Stuttgart-Bad Cannstatt Mehr Wertschätzung für die Altenpflege

Von Janey Schumacher 

Der Fachkräftemangel in der Altenpflege ist in aller Munde und auch in den Einrichtungen im Stadtbezirk ein Thema – und das nicht erst, seit die politische Debatte darüber neu entfacht ist.

In der Altenpflege werden dringend Fachkräfte gesucht. Foto: dpa
In der Altenpflege werden dringend Fachkräfte gesucht. Foto: dpa

Bad Cannstatt - Der Fachkräftemangel in der Altenpflege ist in aller Munde und auch in den Einrichtungen im Stadtbezirk ein Thema – und das nicht erst seit die politische Debatte darüber neu entfacht ist. „Grundsätzlich ist der Markt seit Jahren leer gefegt“, sagt Rada Dinkelacker-Strika, Einrichtungsleiterin des Haus im Sommerrain. Das Problem verschärfe sich jedoch seit etwa fünf Jahren. Die Einrichtungen im Stadtbezirk sind zwar noch nicht direkt betroffen, wie die Verantwortlichen sagen, dennoch „sinkt die Anzahl hoch qualifizierter Bewerber in letzter Zeit“, sagt Bernd Kux, Pflegedienstleiter im Altenburgheim. Um dem entgegenzusteuern, wird zum Beispiel verstärkt ausgebildet.

Die Ursachen des Fachkräftemangels in der Altenpflege sind vielfältig: Die Anzahl an Pflegeangeboten wächst, die Menschen werden immer älter und der Bedarf steigt deshalb. Außerdem gebe es in Stuttgart nahezu Vollbeschäftigung, sodass die meisten Pflegekräfte beschäftigt seien, sagt Dinkelacker-Strika. Um den Arbeitsplatz in der Altenpflege für Bewerber attraktiv zu machen, unterstützen viele Einrichtungen die Pflegekräfte, etwa bei der Wohnungs- oder Kitaplatzsuche, durch Fortbildungen oder gesundheitliche Beratung. Außerdem wird versucht, die Dienstzeiten möglichst familien- und freizeitfreundlich zu gestalten.

Pflege macht keine Betriebsferien

Da Pflege jedoch keine Betriebsferien macht und „das ganze Jahr über Spitzenzeiten abdecken muss“, wie Susanne Sieghart, Leiterin der Seniorenhilfe im Anna-Haag-Mehrgenerationenhaus sagt, ist das nicht so einfach. Zudem seien die Gehaltunterschiede zwischen Berufen in der Industrie und in sozialen Bereichen, wie etwa in der Altenpflege zu groß, sagt Dinkelacker-Strika. Der Bruttoverdienst – abhängig von Berufserfahrung und Einrichtung beträgt in Baden-Württemberg im Durchschnitt etwa 2800 Euro. Ein einheitlicher Tarifvertrag, wie er derzeit politisch diskutiert wird, sei „aber schon einmal ein Schritt in die richtige Richtung“, sagt Bernd Kux. Allein durch höhere Bezahlung könne jedoch niemand motiviert werden, in der Altenpflege zu arbeiten, sagt Sabine Blank, Geschäftsführerin des Evangelischen Vereins. Denn Fachkräfte müssen sich für den Beruf interessieren und diesen begeistert ausüben, sagt sie.

Den Verantwortlichen der Einrichtungen in Bad Cannstatt ist es wichtig, das Problem des Fachkräftemangels in der Altenpflege gesamtgesellschaftlich zu betrachten. Denn alles habe sich in den vergangenen Jahren verändert: die Bewerber, die Bedürfnisse der zu Pflegenden sowie die Gesellschaft. Es gebe daher keine Universallösung, sagt Susanne Sieghart. Das Problem müsse auf unterschiedlichen Ebenen angegangen werden. Zum Beispiel müsse das Image des Altenpflegeberufs in der Gesellschaft verbessert werden, sind sich die Verantwortlichen einig. Sie prangern auch die Berichterstattung an. „Wenn über Altenpflege in den Medien berichtet wird, ist es meist negativ“, sagt Susanne Sieghart. Diejenigen, die den Beruf ausüben, würden die Wertschätzung dafür oft vermissen, sagt auch Dinkelacker-Strika.

Um Schüler über den Altenpflegeberuf zu informieren, bieten die Einrichtungen Praktika an, sind auf Ausbildungsmessen vertreten, besuchen Schulen im Rahmen von Berufsorientierungstagen und veranstalten Tage der offenen Tür, um „die Realität im Altenheim zu zeigen“, wie Blank sagt. Aktuell wird auch diskutiert, Pflegekräfte verstärkt aus dem Ausland anzuwerben. Diese Idee ist jedoch nicht neu: „Wir sind seit fünf Jahren an einem Projekt im Ausland beteiligt“, sagt Markus Bartl, Leiter der Villa Seckendorff. Im Zuge dessen wurde im Kosovo jetzt eine Altenpflegeschule besucht. Dort hätten 5 von 100 Absolventen eine Chance auf einen Arbeitsplatz in ihrem Heimatland, denn die Arbeitslosigkeit bei Jugendlichen betrage 50 Prozent. „Da ist was möglich“, sieht Bartl gute Chancen. Auch in Ländern wie Serbien, Montenegro und Mazedonien werde geschaut. „Man muss aktiv werden“, betont der Einrichtungsleiter. Beim Thema Ausbildung in Deutschland fehlt es jedoch an Freiwilligen. Und wer sich interessiert, wird häufig von der langen Ausbildungszeit abgeschreckt. Denn diese beträgt für ausländische Bewerber vier Jahre. Die Besuche im Ausland würden zwar erste Früchte tragen, dennoch reiche dies nicht aus, um den Personalmangel zügig zu beheben.

Suche nach Personal im Ausland

„Auch wir suchen immer aktiv“, sagt Michel Hömke vom Pflegestift Münster. Seit Jahren laufen Bemühungen, werden Annoncen in den Medien geschaltet, soziale Plattformen wie Facebook genutzt, über Mitarbeiter Werbung gemacht. Dienste für Menschen, der Träger des Pflegestifts, ist jetzt auch im Ausland aktiv. Seine Regionalleiter-Kollegen hätten bereits erste Bewerbungsgespräche geführt. Doch es gibt auch Schwierigkeiten bei der Integration der Arbeitskräfte, sei es wegen Sprachbarrieren oder bürokratischer Hürden: „Zum Beispiel bei der Aufenthaltsgenehmigung“, sagt Kux. Das Anwerben ausländischer Pflegekräfte verschaffe daher oft nur kurzfristig Abhilfe. Die Verantwortlichen sehen dabei auch das Problem kultureller Unterschiede, die mitunter nicht innerhalb kürzester Zeit überwunden werden könnten.

Das Problem des Fachkräftemangels in der Altenpflege ist zwar in der aktuellen Debatte angekommen und bestimmt die Schlagzeilen, doch was künftig geschehen wird, dahinter steht ein großes Fragezeichen.

Sonderthemen