Pächter Issam Abdul-Karim im September 2020 vor der Cafébar 1/1 am Weißenhof, die er während seiner Kandidatur fürs Amt des Stuttgarter OB mit Graffiti umgestaltet hatte. In einem Jahr soll das Gebäude abgerissen werden. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
Die Cafébar 1/1 muss einem Info-Zentrum für die Weißenhofsiedlung weichen. Pächter Issam Abdul-Karim will an einem anderen Standort seine Arbeit fortsetzen und hofft auf ein Angebot der Stadt.
Der 100. Geburtstag der Weißenhofsiedlung im Jahr 2027 ist der eigentliche Anlass der Internationalen Bauausstellung in Stuttgart (IBA). Die Entwicklung des Umfelds der ehemaligen Werkbundausstellung nannte der IBA-Leiter Andreas Hofer folglich „eine Herzensangelegenheit“. Zu den Projekten, welche die IBA bis zu ihrem Start realisieren will, gehört auch das neue Besucher- und Informationszentrum für den Weißenhof (BIZ) bei der Kunstakademie.
Dessen Fertigstellung pünktlich zum Start der Architekturschau dürfte den IBA-Machern ebenfalls am Herzen liegen. Schließlich soll es als Anlaufstelle im IBA-Ausstellungsjahr 2027 eine wichtige Rolle spielen. Für den Entwurf und den Bau des BIZ läuft derzeit laut Auskunft der IBA ein sogenanntes Generalübernehmerverfahren. Im Sommer 2024 soll der Zuschlag erteilt werden.
Ein städtebaulicher Wettbewerb zeigte, wie das Infozentrum aussehen könnte. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
An der Stelle des künftigen Empfangsgebäudes steht derzeit noch die Espressobar 1/1, die nach ihrer Adresse am Weißenhof heißt. Das Gebäude, in dem sich zudem eine öffentliche Toilette befindet, gehört der Abfallwirtschaft Stuttgart (AWS). Der Pächter müsse bis zum 30. Juni 2024 wegen der anstehenden Neuentwicklung des Geländes die Bar räumen, heißt es nun von Seiten der AWS. Anschließend sollen die Vorbereitungen für den Abriss beginnen, der für die Jahreswende 2024/25 vorgesehen ist.
Raum für soziale Projekte
Der Pächter Issam Abdul-Karim verweist darauf, dass sein Vertrag offiziell bis Ende 2025 laufe. „Ich kann nicht gekündigt werden“, sagt er und legt Wert auf die korrekte Sprachregelung: Mit der AWS habe er einen Aufhebungsvertrag ausgehandelt. Den Abschluss bestätigt auch eine Sprecherin der AWS.
Der Neuentwicklung des Geländes, betont Issam Abdul-Karim, wolle er keine Steine in den Weg legen. Er merkt aber an, dass das Gebäude, in dem sich heute die Cafébar befinde, bereits für die Werkbundausstellung als Wartehäuschen genutzt wurde und aus seiner Sicht durchaus erhaltenswert sei. Denkmalschutz hat das Gebäude aber keinen, auch wenn es der Künstler Bernhard Pankow 1931 auf einem Gemälde verewigte.
Schleife der Linie 10 mit Wartehäuschen, gemalt 1931 von Bernhard Pankow Foto: Kunstmuseum
„Dieser Ort war schon immer eine Anlaufstelle und ein Treffpunkt“, sagt Issam Abdul-Karim, „mir ist wichtig, dass er unterstützt wird und lebendig bleibt.“ Um das zu untermauern, hat die Espressobar seit einiger Zeit zumindest am Wochenende wieder geöffnet. Als eine Art Concept Store beschreibt Abdul-Karim den Ort, der Raum für DJs, für Ausstellungen und für Infos über Geflüchteten- und Kunst-Projekte bietet, aber auch für den Verkauf von Olivenöl.
Wahlkampfzentrale des OB-Kandidaten
„Ich will hier kreative Ideen und soziale Projekte unterstützen, die auch für Stuttgart wichtig sind“, sagt er und hofft, dass die Stadt ihm einen alternativen Standort anbietet, damit er diese Arbeit fortsetzen könne. Solche Initiativen bräuchten Flächen, auf die man unbürokratisch zugreifen könne und die nichts kosteten, meint Abdul-Karim. Davor hat er das Lokal während seiner Kandidatur für das OB-Amt als Wahlkampfzentrale genutzt; Graffiti wie der Slogan „Einfach machen“ erinnern auf der Außenwand daran. Einen inspirierenden Ton zu setzen sei ihm bis heute wichtig, sagt Abdul-Karim.
Neues WC-Häuschen geplant
Mit der von der AWS anvisierten Schließung der Cafébar wird auch die öffentliche Toilette dort nicht mehr zur Verfügung stehen. Bislang sei der Pächter laut Vertrag verpflichtet, die WCs täglich von 10 bis 18 Uhr für die öffentliche Nutzung zur Verfügung zu stellen, teilt die AWS mit und verweist nach dem 30. Juni 2024 alle Menschen mit dringenden Bedürfnissen auf die nächstgelegene Toilette in der Helfferichstraße 2/1. Mittelfristig sei geplant, in der näheren Umgebung ein neues WC-Häuschen zu erstellen. „Die Abstimmungen über den Standort laufen derzeit. Die Inbetriebnahme ist für den Jahreswechsel 2025/26 eingeplant“, teilte der Abfallwirtschaftsbetrieb mit.
Issam Abdul-Karim 2015 vor der damals roten Fassade der Espressobar Foto: stzn/Benjamin Schieler
Toiletten wird es sicherlich auch im neuen BIZ geben. Den städtebaulichen Wettbewerb gewonnen hat eine Arbeitsgemeinschaft der Stuttgarter Büros Schmutz & Partner, Scala sowie Pfrommer + Roeder. Auf der Basis ihres Entwurfs soll weiter geplant werden. Ausschlaggebend für die Jury war, dass „die mit dem ersten Preis ausgezeichnete Arbeit vielschichtige stadträumliche und architektonische Verknüpfungen zwischen Akademie, Weißenhof- und Beamtensiedlung und der Brenzkirche schafft“.
Großzügiges Entrée für kleinteilige Siedlung
Der IBA-Intendant Andreas Hofer sagt zum kommenden Entrée: „Es ermöglicht außerhalb der kleinteiligen Strukturen der Siedlung eine großzügige Empfangssituation, die räumliche Verhältnisse am Killesberg klärt.“ Die Espressobar ist dann Geschichte.
Info
Bar Das sind die aktuellen Öffnungszeiten der Cafébar am Weißenhof 1/1: Abends gibt es von Donnerstag bis Samstag von 18 bis 23 Uhr Musik und Cocktails, am Samstag und Sonntag ist von 10 bis 15 Uhr Café-Betrieb.
Gebäude Im November 1913 wurde der Weißenhof an die Straßenbahnlinie 10 angeschlossen; im selben Jahr war der Neubau für die „Königliche Kunstgewerbeschule“ bezogen worden. Im Zentrum der Bahnschleife befand sich ein Wartehäuschen, das 2006 zur Eröffnung des Weißenhofmuseums nach einem Entwurf der Kunstakademie in eine Cafébar umgebaut wurde.
IBA Die Internationale Bauausstellung bespielt die Region Stuttgart zum 100. Geburtstag der Weißenhofsiedlung mit unterschiedlichen Projekten wie dem Areal der Neckarspinnerei in Wendlingen. Was konkret in ihr Besichtigungsprogramm kommt, wird sich erst 2026 final entscheiden. Aktuell sind rund 25 Vorhaben in Planung.