Stuttgart-Möhringen Wie diese Seniorin die Bienen retten will

Von Caroline Holowiecki 

Eine Seniorin aus Stuttgart-Möhringen widmet sich dem Schutz von Insekten. Ihr ebenso leidenschaftliches wie gottgefälliges Engagement für die Natur ist mitreißend und hat nun begonnen, auf andere abzufärben.

Irmgard Nowak erhält Unterstützung von Heike Walter. Foto: Caroline Holowiecki
Irmgard Nowak erhält Unterstützung von Heike Walter. Foto: Caroline Holowiecki

Möhringen - Weiß wie Kirschblüten, lila wie Flieder, gelb wie Hahnenfuß, blau wie der Teppich aus zigtausenden Vergissmeinnicht. Irmgard Nowaks Garten ist ein Blütenmeer. Silberblatt, Lichtnelke, Lungenkraut, Pimpinelle – die Seniorin aus Möhringen kennt ihre sämtlichen Mitbewohner beim Namen. Und sie alle sprießen rund ums Haus mit der prägnanten Efeu-Fassade nicht ohne Grund. Die 83-Jährige tut das meiste, was sie im Garten tut, für die Insekten. Sie bückt sich zu einer ausladenden Mariendistel. „Da sind die ganz scharf drauf“, sagt sie. Gerade hat sie zwei neue Insektenhotels gekauft. Kost und Logis sind hier für Schmetterlinge, Käfer, Bienen und Co. frei.

Gottes schöne Natur

Irmgard Nowaks Engagement endet nicht am Gartenzaun. Seit 2012 kümmert sie sich nach Absprache mit der Stadt um ein Wiesle zwischen Acker und Bahnlinie entlang der Rembrandtstraße. Zunächst hat sie einen Biobauern ausfindig gemacht, der den Boden des schmalen Dreiecks umgeschlagen und mit eingesät hat. Seither pflegt sie das Fleckchen Natur mit dem alten knorrigen Baum in der Mitte: Steine entfernen, magere Erde und Sand einbringen, Pflanzen setzen. Die Arbeit geht Irmgard Nowak nicht aus. „Ich möchte die schöne Natur, die Gott gemacht hat, den Menschen zeigen“, erklärt sie.

Das Feldkreuz, das unweit entfernt am Wegesrand Richtung Sonnenberg steht, hat sie 2011 aus ähnlicher Motivation gestiftet. Es steht für den Frieden, aber auch für die Bewahrung der Schöpfung. Um die ist es nach Überzeugung der Seniorin nämlich nicht gut bestellt. Irmgard Nowak hat die Nachkriegsjahre auf einem Bauernhof verbracht und vermisst die Artenvielfalt von früher. Sie spricht von einer „richtigen Armut“.

Mit 83 schwinden Irmgard Nowaks Kräfte. Der Rollator ist ihr Begleiter. Aber sie weiß sich zu helfen, und begeistert Andere für ihre Sache, die helfen. Etwa Heike Walter aus der Nachbarschaft. Der Umweltschutz liegt auch ihr als Nabu-Mitglied am Herzen, ihren Garten hat sie mit Nisthilfen, einem Teich und einer Blumenwiese ausgestattet. Nachdem Heike Walter vor zweieinhalb Jahren Nowak mit ihrem Bienen-Benefizstand auf dem Herbstmarkt entdeckt hatte, ging sie der Seniorin seither zu Hand. „Es macht mir Freude“, sagt die Softwareentwicklerin. Eine Wiese auszumagern und nachhaltig zu pflegen, sei ein jahrelanges Projekt. Die 30 Jahre ältere Insektenfreundin ist dankbar für diese Unterstützung. „Ohne sie könnte ich es nicht machen.“

Wilde Möhre in Töpfen

Die engagierten Frauen mussten aber auch Rückschläge hinnehmen. Regelmäßig klauben sie Müll aus der Wiese, jüngst hat jemand mit seiner Landmaschine auf dem Grünstreifen rangiert, tiefe Furchen hinterlassen und damit Leben vernichtet. „Diese Wiese hat einen schlechten Stand“, sagt Heike Walter. Doch das Duo will nicht aufgeben. „Die wird weitergepflegt, dafür werde ich sorgen“, sagt Irmgard Nowak. Um Geld für ihr Insektenprojekt zu sammeln, verkauft sie auf Wochen- und vor allem auf Herbstmärkten, etwa in Möhringen und Degerloch, Kränze und andere Gebinde. In Töpfchen zieht sie zudem bereits eine neue Generation Blümchen groß. Wilde Malve, Disteln, Wilde Möhre und Thymian warten schon darauf, in die Wildnis umzuziehen, wenn der Boden nicht mehr so hart und trocken ist. Für Heike Walter ist entscheidend: „Jeder kann etwas machen. Man kann aus einem kleinen Garten ein Naturparadies machen.“

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