Benno Pfeiffer, Sohn des Bildhauers Alois Pfeiffer, mit Stuckateur Alfons Schaller (rechts), der beim Wiederaufbau des Neuen Schloss mitgearbeitet hat. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski/Finanzministerium
Der Wiederaufbau des Neuen Schlosses war nach dem Krieg heftig umstritten. Stuckateure von damals erzählen von ihrer diffizilen Arbeit in den 50ern. Bald wird der Mitteltrakt saniert. Dies könnte zu einem neuen Anlauf für ein Bürgerschloss werden.
Auf der Kuppel des Neuen Schlosses, wo heute meist die Landesfahne weht, befand sich früher eine riesige Krone. Die ist in der Kriegsnacht des 2. März 1944 donnernd zerkracht. Sechs Sprengbomben der Alliierten gingen auf die einstige Pracht der Herzoge und Könige nieder, zerstörten die hölzerne Dachkonstruktion des Marmorsaals, stundenlang loderten vor nunmehr 80 Jahren die Flammen in den Innenräumen.
Fast nur noch die Außenfassade des Schlosses blieb stehen, doch auch etliche Dachskulpturen aus dem 18. Jahrhundert widerstanden dem Angriff. Jahrelang ist nach Kriegsende diskutiert worden, ob man die Ruine aufbauen oder abreißen sollte etwa für den Neubau des Landtags, für ein Mineralbad, für ein Kurhotel oder ein Kaufhaus. Die Demokratie, so argumentierte die eine Seite, bräuchte nicht die Repräsentationspracht einer Monarchie. Andere riefen dazu auf, die Vergangenheit zu erhalten und zu ehren, um damit für die Zukunft zu lernen.
Einig waren sich zumindest wohl alle darin, dass die Krone nicht zurückkehren sollte auf die Schlossspitze. Sie musste also nicht rekonstruiert werden. Anders freilich war dies bei den zerstörten Dachskulpturen und Deckengemälden, die nach der 1955 mit nur einer Stimme Mehrheit im Landtag beschlossenen Sanierung neu aufgebaut und nachempfunden werden sollten.
Die Stuckateure bei der Arbeit am Neuen Schloss Ende der 50er /Finanzministerium
In den 50ern also begann die große Stunde der Bildhauer und Stuckateure. Für viele Jahre sollten sie sehr beschäftigt sein. Im Ehrenhof errichteten die Bautrupps ihre Hütten. Erneuert werden mussten unter anderem etliche überdimensionale Skulpturen, die als Allegorien und Personifikationen die Tugenden des Regenten, des württembergischen Volkes und der wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Stärken des einstigen Herzogtums Württembergs zeigen sollten.
Wenn Zeitzeugen erzählen
Als Patricia Peschel, die Historikerin und Oberkonservatorin des Finanzministeriums, vor einigen Monaten eine Gruppe durch das Neue Schloss führte, war sie überrascht, dass ältere Herren dabei waren, die beim Wiederaufbau mitgearbeitet hatten. „Es war wunderbar, dass sich die Zeitzeugen noch an so viele Details erinnerten“, sagt sie. Jetzt hat das Ministerium die Stuckateure von einst oder deren Nachkommen ins Schloss eingeladen – aber nicht nur, um mit ihnen über die komplizierten Arbeiten von einst zu reden, sondern auch, um ihnen auch drei Gipsmodelle aus dem Jahr 1960 anzuvertrauen, nach denen die Skulpturen angefertigt worden sind. Sie sollen demnächst in Neuhausen ausgestellt werden, um die historische Stuckateurs-Kunst zu würdigen.
Der heutige 86-jährige Alfons Schaller, der aus einem Familienunternehmen mit langer Tradition stammt, erinnert sich daran, dass viele Pläne für die Skulpturen des Neuen Schlosses fehlten. Es gab zum Teil nur Schwarz-Weiß-Fotografien, nach denen man die Figuren nachempfinden musste. Der 1955 geborene Benno Pfeiffer erzählt von seinem Vater Alois Pfeiffer, den man den „Bildhauer mit dem barocken Daumen“ nannte. Der in Lodz geborene Künstler war wesentlich am Wiederaufbau des Neuen Schlosses beteiligt, rekonstruierte Stuckarbeiten aus Fragmenten und fertigte Schablonen an. Das gilt als Glücksfall bei der Sanierung, weil er so schnell perfekt sein konnte. Nach dem Krieg hatte er sehr viel zu tun, um historische Gebäuden neu herzurichten.
„Mein Vater hatte Rokoko im Blut“
Sohn Benno Pfeiffer hat den Vater als Kind bei den Arbeiten oft begleitet. „Mein Vater hatte Rokoko im Blut und Klassizismus in den Fingerspitzen“, sagt er. Männer wie Alois Pfeiffer waren nötig, um das Neue Schloss, heute ein beliebtes Fotomotiv in Stuttgarts Stadtmitte, als Mahnmal zu erhalten. Das zerstörte Schloss stehe sinnbildlich dafür, wohin Faschismus führe, nämlich zu„unendlichem Leid“, erklärt Finanzminister Danyal Bayaz (Grüne). Der Wiederaufbau (1964 war er beendet) für die Demokratie mache deutlich, „dass es sich lohnt, für Demokratie einzustehen und sich für sie zu engagieren.“
Wird das Schloss künftig noch „demokratischer“? Seit Jahren wird darüber diskutiert, wie man den einstigen Sitz der Könige und Herzöge zum „Bürgerschloss“ umwandeln kann. Bald beginnt die Sanierung im zentralen Gebäudeteil, in dem der Ministerpräsident Staatsoberhäupter empfängt. Dort muss für den Brand- und den Denkmalschutz sehr viel getan werden, unter anderem sollen Stromleitungen ausgetauscht werden. Die Kantine der Ministerien wird dann aus dem zweiten Obergeschoss in das Untergeschoss des Planie-Flügels verlegt.
Die alten Herren, die auf Einladung des Finanzministeriums das Neue Schloss besuchen, die Wirkungsstätte ihrer jungen Jahre als Stuckateure oder Bildhauer, betrachten die reich verzierte Decke des Marmorsaals mit einem gewissen Stolz. Das Schloss ist auch ihr Schloss. Die junge Generation verdankt der Aufbau-Generation viel.