstraße ist nach Graf Eberhard im Bart benannt, der von 1445 bis 1496 lebte. Heute soll diese Straße zwischen Breuninger und Tagblattturm zum Vorbild von ganz Stuttgart werden. Wo eine autofreie Flaniermeile und Fahrradstraße mit viel Außengastronomie die Lebensqualität in der City steigern soll, ist in den 1970ern eine „Sensation aus Amerika“ gelandet, wie es damals hieß. Die Frauenbewegung lief Sturm, als eine neue Einrichtung für die männliche Triebabfuhr eröffnet wurde.
An der Eberhardstraße befand sich eine Peep-Show. Damals, also vor fast fünf Jahrzehnten, war diese Straße eine Hosenstraße. Bei Hosen-König oder Hosen-Eck gab’s Umkleidekabinen, gleich daneben ganz andere Kabinen, in die nur Männer durften. Frauen mussten draußen bleiben – zumindest als Kundinnen.
„Wir gingen zu viert in eine Peep-Show-Kabine und flogen raus“
Die Automaten mit Klappen kamen einer Gelddruckmaschine gleich. Im Stuttgarter Rathaus gingen in 1970ern etwa 40 Anträge pro Jahr auf Genehmigung einer Peep-Show ein – die Beamten ließen aber nur zwei Stripläden dieser Art gewähren. Dort gab es in den abschließbaren Kabinen Sehschlitze. Wenn man eine Mark einwarf, öffneten die sich. Der Besucher konnte auf eine Drehscheibe blicken, auf der sich nackte Tänzerinnen rekelten. „Bevor wir die Boa besuchten, sind wir da alle rein“, berichtet eine Zeitzeuge im Internetforum des Stuttgart- Albums, „wir gingen zu viert in eine Kabine und flogen raus.“ Die Boa, den Dino unter den Discos, gibt es immer noch. Peepshows mit Live-Darbietung sind ausgestorben.
1982 befand das Bundesverwaltungsgericht in Berlin, dass die „Zurschaustellung nackter weiblicher Körper in dieser Form“ gegen die „guten Sitten“ verstoße. Zuvor hatten mehrere Instanzen nichts Verbotenes an Voyeur-Kabinen erkennen können. Die Frauen präsentierten sich ja freiwillig. Stuttgart widersetzte sich jahrelang den Verboten. Der „Spiegel“ meinte, den Grund zu kennen: „Bei den Schwaben kämpfen die Fremdenwerber gegen den Ruf an, in der Stadt gebe es überhaupt kein Nachtleben.“
Zunächst müsse die Rechtslage geprüft werden, erklärte damals Gerhard Goller vom Amt für öffentliche Ordnung. Man setzte auf eine friedliche Einigung, um einen teuren Gerichtsstreit zu vermeiden. Die beiden Peepshows durften bis Ende des Pachtvertrags im Jahr 1987 weitermachen.
Gegenüber befand sich und befindet sich noch heute der zwischen 1907 und 1908 erbaute Graf-Eberhard-Bau, der unter Denkmalschutz steht. Im Jugendstil entstand das Gebäude als Abschluss der dahinter liegenden Altstadtsanierung durch den Verein für das Wohl der arbeitenden Klassen unter Eduard Pfeiffer. An der Stelle von 87 baufälligen Häusern, die teilweise noch aus dem Mittelalter stammten und schlimme hygienische Zustände aufwiesen, entstanden 36 neue Gebäude mit 141 Arbeiterwohnungen. Architekt war Karl Hengerer.
In der Blütezeit des Jugendstils wurde auf die plastische Bauausschmückung großen Wert gelegt. Die Häuser haben deshalb wunderschöne Portale, Erker und Figuren in der Fassade. Im Graf-Eberhard-Bau befindet sich seit September eine neue Attraktion mit Szenefeeling: Jan Munkwitz und Max Benzing, bekannt vom Studio Amore, bieten im früheren Steakhaus, in ihrem Pop-up-Restaurant Pizzen auf dem neapolitanischen Ofen an.
Wenige Meter weiter klafft auf derselben Straßenseite ein großes Bauloch, an dem nichts vorangeht. Vier Giebel, so nennt sich das Projekt der Immobilienabteilung der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW). Büros, Wohnungen und Gastronomie sollen dort entstehen, wo einst eine Tanzschule residiert und sich die Eiermann-Kachelfassade des Kaufhofs über die Straße spannte. Noch ist der Bauantrag aber nicht genehmigt. Für bundesweite Schlagzeilen sorgte die Eberhardstraße auch wegen langer Schlangen vor der Ausländerbehörde.
Wo sich einst die Vereinigten Hüttenwerke befanden, also nach dem Krieg gebaute Baracken, ist in den 80ern das Schwabenzentrum an der Eberhardstraße entstanden. Heute stehen hier viele Läden leer.
Das Schocken wurde 1960 abgerissen
Der große Wurf, den etliche User unseres Geschichtsprojekts Stuttgart-Album beim Schwabenzentrum vermissen, ist weiter oben auf der Eberhardstraße gelungen. „Stuttgart empor!“ – so lautete die Überschrift des „Neuen Tagblatts“ im November 1928 bei der Eröffnung seines Neubaus. Architekt Ernst Otto Oßwald erklärte seinen Tagblatt-Turm so: „Das ist kein Kirchturm früherer Zeiten mehr, der sich in Himmelbläue verliert, auch kein Aussichts- und Festungsturm, sondern ein erdverbundenes Haus, menschlicher Arbeit und menschlichem Wollen gewidmet, ein sieghaftes Zeichen unserer kämpfenden Zeit.“
Der Kampf um das Kaufhaus Schocken, das ebenfalls 1928 an der Eberhardstraße eröffnet worden ist, ging jedoch verloren. Im Mai 1960 ist das markante Gebäude abgerissen worden. OB Arnulf Klett wollte die Eberhardstraße für Autos verbreitern – der Mendelssohn-Bau stand im Weg. Der Denkmalschutz schien den meisten Gemeinderäten egal. „Ein Akt des Vandalismus“, erzürnte sich das Museum of Modern Art in New York.