Alina verspürt an diesem Abend das erste weihnachtliche Gefühl in diesem Jahr. Das hat die Lange Einkaufsnacht der City Initiative Stuttgart mit ihrem Lichterzauber geschafft. Gerade hat die 33-Jährige mit ihrer Freundin Dominique und deren Söhnchen Joscha gebannt die Lichtshow bewundert, die Säulen und Fassade des Königsbaus in ein mitreißendes Spektakel verwandelt hat. Ein Rausch an Farben und Formen flutet die 110 Meter breite und 20 Meter hohe Fassade, Purpur explodiert, mal schmücken Perlen und Juwelen die Säulen, dann ist es barocker Dekor und das nächste Mal sind es einfach Kringel oder Herzen.
„Seit sechs Wochen haben wir daran gearbeitet“, erzählt der Lichtkünstler Maximilian Pfister von der Firma Frischvergiftung, der mit Citymanager Sven Hahn die Vorführung verfolgt und sich freut, dass das aufwendige 3-D-Mapping mit vier Projektoren so perfekt klappt. Über die Interpretation der Motive brauche man nicht nachzudenken: „Das ist alles KI-generiert.“ Eindeutiger wird es, wenn Fußbälle auf den Säulen rauf und runter kullern und das Großereignis für 2024 ankündigen: Die Fußball-Europameisterschaft, die auch in Stuttgart ausgetragen wird. „Die ganze Stadt ein Stadion“, heißt die Parole für die Zeit vom 14. Juni bis zum 14. Juli 2024, die von der Uefa weithin leuchtend auf den Königsbau geschrieben wird.
Fast doppelt so viele Menschen wie an einem gewöhnlichen Samstag
„Stuttgart leuchtet“: Dieser Ansage, mit der die Lichtshow eröffnet wird, hätte es kaum bedurft. Sieht man doch. Orangefarben leuchtende Kegellampen säumen die Markthalle und die Ladenfronten im Dorotheenquartier, bizarre Formationen wiegen sich rund um den Pusteblumenbrunnen im Wind, Ballons schaukeln in den Bäumen. Und der Regen hört auch wieder auf. 80 000 Euro, sagt Sven Hahn, koste die aufwendige Gestaltung dieser Langen Einkaufsnacht, die Kooperationspartner der City-Initiative – die BW-Bank, die Stadtwerke Stuttgart und die Königsbau-Passagen – haben es durch ihre Beteiligung möglich gemacht. Und damit laut Hahn rund 200 000 Menschen, doppelt so viele wie an einem normalen Samstag, in die Stadt gelockt. „Wir sind sehr zufrieden“, betont Rainer Bartle, Geschäftsführer vom Buchhaus Wittwer/Thalia: „Es kommt ein gutes Publikum, das nicht nur bummeln, sondern auch kaufen will und bereits Weihnachten im Blick hat.“ Die Lichtshow entspreche dem Zeitgeist, der finanzielle Einsatz dafür sei „bezahlbar und vertretbar“.
Auch auf dem Marktplatz ist einiges los
Ebenso begeistert äußert sich Thomas Breuninger, Geschäftsführer des Traditionsunternehmens Tritschler, das sein 300-Jahr-Jubiläum feiern kann: „Es war schon lange nicht mehr so erfreulich“, schwärmt er geradezu. Das Geschäft sei von morgens an voll gewesen, und die Frequenz habe den ganzen Tag bis in den Abend hinein angehalten. Als besondere Attraktion hatte Tritschler den Vier-Tonner-Truck am Marktplatz aufstellen lassen, in dem ein begehrtes Küchengerät beworben und vorgeführt wird. Herr über das mobile Monstrum ist der Spanier Ramon Gonzalez, der entspannt vom Dachgarten des Gefährts auf die City guckt und Stuttgart das beste Zeugnis ausstellt: „Die Menschen hier sind wunderbar, offen und harmonisch.“
Recht hat er, denn genau so entspannt und harmonisch genießen es die Besucher, im Dorotheenquartier beim kreativen Damen-Quartett der Designer-Boutique Kyra mit Handtaschen, Schmuck und Leder vorbeizuschauen und selbst gemachte Pralinen zu probieren, sich an den Food Trucks zu stärken, den ersten Glühwein aus Riesling oder Spätburgunder beim Jungwinzer Thomas Diehl zu trinken oder in der Markthalle zu erleben, dass sie mit Stehtischen und gut gelaunten Runden plötzlich sehr an das muntere Leben und Genießen in den Markthallen in Frankreich oder Spanien erinnert.
Rollschuh- oder Schlittschuhbahn?
„Ich mag solche verkaufsoffenen Samstage“, sagt Volker Huppner, der sich gleich noch bei Breuninger in aller Ruhe umsehen will. „Diese Events“, meint er, „sollten viel öfter stattfinden, denn die Städte sind darauf angewiesen“. Nur Alina ist nicht ganz zufrieden: „Ich vermisse die Eisbahn“, sagt die Stuttgarterin. Nicht, weil sie selber Schlittschuh fahren wollte, sondern weil durch den Wechsel zur Rollschuhbahn aus ökologischen Gründen das winterliche Flair fehle. Und das sei für das richtige Weihnachtsgefühl eben unerlässlich.