Stuttgart-Degerloch Gefühlter Verlust wegen Kirchenfusion

Von Tilman Baur 

Kirchengemeinden aus Stuttgart-Degerloch und Stuttgart-Süd fusionieren zum Anfang des nächsten Jahres. Gegen diese Entscheidung gibt es nun neuen Protest – das ist überraschend, weil die Fakten schon lange auf dem Tisch liegen. Was ist da los?

Der Haigst gilt als Grenzgebiet zwischen Degerloch und Stuttgart-Süd. Foto: Tilman Baur
Der Haigst gilt als Grenzgebiet zwischen Degerloch und Stuttgart-Süd. Foto: Tilman Baur

Degerloch/Stuttgart-Süd - Die Fusion der Degerlocher Haigstgemeinde mit der Markusgemeinde im Stuttgarter Süden ist längst beschlossen. Auf einer Gemeindeversammlung hatte die Pfarrerin Anja Wessel im vergangenen Herbst alles Wesentliche dazu gesagt: Im Rahmen des Pfarrplans fällt die halbe Stelle der Haigstgemeinde bis zum 31. Dezember 2024 weg.

Zum 1. Januar des kommenden Jahres fusionieren Haigst- und Markusgemeinde zur neu gegründeten „Evangelischen Kirchengemeinde Markus-Haigst“. Prognosen zufolge soll die Haigstgemeinde im Jahr 2024 etwa 670 Mitglieder haben, die fusionierte Gemeinde mit den 3200 Mitgliedern der Markusgemeinde dann etwas weniger als 4000.

Die Pfarrerin sieht es positiv

Bereits vor einem Jahr zeigte sich Anja Wessel zufrieden mit dem Schritt, konnte ihm sogar Positives abgewinnen: So stehe das Kirchengebäude nicht zur Disposition, bleibe als Predigtstätte erhalten, zudem sei die Seelsorge weiterhin gewährleistet. Mehr noch: Weil durch die Fusion die Verwaltungsaufgaben gebündelt würden, entstehe gar mehr Freiraum für geistliche Arbeit.

Die Ansichten über den Schritt der Kirche klaffen jedoch weit auseinander. Das haben Stellungnahmen der Degerlocher Bezirksbeiräte in der letzten Sitzung verdeutlicht. Das Kulturamt hatte das Gremium darum gebeten – überraschend spät, steht der Schritt doch bereits lange fest.

Die Lage des Haigsts ist nicht eindeutig

Die Kirche argumentiere wirtschaftlich, sagte Götz Bräuer (CDU), der die Fusion monierte. „Es ist schade, dass die Kirche nicht schon vor Jahren die Chance genutzt hat, die Haigstkirche nach Degerloch zu holen“, so Bräuer, der anregte, den Schritt noch einmal zu überdenken. Hintergrund seiner Aussage: Obwohl der Stadtteil Haigst und das Gemeindegebiet dem Stadtbezirk Degerloch angehören, ist die Gemeinde nicht Teil des Dekanatsbezirks Degerloch – oder zumindest nicht eindeutig.

Das verdeutlicht die Internetseite der Evangelischen Kirche in Stuttgart, die die Haigstgemeinde sowohl unter „Kirchengemeinden im Stadtbezirk Degerloch“ als auch „Kirchengemeinden im Stadtbezirk Stuttgart-Süd“ aufführt. „Kennzeichen der oberhalb der Stuttgarter City und unterhalb Degerlochs gelegenen Gemeinde ist das ‚Leben auf der Grenze‘“, heißt es dort.

Am Zugehörigkeitsgefühl der Mitglieder der Haigstgemeinde gab es indes nie Zweifel: Es galt stets Degerloch. So schlugen die anderen Räte in ihrem Bedauern in die gleiche Kerbe wie CDU-Sprecher Bräuer: Unisono drückten sie ihr Bedauern über den – zumindest gefühlten – Verlust aus und darüber, dass die Kirche nicht frühzeitig die Bezirksgrenzen so verändert habe, dass die Haigstgemeinde eindeutig zu Degerloch gehöre.

Die Stadträtin sah sich gezwungen, aufzuklären

So sprach Grünen-Sprecher Michael Huppenbauer davon, die Gemeinde „nach Degerloch holen“ zu wollen. Thilo Roßberg (FDP) und Michael Köstler (SÖS/Linke-plus) pflichteten bei. Über die Gemeindeversammlung im vergangenen Herbst verlor dabei niemand ein Wort – so konnte man angesichts der Äußerungen der Bezirksbeiräte den Eindruck gewinnen, die Kirche hätte die Entscheidung völlig an den Gemeindemitgliedern vorbeigetroffen.

So sah sich Betreuungsstadträtin Maria Hackl (SPD) genötigt, noch während der Sitzung einiges zurechtzurücken. Sie stellte klar, dass man die Gemeinde sehr wohl befragt habe, die Fusion am Ende eines einvernehmlichen Prozesses gestanden habe und der Betrieb in der Haigstkirche aufrechterhalten werde.

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