Von der Hinrichtung zur Bücherei
Beispiele? So steht am 12. Juli: „Wegen des in der Adolf-Hitler-Kampfbahn stattfindenden Endspiels um die Deutsche Handballmeisterschaft verhängte der Sportbereich Württemberg ein generelles Spielverbot für alle Sportarten. Vor 15 000 Zuschauern siegt die Polizeimannschaft von Magdeburg mit 6:5 gegen Mannheim Waldhof.“ Und direkt danach unter 13. Juli: „49 Juden, darunter mehrere Stuttgarter, werden vom Israelitischen Gemeindehaus aus in der Hospitalstraße nach Auschwitz deportiert. Staatssekretär Waldmann und OB Dr. Strölin geben 28 höheren flämischen Beamten einen Empfang.“ Seit Langem weiß man, dass die deportierten Juden ermordet wurden und dass Staatssekretär Karl Waldmann, der zweite Mann hinter Reichsstatthalter Wilhelm Murr, an der Spitze der Naziherrschaft im Südwesten stand, es ihm aber gelang, im Entnazifizierungsverfahren als „Mitläufer“ eingestuft zu werden. Davon kein Wort in der Chronik.
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Oder am 16. Juli: „Hinrichtung eines vom Sondergericht Stuttgart wegen schwerer Beschimpfungen des deutschen Volkes und Aufforderung zu Sabotagehandlungen zum Tode verurteilten 27-jährigen polnischen Arbeiters.“ Im nächsten, viel längeren Absatz unter dem gleichen Datum: „Aus Erhebungen der Gustav-Siegle- und der Mörike-Bücherei ergibt sich, dass die Nachfrage nach Sachbüchern bei jugendlichen Lesern ständig wächst. In 90 von 100 Fällen erstreckt sich das Interesse auf nur 10 Angebote (bei einer Auswahl von 25 Sachgebieten); erst bei den Erwachsenen verteilen sich die Interessen über die gesamte Breite des Schrifttums.“ Wie in anderen Städten auch war die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und der Verstrickung darin in Stuttgart über Jahrzehnte kein großes Thema. Erst als es darum ging, die Chronik der Stadt für die Zeit von 1933 bis 1945 zu verfassen, rückte die Nazizeit in den Fokus – der Umgang damit geriet zum kommunalpolitischen Streitfall. Den ersten Auftrag, eine Chronik zu verfassen, erhielt die im Stadtarchiv arbeitende Historikerin Maria Zelzer, die schon 1964 das bis heute als Grundlagenwerk gerühmte Buch über „Weg und Schicksal der Stuttgarter Juden“ veröffentlicht hatte, was ihr viele Anfeindungen aus einflussreichen, aber durch ihre Rolle in der Nazizeit belasteten Kreise einbrachte.
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Das Ergebnis der Recherchen Zelzers wollte die Stadt, die „mehr Mut zum Weglassen“ forderte, nicht veröffentlichen – das Buch erschien erst 1984 mit dem Titel „Stuttgart unterm Hakenkreuz“ dank einer privaten Initiative. Danach wurde der damalige Stadtarchivdirektor Kurt Leipner beauftragt, die Chronik zu schreiben. Er entschied sich mit Unterstützung des Oberbürgermeisters Manfred Rommel und des Kulturamtsleiters für die Form eines chronologischen Tageskalenders, bei dem er sich vor allen auf Meldungen der gleichgeschalteten lokalen NS-Presse bezog. Auf die Anhörung von Zeitzeugen, auf die Berichte von Augenzeugen und auf die Auswertungen weiterer Quellen, selbst im Archiv der Stadt, verzichtete er weitgehend. Allen voran der Einzelstadtrat Eugen Eberle vom Parteifreien Bündnis, der als Kommunist 1933 einige Zeit von den Nazis im KZ Heuberg gefangen gehalten wurde und von 1948 bis 1984 im Gemeinderat saß, und die SPD-Fraktion bezogen vehement Position gegen diese Art der Chronik. Auch unsere Zeitung kritisierte das Konzept und sprach davon, dass „sich darin Banales mit Fehlerhaftem mischt, sich Ungenaues und schlichtweg Fehlendes zu einem schiefen Bild gruppieren“. Allerdings stellte sie auch fest, dass die Stadtverwaltung und der Gemeinderat es über Jahre versäumt hätten, das Stadtarchiv personell und finanziell ausreichend für diese Aufgabe auszustatten.
R0mmel verteidigt die Chronik
Trotz aller Debatten und harscher Kritik von namhaften Wissenschaftlern, wie beispielsweise dem Historiker Eberhard Jäckel von der Universität Stuttgart, entschied eine Gemeinderatsmehrheit aus CDU, Freien Wählern und FDP, die Chronik zu veröffentlichen. Auch Rommel verteidigte die Konzeption: „Wer der Chronik vorwirft, dass sie keine wertende Einführung in die NS-Zeit sei, wirft ihr vor, dass sie nicht das ist, was sie nicht sein will und nicht sein kann.“ Unsere Zeitung kam zu einem anderen Schluss, als die fast 1200 Seiten dicke Chronik am 29. Januar 1983 ohne große Vorankündigung für 42 Mark in den Handel ging: Dabei handele es „sich keineswegs um den gelungenen Versuch von Vergangenheitsbewältigung, sondern weit eher um das unbefriedigende Ergebnis jahrzehntelangen Streitens um ein Werk, das früher oder später einer angemessenen Ergänzung bedarf“.
Stadt unterstützt Projekte zur NS-Zeit – aber nur kurz
Das war insgeheim wohl auch die Meinung im Rathaus. 1988 erschien, von der Stadt gefördert, die allseits gelobter Doktorarbeit „Stuttgart zur Zeit des Nationalsozialismus“ des heutigen Stadtarchivars Roland Müller, der damals zu den Kritikern der offiziellen Chronik gehörte. Auch die fünfteilige Ausstellungsreihe über die NS-Zeit des Projekts Zeitgeschichte von 1982 an beschäftigte sich mit Stuttgarts braunen Jahren.
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Politisch genehm war das freilich noch immer nicht: Das vielfach gerühmte Projekt wurde jäh gestoppt, weil die Stadt befürchtete, die drei Wissenschaftler fest anstellen zu müssen, und den Geldhahn zudrehte. Aber das ist eine andere Geschichte in der an Streit und Blamagen nicht armen Beschäftigung Stuttgarts mit seiner Vergangenheit.