Stuttgart-Degerloch Nach 47 Jahren ist im Waldheim Schluss

Von Ralf Recklies 

Helga Bäker hat seit 1972 alljährlich in der Küche des Waldheims in Stuttgart-Degerloch mitgearbeitet. Nur einmal konnte sie nicht – doch sie fand würdigen Ersatz.

Helga Bäker (vorne)  und Christine Stiefel mit Jürgen Möck, dem Leiter des Degerlocher Waldheims, bei einem fürs Foto gestellten Kücheneinsatz. Foto:  
Helga Bäker (vorne) und Christine Stiefel mit Jürgen Möck, dem Leiter des Degerlocher Waldheims, bei einem fürs Foto gestellten Kücheneinsatz. Foto:  

Degerloch - Die Waldheimarbeit scheint eine Art Jungbrunnen zu sein. Zu diesem Schluss muss kommen, wer mit den agilen Seniorinnen Helga Bäker und Christine Stiefel über ihre Waldheim-Zeit spricht. Beide haben jahrelang zum festen Waldheim-Küchenteam in Degerloch gehört. Die heute 84-jährige Christine Stiefel bis zum vergangenen Jahr, Helga Bäker seit 1972 bis zu ihrem wohl letzten Einsatz vor wenigen Wochen. „Irgendwann muss ja mal Schluss sein“, sagt die 83-jährige Helga Bäker, die 46 Mal jeweils bei der ersten der jährlich zwei Waldheim-Freizeiten in der Küche stand.

Nur ein Mal war sie wegen einer Erkrankung nicht dabei. „Da bin ich dann eingesprungen“, sagt Helga Bäkers Mann Siegfried und verrät, gleich wieder vom Waldheim-Virus infiziert gewesen zu sein. Wieder, weil der heute 81-Jährige die Degerlocher Einrichtung im Weidachtal bereits als Kind mit Freude besucht hatte. Aus dem Einspringen für seine Frau wurden schließlich 21 Jahre in Folge, in denen er im Degerlocher Waldheim mithalf– und teilweise parallel dazu auch noch im benachbarten Waldheim Möhringen.

Denn während die einen Enkel der Bäkers die Degerlocher Einrichtung in Trägerschaft der evangelischen Kirche nutzten, verbrachten die anderen einen Teil ihrer Ferienzeit im Möhringer Waldheim auf der gegenüberliegenden Seite der Epplestraße. Beide Einrichtungen brauchten Unterstützung, „da habe ich dann morgens in dem einen, nachmittags in dem anderen Waldheim geholfen“, sagt Siegfried Bäker. Für ihn war allerdings aus gesundheitlichen Gründen schon vor knapp zehn Jahren Schluss mit dem ehrenamtlichen Engagement. Geblieben sind aber viele gute Erinnerungen an die Waldheim-Zeit – ob in der Jugend oder als Ehrenamtler im höheren Erwachsenenalter.

Siegfried Bäker war teils in zwei Waldheimen parallel im Einsatz

An solchen mangelt es auch Helga Bäker und Christine Stiefel nicht. Viele Zentner Kartoffeln haben die beiden im Laufe der Jahre geschält, unzählige Salatköpfe geputzt oder Linsen und Spätzle mit Saiten nebst Maultaschen in großen Mengen zubereitet. Zudem haben sie sich „während des Elf-Uhr-Lochs“, wie Christine Stiefel verrät, zur Motivation auch mal ein Gläschen Sekt gegönnt. „Das habe ich bis heute beibehalten“, sagt Stiefel und lacht. Mit ihrem Mann setze sie dieses Ritual inzwischen zuhause fort.

Obwohl die in Hoffeld lebende Christine Stiefel dieses Jahr nicht mehr zum Küchenteam gehörte, hat sie mehrfach mitgeholfen. So, als es galt, „Massen von Kartoffeln noch warm für den Kartoffelsalat zu schälen“, sagt sie. Der, so schwärmen das einst in Degerloch und heute in Möhringen wohnende Ehepaar Bäker und Christine Stiefel gleichermaßen, sei „unerreicht“.

Der Anfang von Helga Bäkers Waldheim-Karriere begann 1972 ganz klassisch: „Als ich meine Kinder angemeldet habe, wurde ich gefragt, ob ich auch mithelfen könne“, erinnert sich die 83-Jährige. Eine bis heute gängige Methode, um ehrenamtliche Mitarbeiter zu gewinnen, wie Diakon Jürgen Möck bestätigt. Bäker sagte zu – und blieb.

Getränke zum Essen waren einst tabu

Im Laufe der Jahre hat sich einiges verändert, wie Helga Bäker berichtet. „Zum Frühstück gab es früher nur Doppelwecken und Kakao“, erinnert sie. Heute erhalten die bis zu 400 Kinder wechselnde Angebote: mal Müsli oder Cornflakes, mal Brot mit Nutella oder Marmelade. Außerdem waren früher Getränke zum Essen tabu. Auch gab es nach dem Kakao am Morgen nur noch Früchtetee – und dies nur zu bestimmten Zeiten. Heute indes ist Mineralwasser mit Sirup der Renner. „Vor allem Waldmeistersirup ist angesagt“, sagt Bäker. Möck ergänzt: „Und Getränke sind für die Teilnehmer heute immer verfügbar.“ Beliebt bei fast allen Besuchern sei seit Jahren „der Erdbeerschlabber mit gerösteten Haferflocken“, sagt Bäker. Die Einsatztage während der Waldheim-Zeit waren dabei alles andere als ein Zuckerschlecken: täglich von 6.30 Uhr bis 19.30 Uhr.

„Früher ist in der Küche auch viel gesungen worden“, erinnern sich Bäker und Stiefel. Das gebe es heute kaum noch. Bei den Kindern sei das Singen aber immer noch beliebt, sagt Jürgen Möck. Er hat als Gemeindediakon seit inzwischen 17 Jahren die Waldheimleitung inne. Nicht nur in der Waldheim-Küche habe es trotz der vielen Arbeit immer viel Spaß gemacht. Auch habe das Team immer tolle Ausflüge im Nachgang gemacht, teils sogar zweitägig. In diesem Jahr geht es laut Jürgen Möck für die Wamis, wie die Walheimmitarbeiter heute genant werden, zur Bundesgartenschau nach Heilbronn.

Schön finden Bäker und Stiefel, dass jeweils am letzten Waldheimtag sich viele aktuelle und ehemalige Küchenteam-Mitarbeiter zum Kaffee treffen. In früheren Jahren habe es auch gegenseitige Einladungen der Waldheim-Küchenteams von Degerloch und Möhringen gegeben. Das sei aber schon Jahre her. Auch wenn für Helga Bäker nun Schluss ist, kann sie den Satz einer früheren Mitstreiterin nur unterstreichen: „Ein Sommer ohne Waldheim ist einfach kein Sommer.“

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