Stuttgart-Buch Was die Stadt unsichtbar zusammenhält

Von Petra Mostbacher-Dix 

Die Autorin Annik Aicher ist für ihr neues Buch dahin gegangen, wo es dunkel und eng ist: Für „Stuttgart von unten“ hat sie den Untergrund der Stadt erforscht.

  Foto: Petra Mostbacher-Dix
  Foto: Petra Mostbacher-Dix

S-West - Ratten hat sie keine getroffen. Aber Sekt schlürfende Kellerpilze, „Bücher, die hinter Gittern leben und Einhörner, die Heavy Metal hören“. So beschreibt Annik Aicher im Vorwort ihres Buches „Stuttgart von unten“ (Belser Verlag) ihre „Entdeckungen im Untergrund“. Dass sie sich einmal in diesen Hades unter der Landeshauptstadt hinabwagen würde, hätte die Stuttgarter Autorin und Videojournalistin nicht gedacht: „Ich habe Klaustrophobie, mag es eigentlich nicht, mich durch enge Gänge im Dunkel zu quetschen – der Mensch ist nicht konditioniert, unterirdisch zu sein, wir brauchen Luft und Licht.“

Eigentlich wollte sie einen Wanderführer schreiben. Doch in Dirk Zimmermann, Redakteur und Projektleiter bei Belser, gärte längst das Konzept, die Stadt unter ihrer Oberfläche zu erforschen. Aicher sagte zu, stellte sich ihren Ängsten und tauchte ab – mit Block, Stift und Kamera. „Das fasziniert ja auch. Ich bin neugierig, wollte kennenlernen, was da unten passiert.“

Unter der Oberfläche

Und da „gluckst, sprudelt, rattert, klirrt, zischt und wummert“ es so viel, dass Aicher ihre Auswahl zwangsläufig auf 20 Stationen beschränkte, in und um Stuttgart. Manche der Orte ist per Führung zu erschließen oder einfach so, andere sind wiederum nur im Notfall zugänglich oder gar nicht öffentlich. Dazu gehören der Reinsburgstollen beim Schwabtunnel und der Frischluftkanal des Wagenburgtunnels. Aufgeteilt hat sie ihre Entdeckungen in vier Kapitel: Stadtleben unter der Erde, Kultur im Verborgenen, Feiern im Keller und Ausflüge in die Tiefe. „Ich wollte wissen, was die Stadt unten zusammenhält, etwa die Wasser- und Abwasserkanäle, Mineralquellen oder Bunker, aber auch was kulturell und gesellschaftlich tief geht – um es weniger mit Daten als in Geschichten dem Leser nahe zu bringen.“

Der spürt im Rettungsstollen des Wagenburgtunnels förmlich die Vibrationen des Verkehrs über ihm, der über einer gerade mal 45 Zentimeter dicken Betondecke donnert. Unter der Stiftskirche wiederum ruhen die Gebeine derer aus dem Hause Württemberg nur wenige Schritte vom Kirchencafé entfernt. Im Bauch der Stadt liegen aber auch Bücher: 97 Prozent der rund sechs Millionen Medien in der Württembergischen Landesbibliothek lagern im Tiefgeschoss. Und vier Etagen unter Tageslichtlevel werden in den Tonstudios des SWR unter anderem spezielle Geräusche aufgenommen. „Heu oder ein altes Tonband, zwischen den Fingern zerrieben, wird zum Knistern einer brennenden Zigarette“, beschreibt Aicher. Geräusche, die man auch im Universum kennt, zumindest im Raucherraum. Das Besondere an dem Club ist indes, dass er unter dem Charlottenplatz liegt, von den Bundesstraßen 14 und 27 übertost wird. Der Sphäre der ewigen Ruhe wiederum frönt Gaby Vernaleken. Sie machte aus der einstigen Kulturkneipe Feuilleton Keller in der Haußmannstraße ihre „Gruft“, eine Kulturkneipe, „für Gothic, Blackmetal, Deathmetal, Darkwave“ und Rockbands aller Art.

Klaustrophobe Autorin

Anders geht es im Böblinger Wald zu. Dort wollte sich Aicher auf Pirschgänge des Tunnelsystems, das Herzog Carl Alexander 1733 bis 1736 anlegen ließ, begeben. Seit dem Tod des Adeligen bröckeln sie vor sich hin, gehören heute zum Gelände der US-Army. Eigentümerin ist das Bundesamt für Immobilienaufgaben in Karlsruhe. Und keiner fühlte sich zuständig für die Besuchsanfrage der Autorin. Fotos und Infos bekam sie von Rolf Gastel. Der Nabu-Vorsitzender der Gruppe Filderstadt und Leinfelden-Echterdingen bemüht sich seit Jahren darum, dass die Pirschgänge restauriert werden.

Bleibt die Frage: Was nimmt man aus dem Unten ins Oben? „Die Klaustrophobie bleibt, man geht nur logischer damit um“, sagt Aicher. „Ich einen großen Respekt für alle, die da unterirdisch die Stadt am Laufen halten. Dazu gehört viel Technik.“ Daher sei ihr noch etwas anderes aufgefallen: „Der Untergrund ist nach wie vor männlich.“

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