Der Lern- und Erinnerungsort Hotel Silber Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
Polizeizentrale Württembergs, Schaltzentrale des Bösen im nationalsozialistischen Deutschland, erneut Polizeizentrale, dann Sitz des Innenministeriums und seit 2018 Lern- und Gedenkort – das Hotel Silber ist Spiegel der Geschichte.
Nikolai B. Forstbauer
02.12.2023 - 23:42 Uhr
Ein zehnjähriger Junge begleitet seinen Vater am 13. November 1939 in ein Gebäude in der Stuttgarter Innenstadt. Dass fünf Tage zuvor im Münchner Bürgerbräukeller ein Bombenattentat seines Onkels Georg Elser auf Adolf Hitler scheitert, weiß der Junge nicht. Auch dass der Vater von zwei Männern aus ihrer Wohnung geholt wird, beunruhigt ihn nicht. Der Junge soll beim Pförtner warten, die beiden Männer gehen mit seinem Vater die Treppe nach oben, während im Erdgeschoss reges Treiben herrscht. „Es war“, erinnert sich Franz Hirth Jahrzehnte später, „ein ständiges Kommen und Gehen“ – und „nichts“ habe „darauf hingedeutet, was in diesem Gebäude geschieht“.
Die Episode ist fast eine Randnotiz in der Dauerausstellung des 2018 eröffneten Lern- und Gedenkortes Hotel Silber am Charlottenplatz in Stuttgart. Und doch steht sie für das Selbstverständnis einer Einrichtung, die sich in kürzester Zeit zu einer festen Größe der Aufarbeitung der Schrecken des Nationalsozialismus entwickelt hat. „Der Erinnerungsort Hotel Silber ist ein Erfolgsmodell“, würdigt denn auch Baden-Württembergs Kunststaatssekretär Arne Braun (Grüne) die als Außenstelle des Haus der Geschichte betriebene Einrichtung. Und Braun fügt Eckpunkte der Entstehungsgeschichte und der Zielrichtung des Lern- und Erinnerungsortes Hotel Silber zusammen, wenn er sagt: „Durch die institutionalisierte Bürgerbeteiligung ist hier ein einzigartiges Projekt entstanden. Besonders wichtig ist uns dabei auch die Kooperation mit der Polizei, die wir über die Jahre hinweg ausgebaut und intensiviert haben.“
Innenminister Thomas Strobl Foto: dpa/Sebastian Gollnow
Für Baden-Württembergs Innenminister Thomas Strobl (CDU) haben sich die Anstrengungen gelohnt. „Ich bin sehr dankbar“, sagt Strobl unserer Zeitung, „dass sich die ehemalige Gestapozentrale ‚Hotel Silber‘ in Stuttgart zu einem Lern- und Gedenkortes gewandelt hat, in dem das Haus der Geschichte und Studentinnen und Studenten der Polizei wissenschaftlich zusammenarbeiten“. Und der stellvertretende Ministerpräsident fügt hinzu: „Die Konfrontation mit den Verbrechen des Nationalsozialismus ist wichtig, um das Verständnis für Freiheit, Gleichheit und Demokratie innerhalb der Polizei gezielt zu fördern.“
Gegen rechtsextremes Gedankengut
Für Landespolizeipräsidentin Stefanie Hinz hat die Zusammenarbeit mit dem Lern- und Erinnerungsort Hotel Silber heute besondere Qualität. „Seit fünf Jahren“, sagt Hinz unserer Zeitung, „leistet das Hotel Silber mit seiner Dauerausstellung wichtige Arbeit bei der Vermittlung von demokratischen Werten und Regeln und zeigt uns ganz plastisch die Folgen auf, die durch rechtsextremistisches Gedankengut entstehen können“. Und Hinz betont: „Gerade für unsere Polizistinnen und Polizisten, die unsere individuellen Grundrechte, unsere Demokratie und unseren Rechtsstaat schützen, ist der Besuch des Hotel Silber und der Austausch über die Geschichte wichtig und eindrücklich. Daher werden wir auch weiterhin diese wertvolle Kooperation mit dem Haus der Geschichte Baden-Württemberg pflegen.“
Das normal Böse in der einstigen Gestapo-Zentrale – verdichtet sich aus Hunderten von Porträts Foto: HdG/Daniel Stauch
Bei dieser Kooperation erfahren die Polizistinnen und Polizisten auch, dass es zwar den Lern- und Erinnerungsort Hotel Silber erst seit 2018 gibt, dass aber bereits Mitte der 1970er Jahre und seinerzeit initiiert durch die Jungsozialisten, ein Ort der Erinnerung an die Schrecken während des Nationalsozialismus gefordert wurde. Mitte der 1980er Jahre wird die Forderung erneut aktuell – vor allem die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes engagiert sich für eine Identifikation des einstigen Schreckensortes.
Polizeilisten für Hitler-Deutschland
Gasthof, Hotel, Operpostdirektion, dann Sitz des Polizeipräsidiums Stuttgart und der Landesabteilungen der Politischen Polizei – das Hotel Silber hat eine bewegte Geschichte hinter sich, als Adolf Hitler, Vorsitzender der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei, am 30. Januar 1933 von Reichspräsident Paul von Hindenburg zum Reichskanzler ernannt wird. Das Ermächtigungsgesetz vom 24. März 1933, beschlossen einzig gegen die Stimmen von SPD und KPD im Berliner Reichstag, macht den Weg für den Einparteienstaat und die NS-Diktatur frei. Bei der Verfolgung demokratischer Kräfte spielen bereits vor 1933 angelegte Beobachtungslisten eine entscheidende Rolle – umso mehr, als die Politische Polizei sich personell kaum verändert. Beides dokumentiert die Dauerausstellung im Lern- und Erinnerungsort akribisch. Ebenso die bittere Kontinuität in der Verfolgung der Homosexualität.
Homosexualität als Kranken- und Strafsache Foto: HdG/HdG
Einzigartig ist heute die Trägerschaft des Lern- und Erinnerungsortes Hotel Silber durch das Land Baden-Württemberg, die Stadt Stuttgart und die Initiative Lern- und Gedenkort Hotel Silber. Weithin einzigartig ist aber auch die Kontinuität nach dem Zusammenbruch Hitler-Deutschlands. Nicht 1949, wie es eine Erinnerungstafel skizziert, sondern bereits 1945 wird aus dem Hotel Silber heraus, von 1936 an Sitz der direkt aus Berlin gelenkten Geheimen Staatspolizei, unter alliierter Aufsicht wieder Polizeiarbeit geleistet. In dieser Kontinuität an die beschlossenen, unterschriebenen und realen Schrecken in der Dorotheenstraße zu erinnern, schien lange unmöglich. Wohl auch deshalb sagt Elke Banabek, Geschäftsführerin der Initiative Lern- und Gedenkort Hotel Silber, sie könne noch gar nicht glauben, dass die Eröffnung des Lern- und Gedenkortes schon fünf Jahre zurückliege. Tatsächlich hat sich dieser in kürzester Zeit etabliert uns ist heute mit zahlreichen Veranstaltungen ein zentrales Forum der Stadtgesellschaft.
Hart erstrittenes Forum
Fast in Vergessenheit gerät darüber, dass dieses Forum hart erstritten ist. 2008 vorgestellte Pläne für eine Neuordnung des gesamten Quartiers sahen einen Abriss und eine Neubebauung vor. Wie auch an anderen Eckpunkten des Stadtgefüges war es der 2020 gestorbene Architekt Roland Ostertag, der öffentlich für einen Erhalt des bis 1984 durch die Polizei, dann durch das Innenministerium genutzten Gebäudes plädierte, und es war der Kabarettist, Autor und Theatermacher Peter Grohmann, der die Aufarbeitung des Geschehens im einstigen Hotel Silber von 1933 bis 1945 als zwingend propagierte. 2011 war das Etappenziel erreicht: Die neue Landesregierung aus Grünen und SPD beschloss den Erhalt des Gebäudes und die Einrichtung eines an das Haus der Geschichte angedockten Lern- und Gedenkortes. Für Stuttgarts Kulturamtsleiter Marc Gegenfurtner ein doppelter Erfolg: „Wir sehen hier“, sagt Gegenfurtner, „dass das Engagement der Zivilgesellschaft Orte schützen und Stadtgebiete entwickeln kann.“
Neue Ziele für den Ort der Täter
Der Lern- und Gedenkort Hotel Silber ist ein Ort der Täter. Wurden die Beteiligten nach 1945 bestraft? Dieser Frage geht von 7. Dezember an „Gestapo vor Gericht“, die erste Sonderausstellung im Lern- und Gedenkort Hotel Silber nach. Paula Lutum-Lenger blickt derweil noch weiter nach vorne: Sie will „den Virtuellen Geschichtsort Hotel Silber neu einrichten“ – und für das intensive Erleben der Dauerausstellung neue Sprachformate ausprobieren. Beides zielt auf eine noch mehr in die Breite wirkende Vermittlungsarbeit. Ein Ansatz, der für Brigitte Lösch unerlässlich ist. „Wir wollen“, sagt die Vorsitzende der Initiative Lern- und Gedenkort Hotel Silber, „gesellschaftliche Entwicklungen mit Wissen um Geschichte diskutieren“. Dies sei, so Lösch weiter, „gerade jetzt – in einer Zeit, in der Antisemitismus, Rassismus und rechtsextremes Gedankengut zunehmen – nötiger denn je.“
Das ist das Hotel Silber
Lern- und Gedenkort Seit der Eröffnung als Erinnerungsort am 4. Dezember 2018 ist das „Hotel Silber“ eine Außenstelle des Hauses der Geschichte Baden-Württemberg. Ein Team der Institution erarbeitet die Ausstellungen und Medien des Hauses und vermittelt die Themen. Dabei unterstützt und berät die Initiative Lern- und Gedenkort Hotel Silber. Sie hatte den Erhalt des Gebäudes als Erinnerungsort erkämpft, den Bürgerbeteiligungsprozess ins Rollen gebracht und geprägt. Zusammen mit weiteren Partnern bieten die Initiative und das Haus der Geschichte ein vielfältiges Programm an. Zu mehr als 130 Veranstaltungen kamen bisher fast 5000 Gäste.
Digitale Angebote Insgesamt besuchten in den ersten fünf Jahren rund 84 000 Menschen den Erinnerungsort Hotel Silber. Die Corona-Zeit, die schon 15 Monate nach Eröffnung begann, hat nicht nur diese Zahl stark beeinflusst, sondern auch das Angebot. Die erste Sonderausstellung „15:14 – 15 ehemalige Verfolgte und 14 ehemalige Verfolger bei der Stuttgarter Kripo nach 1945“ war und ist digital. Auch der Web-Audioguide, digitale Führungen, Vorträge und Diskussionen sind zum Teil während der Pandemie entstanden und dauerhaft online abrufbar.
Das Jubiläum Die Vielfalt der Aktivitäten im „Hotel Silber“ spiegeln auch die Jubiläumstage wider: Von musikalischen Mittagspausen (7. und 14.12., jeweils 12.30 Uhr) und dem Swingfest (9.12., 19 Uhr) über mehrere Kurzführungen am Mittag (12.30 Uhr) durch die neue Sonderausstellung „Gestapo vor Gericht“ und einen Blick hinter die Kulissen (10.12., 16 Uhr) bis zum Speakers‘ Corner (11. und 13.12., jeweils 17 Uhr) und einem Podiumsgespräch mit Rück- und Ausblick zum Erinnerungsort (Montag, 11. Dezember, 18 Uhr bis 19.30 Uhr, unter anderen mit Kunststaatssekretär Arne Braun) bieten das Haus der Geschichte und die Initiative ein Dutzend Programmpunkte.