Stuttgart: Drogenhändler vor Gericht 100 Kilo Kokain für Polizei besorgt

Von George Stavrakis 

Ein Mann aus Bonn soll 100 Kilogramm Kokain aus Südamerika nach Deutschland gelotst haben. Er sagt, er sei mehr oder weniger von der Polizei angestiftet worden.

Das LKA präsentierte nach dem Fund die 100 Kilo Kokain, die in Bananenkisten geschmuggelt wurden. (Symbolfoto) Foto: dpa
Das LKA präsentierte nach dem Fund die 100 Kilo Kokain, die in Bananenkisten geschmuggelt wurden. (Symbolfoto) Foto: dpa

Stuttgart - Die ganze Geschichte hört sich an wie eine Räuberpistole. Da ist die Rede von goldenen Rolexuhren mit Diamanten, von Luxusautos mit Diplomatenkennzeichen, von konspirativen Treffen in Stuttgart, Frankfurt und Marokko, von Drogenbaronen und von einem verdeckten Ermittler des Landeskriminalamts (LKA) Baden-Württemberg. „Das war irgendwie James-Bond-mäßig“, sagt der Angeklagte, der mit Fußfesseln vor die 5. Strafkammer des Landgerichts geführt wird.

Der Angeklagte, ein 38-jähriger Mann aus Bonn mit marokkanischen Wurzeln, erzählt ohne Punkt und Komma. Er sei im April 2018 von einem Bekannten mit einem mysteriösen Mann in Kontakt gebracht worden. Dieser Mann sei ein Abgeordneter des EU-Parlaments, er stamme aus Stuttgart und sei eine „ganz große Nummer“, habe man ihm gesagt. Dieser Mann mit diamantenbesetzter Golduhr, Diplomatenauto und Bodyguard könne in vielerlei Hinsicht behilflich sein.

100 Kilo Kokain erreichen Hamburg

„Ich dachte, er könne mir günstig teure Mercedes für meine Autovermietung vermitteln“, so der Angeklagte. Beim ersten Treffen in Frankfurt Mitte April 2018 habe der Mann mit angeblichem Namen Rico gesagt, er könne die Flughäfen Baden-Baden und Stuttgart sowie die Seehäfen Hamburg und Bremerhaven anbieten.

Egal, was man ins Land bringen wolle – Menschen, Waffen, Organe, Tomaten oder Drogen –, er bringe die Ware aus dem Zollbereich heraus. Dafür wolle er pro Lieferung eine halbe Million Euro, soll der Mann gesagt haben, so der 38-Jährige. Ob der Angeklagte die jeweiligen Kontakte herstellen könne? 17 solcher geheimen Treffen soll es gegeben haben, sagt Verteidiger Markus Bessler. Und tatsächlich: Der 38-Jährige kannte jemanden, der jemanden kannte, der wiederum jemanden kannte. Am Ende erreichten 100 Kilo Kokain auf dem Seeweg den Hamburger Hafen.

Laut Staatsanwaltschaft habe der Angeklagte in Verbindung gestanden mit einem kolumbianischen Drogenhändler und dem Europa-Chef eines südamerikanischen Drogenkartells. Der 38-Jährige soll als Mittelsmann fungiert haben.

Die erste Lieferung sollte zum Flughafen Frankfurt gehen, was aber verworfen worden sei. Zu gefährlich. Der Seeweg sei sicherer, die Tausenden Container könnten so gut wie nicht kontrolliert werden. Außerdem werde Rico dafür sorgen, dass alles in Ordnung geht.

Rico entpuppt sich als Polizist

Als das Kokain Mitte Dezember 2018 angelandet war, ließ sich der Angeklagte ein Zehn-Kilo-Päckchen davon geben. Er wolle es verkaufen und mit dem Erlös Rico für seine Dienste bezahlen. Jetzt schlug die Polizei zu. Der 38-Jährige wurde festgenommen, das Rauschgift beschlagnahmt. Und Rico, der angebliche EU-Politiker mit besten Verbindungen und mit einer angeblich gehörigen Portion krimineller Energie, entpuppte sich als verdeckter Ermittler des LKA Baden-Württemberg.

Die objektiven Tatumstände würden von ihrem Mandanten eingeräumt, er habe Beihilfe geleistet, sagen die drei Verteidiger. Trotzdem wollen die Anwälte, dass das Verfahren eingestellt wird. Das LKA habe seinen verdeckten Ermittler in „rechtsstaatlich unzulässiger Weise“ auf den 38-Jährigen angesetzt. Dies stelle ein Verfahrenshindernis dar. Der Prozess wird fortgesetzt.

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