Stuttgart im Wandel Das Ende der Abrissstadt steht bevor

Abrisse prägen bis heute Stuttgarts Stadtkern. Doch nun läuft eine Bauwende an. Foto: Imago/Arnulf Hettrich/Collage: Jana Gäng

Ist Stuttgart eine Abrissstadt? Ein neuer Blick auf Abrisse lässt nur eine Antwort zu. Denn in Stuttgart bahnt sich eine historische Wende an, die nicht nur Abrisse verändern wird – sondern auch, wie wir bauen und denken.

Ist Stuttgart eine Abrissstadt? Mehr als eine Frage ist es ein Vorwurf, der am Beginn einer Serie dieser Zeitung stand – gleichsam vorgebracht von dem inzwischen verstorbenen Architekten Roland Ostertag, einer Ausstellung der Architekturgalerie am Weissenhof und Stuttgarter Bürgerinnen und Bürger. Erstmals haben wir die Abrissdaten der Stadt seit den 1980ern ausgewertet. Sie zeigen, dass Stuttgart heute so wenig abreißt wie seit Jahrzehnten nicht – und doch mehr als andere ähnlich große Städte in Deutschland. Geblieben ist die Frage: Sind 50 Abrisse in Stuttgart im Jahr 2022 – ein Tiefstwert – zu viele?

 

Lange konnten es in Stuttgart gar nicht genug Abrisse sein. Abriss des Alten, das war in der Nachkriegszeit gleichbedeutend mit Fortschritt – je flächendeckender, desto besser. Das änderte sich mit den 1970ern, der ersten Abrissrevolte, in Europa angestoßen mit dem Jahr des Denkmals. Altstädte wurden zu etwas Schönem, das es zu bewahren galt. Stadtbildprägende Architektur der Vergangenheit geriet vom Überholten zur Ressource – und der Begriff der Abrissstadt zum Vorwurf. Zu viel erschien nun jeder Abriss, hatte das Gebäude einen kulturellen Wert für Architektur oder Identität einer Stadt. Unter Baubürgermeister Hansmartin Bruckmann begann Stuttgart in den 80ern, sein bauliches Erbe auch rechtlich zu schützen.

Bürger kämpfen seit 70ern für bauliches Erbe

Doch die Wertschätzung ging und geht tiefer als auf Verwaltungsebene. Das dokumentieren unzählige Kämpfe von Bürgerinnen und Bürgern gegen Abrisse. Jane Jacobs, Journalistin und Anwohnerin im New Yorker Greenwich Village, wurde in den 60ern zum Sinnbild, als sie an der Spitze einer Bürgerbewegung gegen den Plan des Stadtplaners Robert Moses kämpfte, rund 80 Prozent der Bausubstanz im Viertel abzureißen und durch Hochhäuser mit immer gleichen Ziegelfassaden zu ersetzen. Auch das Stuttgart-Archiv unserer Zeitung ist gefüllt mit Geschichten von Protest und Rettungen.

Nicht immer ist die Stadt gut mit ihrem baulichen Erbe umgegangen. Das 1960 abgerissene Kaufhaus Schocken, erbaut von Erich Mendelsohn, wäre heute wohl eines der bedeutendsten Dokumente des Neuen Bauens. Und das Wangener Tor, einst von Stuttgarter Jugendlichen miterbaut und von der Stadt 2022 überraschend abgerissen, war zwar kein Architekturjuwel, aber mit seinen absurd-wunderbaren Türmchen doch Kunstwerk und Wahrzeichen des Stadtteils. Es waren wohl die Abrisse solcher im Stadtbild und -gedächtnis verankerter Gebäude, die den Vorwurf der Abrissstadt auslösten.

Aktivistin und Journalistin Jane Jacobs kämpfte in den 60ern gegen den Abriss eines Großteils des New Yorker Viertels Greenwich Village. Foto: Imago

Vor einigen Monaten ging es nun wieder um ein Gebäude auf der Abrissliste, das seit Jahrzehnten zum Stadtleben gehört – die Schleyerhalle. Ihren Protest begründete die Stuttgarter Ortsgruppe von Fridays for Future aber nicht mit dem kulturellen Wert der Halle. Es ging ihnen um Klimaschutz. Immerhin wären für einen Neubau Ressourcen, Energie und Emissionen nötig. Der Streit zeigt ein neues Verständnis davon, wie viele Abrisse zu viele sind – und ist Ausdruck einer sich anbahnenden, zweiten Abrissrevolte.

Statt nur kulturell wertvoller, historischer oder schöner Gebäude ist in diesem Denken jedes Gebäude eine Ressource der Stadt; allein deshalb, weil beim Bau Ressourcen hineingesteckt wurden. Damit ist jeder Abriss einer zu viel, hätte das entsprechende Gebäude auch umgenutzt, umgebaut, kurz, erhalten werden können. Wer so argumentiert, wendet den Blick vom einzelnen Abriss hin zu einem systematischen Problem.

Sobek: Abrisse verursachen fünf Prozent klimaschädlicher Emissionen

Dieses Problem steckt für Klima und Erde im Erst-Abriss-dann-Neubau-Standard. 60 Prozent der klimaschädlichen Emissionen weltweit verantworte die Baubranche, schreibt der Stuttgarter Architekt und Ingenieur Professor Werner Sobek im ersten Teil seiner Reihe „Non nobis – über das Bauen in der Zukunft“. Beim Abriss und Rückbau fallen rund fünf Prozent dieser weltweiten klimaschädlichen Emissionen an, schätzt Sobek – etwa, wenn Lkws Schutt und Abfall von der Baustelle fahren, teilweise bis ins Ausland. Noch mehr Emissionen brauche der anschließende Neubau (17 Prozent). Auch hier müssen Baustoffe wie Stahlbeton und Bauteile wie Fenster oder Solaranlagen produziert und dann herangefahren werden. Schon bevor die Bewohner einziehen, stecken damit in jedem Bau sogenannte graue Emissionen und Energie – wird das Gebäude abgerissen, sind sie nicht nur verloren, sondern werden für den nächsten Bau wieder fällig. Fallbeispiele zeigen, dass Umbau statt Abriss und Neubau bis zu 60 Prozent der grauen Emissionen sparen könnte, so Sobek.

Hinzu kommt, dass Recycling zwar zum Lieblingswort der Branche geworden ist. Doch nur ein Bruchteil der ursprünglichen Materialien und Teile ist nach dem Abriss zum Hochbau neuer Gebäude wiederverwendbar. Zu viel lässt sich zwischen Lack, Kleber und Schäumen nicht mehr voneinander trennen – oder als Kleinstteil gar mehr auffinden. Die Baubranche frisst mindestens die Hälfte des weltweit verbrauchten Materials, so Sobek. Was der Erde an Rohstoffen entnommen wird, ist laut dem International Resource Panel der Vereinten Nationen längst nicht mehr nachhaltig – und doch soll sich ihre Menge von 2015 bis 2030 verdoppeln. Materialien wie Lithium werden laut Sobek bald nicht mehr in der nachgefragten Menge verfügbar sein. Klar ist: Das Ende der Abrissstädte ist irgendwann keine Frage des Wollens mehr.

Architekten fordern Ende des Abreißens

Nicht nur das „ob“ des Abreißens beginnt, sich zu ändern. Architekten planen Gebäude immer häufiger so, dass sich die Räume in einer unbekannten Zukunft anpassen lassen und die Lebenszeit eines Hauses sich verlängert. Materialien werden zunehmend digital kartiert und voneinander trennbar verbaut, sodass sie sich beim Abriss auffinden und wiederverwenden lassen. Städte und Länder sind in der Verantwortung, auch bei Anwohnern unbeliebte Standortentscheidungen zu treffen, um Transportwege im Bau etwa zu Recyclingplätzen oder Betonwerken zu verringern.

Das Verständnis darüber sickert ein. Ob die zuletzt in Stuttgart – und laut Statistischem Bundesamt in ganz Deutschland – sinkenden Abrisszahlen das schon widerspiegeln oder nur Ausdruck der Baukrise sind oder ganz andere Gründe haben, lässt sich noch nicht sagen. Doch die Anzeichen einer Abrissrevolte mehren sich. „Die Abreißerei muss ein Ende haben“ forderten der Bund Deutscher Architekten Bayerns und der Bayerische Landesverein für Heimatpflege im Jahr 2022.

Im selben Jahr unterzeichneten Architektinnen und Architekten gemeinsam mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern einen offenen Brief an Bauministerin Klara Geywitz, alle Abrisse zu pausieren. Unter ihnen ist die Architektin und Professorin Martina Baum, die an der Universität Stuttgart lehrt. Ihre Forderung: Abreißen soll nur mit Genehmigung erlaubt sein. Jeder Abrisswunsch eines Eigentümers würde dann von der Stadt auf Gegenargumente geprüft – also ökologische, soziale und kulturelle Aspekte sowie die Möglichkeit zum Erhalt. Denn dass je nach Fall auch Abriss und Neubau eines energiesparenden Gebäudes sinnvoll sein kann, bestreitet wohl keiner.

Es gibt kaum Daten zum Abrissproblem

Unternehmen haben ebenfalls reagiert: Neue Märkte und Berufsfelder sind entstanden. Das Schweizer Büro Zirkular hat kürzlich eine Stelle in der Gebäudedokumentation ausgeschrieben, um im Bestand verbaute Teile zu analysieren und zu kartieren. Das belgische Unternehmen Rotor Deconstruction sammelt und sortiert Bauteile nach dem Abriss und verkauft sie anschließend – ob Keramikfliesen oder Massivholztüren.

Seit Kurzem trommeln Teile der Branche auch abseits von Fachkreisen um Aufmerksamkeit für das Abrissproblem. In Stuttgart-Rot durften vor einem Abriss im vergangenen Jahr Bürgerinnen und Bürger Mobiliar und Bauteile von Türgriffen bis Kühlschränke ausbauen. Das Projekt ist Teil der IBA. Mit dem Abriss-Atlas starteten Verbände und Organisationen kürzlich ein Kartenprojekt. Das Ziel: Abrisse deutschlandweit abzubilden. Dass beteiligte Organisationen wie der Bund Deutscher Architektinnen und Architekten dafür Bürgerinnen und Bürger bitten müssen, Abrisse in ihrer Nachbarschaft einzutragen, zeigt, wie schwer es ist, Abrisse systematisch statt als Einzelfall zu problematisieren.

Belgien ist ein Vorreiter im Recycling von Bauteilen. Die Fensterrahmen des Europa-Gebäudes in Brüssel sind Second Hand. Der Entwurf kommt vom belgischen Architekturbüro Samyn and Partners. Entstanden ist eine neue Ästhetik der Collage. Foto: Philippe SAMYN and PARTNERS architects & engineers, Lead and Design Partner. With Studio Valle Progettazioni architects, Buro Happold Limited engineers/Quentin Olbrechts

Denn die Städte erfassen nur wenige Daten zu den – prinzipiell genehmigungsfreien – Abrissen. Wie viele unter dem Sammelbegriff „Bauabgang“ verzeichnete Gebäude sind tatsächlich Abrisse? Wie viele genehmigungsfreie Abrisse tauchen in der Stuttgarter Statistik nicht auf? Wie groß ist der Anteil abgerissener Gebäude am Bestand aller Gebäude in Stuttgart? All das lässt sich mit den Daten des Statistischen Amts Stuttgarts nicht beantworten. Und damit auch nicht, wie groß das Stuttgarter Abrissproblem eigentlich ist.

Auch auf nationaler Ebene war und ist die Politik auf Neubau gebürstet. Obwohl der Bausektor die eigenen Klimaziele verlässlich riss, fehlten staatliche Anreize zum Umbau statt Abriss. Besonders attraktiv wären wohl schnellere Genehmigungsverfahren bei Umbauprojekten. Graue Emissionen aus der Bauphase bleiben bei Vorgaben zum Energiestandard unbeachtet – und so blieben sie in den vergangenen Jahrzehnten unverändert oder stiegen sogar, während die gesetzlich geregelten, in der Wohnphase anfallenden Emissionen abnahmen, wie eine Studie zeigt.

Revolte im Schneckentempo in der Politik

Dem Risiko der Kostenexplosion bei Umbauten könnte der Staat Förderprogramme entgegensetzen. Zwar sind Umbauprojekte in Deutschland im Schnitt um zwei Drittel günstiger als es Neubauten derzeit sind, so ein Bericht der Arbeitsgemeinschaft für zeitgemäßes Bauen (ARGE) aus dem Jahr 2022. Doch sie gleichen auch einer Wundertüte. Auf welche Herausforderungen und Abweichungen von heutigen Normen ein Bauherr in alten Gemäuern trifft, lässt sich oft im Vorhinein nicht sagen.

Doch auch auf oberster Politikebene setzt, wenn kein Umdenken, zumindest ein Mitdenken ein. In diesem Jahr sind zwei Förderprogramme des Bundesbauministeriums hinzugekommen, die Wohnen und Bauen im Bestand bezuschussen. Anders als bei Neubauten bekam im Bestandsbau lange nur Unterstützung vom Staat, wer sein Zuhause altersgerecht umbauen wollte. In diesem Jahr verbilligt der Staat erstmals auch den Zinssatz, wenn Gewerbe und Büros in Wohnraum umgewandelt werden oder junge Familien Bestandsimmobilien kaufen.

Die meisten staatlichen Förderprogramme kurbeln allerdings weiterhin den Neubau an. Das überrascht kaum. Woher sonst sollen die 800 000 Wohnungen kommen, die in Deutschland fehlen?

Vier Millionen Wohnungen gäbe der Bestand her

Der Abriss der alten Bauten lockt, holen diese doch oft nicht das Maximum an Wohnungen aus der Fläche heraus, die sie verbrauchen. Doch auch im Bestand ginge noch einiges. Mehr als vier Millionen Wohnungen ließen sich mit Aufstockungen bestehender Gebäude, Nachverdichtung und Umnutzung bis 2040 in Deutschland schaffen, analysiert die ARGE. Dass besonders der Umbau leer stehender Büroflächen zu Wohnungen Potenzial in der Wohnungskrise hat, folgert auch eine Berechnung des Immobilienspezialisten Jones Lang LaSalle aus diesem Jahr. Immerhin bleiben seit der Corona-Pandemie immer mehr Menschen im Homeoffice. In Stuttgart könnten die leer stehenden Büros sogar die Hälfte des Wohnungsbedarfs stillen, so die Studie. Rund vier Prozent der Büroflächen der Stadt standen im Jahr 2022 leer – und damit ein Prozent mehr als im Vorjahr, wie der Büromarktbericht der Stadt zeigt.

Ist Stuttgart auch mit 50 Abrissen im Jahr eine Abrissstadt? Klar ist die Antwort für diejenigen, die in Zeiten der Klimakrise jeden Abriss für zu viel halten, anstelle dessen auch Erhalt oder Umbau möglich gewesen wären. Wie weit diese neue, zweite Abrissrevolte geht, wird sich zeigen. Zwischen 50 und 100 Jahren liegt die übliche Lebensspanne eines Wohngebäudes – Tendenz abnehmend, so die Kritik. Das bedeutet, dass bald Eigentümer der in Deutschland so zahlreichen Nachkriegsbauten vor der Entscheidung stehen: Abriss und Neubau oder Sanierung? Spätestens dann reicht die seit den 70ern verankerte Wertschätzung des Alten nicht mehr aus, um vor dem Abriss zu retten. Als besonders schön gelten die Nachkriegsbauten den meisten nämlich nicht.

Anmerkung: Die Angaben zum künftigen Bedarf an Lithium und Holz und zum Emissionsaufkommen beim Neubau wurden präzisiert.

Ist Stuttgart eine Abrissstadt?

Serie
In der Serie „Ist Stuttgart eine Abrissstadt?“ zeigen wir, wie viel in Stuttgart in den vergangenen Jahrzehnten abgerissen worden ist, wie Abrisse das Stadtbild verändert haben und was das für die Menschen in Stuttgart bedeutet.

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